Ein Trichter, der aufgefüllt wird

14. Oktober 2011, 09:19
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Operative Eingriffe ersparen Menschen mit Trichter- oder Kielbrust viel Leid - Ein neues Nachschlagewerk soll Schulärzte sensibilisieren

„Da kann man nichts machen und da braucht man nichts machen", berichtet Anton Schwabegger, von der Universitätsklinik für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie in Innsbruck, von Kommentaren über Brustwandfehlbildungen die er wiederholt zu hören bekommt. Und genau so passiert es dann auch: Eltern wie Kinder leben mit einer Trichter- oder Kielbrust, solange bis die Anomalie Beschwerden macht, oder aber der psychische Leidensdruck zu groß wird. Bis dato beschafften sich die Betroffenen dann Informationen darüber aus dem Internet oder Fachzeitschriften. Nun soll ein umfangreiches Nachschlagewerk Schulärzte, Allgemeinmediziner und Pädiater frühzeitig auf Brustwandfehlbildungen sensibilisieren. 

Nicht umsonst ist der Brustkorb so geformt, wie er geformt ist. Brustbein, Rippen und Wirbelkörper umgeben gemeinsam Lunge, Herz und große Blutgefäße zum Schutz vor schädlichen Einwirkungen von außen. Bei manchen Menschen ist aber die komplexe Verbindung zwischen Brustbein und knöchernen Rippen fehlerhaft programmiert, die sogenannten Rippenknorpel wachsen unverhältnismäßig. Daraus resultiert eine Überlänge, die zum Einfalten (Trichterbrust) oder Aufschieben (Kielbrust) der vorderen Brustwand führt.

Gendefekt wahrscheinlich

Jahrzehntelang wurde die Rachitis für die Trichterbrust verantwortlich gemacht. Heute bekommen Neugeborene nicht zuletzt deshalb kurz nach der Geburt bereits Vitamin-D verabreicht. „Keiner weiß ob die Rachitis vor Jahrzehnten tatsächlich für die Entwicklung einer Trichterbrust verantwortlich war. Angeschuldigt wurde sie trotzdem", weiß Schwabegger. Mit der Vitamin-D-Prophylaxe ist die Trichterbrust jedenfalls nicht verschwunden und mittlerweile halten Experten einen Gendefekt für die wahrscheinlichste Ursache dieser Fehlentwicklungen. 

Solange Brustwandfehlbildungen keinerlei funktionelle Beeinträchtigung verursachen, werden sie jedoch, wie erwähnt, vielfach auch von medizinischer Seite ignoriert. Tauchen mit zunehmendem Alter Leistungseinbußen auf, dann bekommt das Thema plötzlich Relevanz. Vor allem eine Trichterbrust kann Probleme bereiten, denn in dem verkleinernten Brustraum, ist für Herz und Lunge irgendwann zu wenig Platz. Herzklappenfehler können langfristig daraus resultieren und die mangelnde Entfaltungsmöglichkeit der Lungenflügel geht mit einem Sauerstoffdefizit einher, das sich vor allem bei körperlicher Belastung bemerkbar macht. 

„In über 80 Prozent der Fälle entwickeln die Kinder aber keine körperlichen Probleme", berichtet Schwabegger von den vordergründig harmlosen Verläufen. Psychisch sieht die Sache jedoch ganz anders aus. Besonders im Zeitraum der Pubertät erhöht sich der psychosoziale Leidensdruck für die Betroffenen selbst. Sind es also nicht die körperlichen Probleme, dann macht die Psyche bevorzugt in diesem Alter eine operative Korrektur eventuell notwendig.

Silikon oder Lipofilling

„Haltungstraining hilft nicht wirklich und mit der Saugglocke lässt sich die Entwicklung einer Trichterbrust vermutlich ebenfalls nicht aufhalten", hält der plastische Chirurg von konservativen Maßnahmen nicht allzu viel. Was also bleibt ist ein operativer korrektiver Eingriff, der bei der Trichterbrust abhängig von der Weite und Tiefe des Trichters ist. 

„Ist der Trichter klein, dann wird er über einen kleinen Hautschnitt mit Silikon aufgefüllt", beschreibt Schwabegger die einfachste operative Methode. Alternativ eignet sich bei wenig ausgeprägter Trichterbrustdeformität auch das so genannte „Lipofilling". Dazu wird irgendwo im Körper Fett abgesaugt und anschließend im Bereich des Brustbeins wieder eingebracht. Die ästhetischen Ergebnisse dieser autologen Eigenfetttransplantation sind unbestritten. Allerdings müssen die Patienten bis zu drei Eingriffe über sich ergehen lassen, da das Volumen schichtweise injiziert werden muss, damit es auch anwächst. Ist der Trichter sehr groß, dann kann der Brustkorb mit einem Metallbügel (Op-Methode nach Nuss, Anm. Red.) wieder aufgerichtet werden. Dieser muss ein bis drei Jahre im Körper verbleiben, bis die Skelettstrukturen sich an die korrigierte Form angepasst haben.

Die Kielbrust (Pectus carinatum oder Hühnerbrust, Anm. Red.) macht zwar keine funktionellen Probleme, ästhetische aber sehr wohl. „Durch die chirugische Verkürzung der Rippenknorpel und Durchtrennung des Brustkorbes entsteht ein mobiles Puzzle, das nach wenigen Tagen im Anschluss an die Operation mit einer Kielbrustbandage für zwei Monate in Position gehalten wird, bis es korrekt zusammengewachsen ist", erklärt Schwabegger. Findet sich der Leidensdruck in einem medizinpsychologischen Befund bestätigt, dann übernehmen die Krankenkassen auch im Fall der Kielbrust die Kosten.
„Vor allem Schulärzte sollten bei diesen Fehlbildungen ihre Funktion als primäre Berater wahrnehmen", betont Schwabegger abschließend und will mit seinem Nachschlagewerk Patienten zukünftig den oft mühsam langen Weg hin zur erlösenden Operation ersparen. (derStandard.at, 10.2011)

Congenital Thoracic Wall Deformities
Diagnosis, Therapy and Current Developments, Schwabegger, Anton H. (Ed.)
1st Edition., 2011, XII, 346 p. 421 illus. in color, Hardcover, ISBN 978-3-211-99137-4

  • Die Einziehung des Brustkorbes stellt insbesondere für junge Menschen eine große psychische Belastung dar.
    foto: medizinische universität innsbruck

    Die Einziehung des Brustkorbes stellt insbesondere für junge Menschen eine große psychische Belastung dar.

  • Bei der sogenannten Nuss-Methode wird über einen kleinen Schnitt unter der Achsel ein Metallbügel unter das Brustbein geschoben.
    foto: medizinische universität innsbruck

    Bei der sogenannten Nuss-Methode wird über einen kleinen Schnitt unter der Achsel ein Metallbügel unter das Brustbein geschoben.

  • Die Kielbrust ist durch eine Vorwölbung des Brustbeins gekennzeichnet.
    foto: medizinische universität innsbruck

    Die Kielbrust ist durch eine Vorwölbung des Brustbeins gekennzeichnet.

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