Tischfrei in Beyoglu

Blog11. Oktober 2011, 20:42
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Was nach Ordnungsmaßnahme im Ramadan aussah, ist geblieben: Keine Tische mehr vor Restaurants und Bars in Istanbuls Ausgehviertel

Es regnet jetzt sowieso, und wenn es nicht regnet, dann bläst ein Wind durch die Straßen von Istanbul, der die Fünf-Lira-Schirme der fliegenden Händler in Sekunden zerlegt. Aber: Die Tische sind trotzdem weg vor den Bars und Restaurants in Beyoglu, oder weitgehend zumindest. Und das ist ein ziemliches Problem, allerspätestens wenn das Wochenende wieder näher rückt. Denn der Türke ist ein "Outdoor"-Mensch – zentralasiatische Nomaden-Gene, witzeln manche über sich selbst – und will draußen sitzen, wenn er trinkt und tafelt und redet, und nicht drinnen und gleich gar nicht in Kellergewölben, wo es sich der Osteuropäer gemütlich macht, von Bulgarien bis Litauen. Die Osteuropäer wollen vergessen, die Türken wollen mitten drin sein im Leben.

Und die Touristen in Istanbul wollen natürlich etwas abhaben vom südlichen Flair. Darum sitzt alle Welt draußen an den Tischen, drinnen ist mehr für die Kellner, die verlängerte Startrampe aus der Küche. Im August, kurz vor Beginn des Ramadans, kam die Zabita, eine Art Miliz des Ordnungsamtes, die sich von Lebensmittelkontrollen bis freisinnig parkende Autos um so ziemliches alles in einem Stadtviertel kümmert. Sie haben morgens angerufen, sagt die Kellnerin im "Şiirci" mit dem schönen Namen Ayşe Baba, und mittags kamen die Zabita-Beamten und haben die Tische gepackt und aufgeladen.

Als der Fastenmonat vorbei, waren die Tische noch immer nicht zurück an ihrem Platz. Nicht beim "Şiirci" in der Süslüsaksı-Straße, einer Bar- und Restaurant-Straße parallel zur Massenmeile Istiklal. Und nicht beim Bab-i-Ali und all den anderen in der Mis Sokak, einer Durchfahrtsstraße vom Istiklal zur Tarlabaşı Caddesi, dem breiten Asphaltschlauch, der über Kasımpaşa hinauf zum Taksim-Platz geht und wo das Leben wirklich einmal verrucht war und heute noch so ein bisschen schwelt.

"Durchfahrtsstraße" ist das Stichwort: Die Stadtverwaltung von Beyoglu hat nicht Auskunft geben wollen über den Sinn der Tischwegräum-Aktion und an ihre Zabita verwiesen, und die Zabita hat geschwiegen oder immer auf morgen vertröstet, aber ein mutmaßliches Argument für die große Säuberung in Istanbuls Ausgehviertel ist der Umstand, dass die Tischreihen beiderseits so weit in die Straßen hineingewuchert sind, dass Krankenwagen, Polizei oder Feuerwehr nicht mehr einfach passieren konnten.

Passieren wollte angeblich auch der Konvoi von Premierminister Tayyip Erdogan. Es soll am 15. Juli gewesen sein, die Leibwächter wurden fuchtig, möglicherweise wurde dem frommen Premier auch noch von den Tischen aus zugeprostet. Danach ging jedenfalls das Tische-Einpacken los. Beyoglu wird von einem Bürgermeister der konservativ-muslimischen AKP regiert, ebenso Bakirköy, viel weiter im Westen, wo im September Kellner und Restaurantbesitzer mit den Zabita-Beamten rangelten, die auch hier mit Kleinlastern für die Tische angekommen waren. Kadiköy hingegen, auf der asiatischen Seite, das auch eine Trunk- und Essmeile sein Eigen nennt, steht unter der Herrschaft der säkularen Oppositionspartei CHP. Am vergangenen Wochenende hat die Stadtverwaltung dort gleich noch mit einem immens lauten Straßenfestival und dem Slogan "Hayat sokakta var" ("Das Leben ist auf der Straße"), woran nun wirklich nie ein Zweifel bestand, nachgelegt.

Auf die Wählerstimmen der Restaurantbesitzer und Kellner kann der Bürgermeister von Beyoglu wahrscheinlich getrost verzichten, weil das arbeitende und besitzende Volk anderswo wohnt. Ihren finanziellen Ausfall beziffern die Gastronomen allerdings mit bis zu zwei Drittel der Einnahmen. Ein Tisch mit zwei Stühlen bringt zum Beispiel in dem Fischrestaurant „Degustasyon“ unweit der Süslüsaksı-Straße am Abend zwischen 1000 und 1500 Lira. Eine ganze Tischreihe musste das Restaurant wegnehmen, drei Reihen blieben noch.

Die Bars und Restaurants bezahlten bisher für den Platz, den sie täglich auf den Straßen belegten, allerdings vergleichsweise geringe Beträge zwischen 250 und 750 Lira. Ein System ist bei der Tischräum-Aktion nicht zu erkennen. Manche Restaurants mussten alles von den Gehsteigen wegnehmen wie etwa in Cihangir, dem teuren Bohème- und Expat-Viertel auf der dem Bosporus zugewandten Seite von Beyoglu, oder vor dem Galataturm. Andere Restaurants konnten Terrassen, die nicht direkt auf die Straße reichten, behalten. Kleine Imbisse, die keinen Alkohol ausschenken, sind unbehelligt gelassen worden. Auch in der vornehmlich von Touristen visitierten Nevizade Sokak in der Nähe des Istiklal hat sich überhaupt nichts geändert. Sie ist voll wie ein U-Bahnabteil, von der einen Mauerseite zur anderen.

Das „Outdoor“-Volk protestiert nun auf seine Weise. In Cihangir machen es sich Intellektuelle mit dicken Bäuchen auf Sackpolstern bequem, was ein wenig infantil aussehen mag, aber seinen Zweck hinreichend erfüllt. Vor dem Galataturm sitzt das jüngere Volk nun eben mit Bierflaschen auf dem Boden. Dass die Ordnungspolizei kommt und dem unislamischen Treiben hier ein Ende setzt, ist nur eine Frage der Zeit. Dem Vernehmen nach aber verhandeln die Restaurantbesitzer weiter hartnäckig mit der Stadtverwaltung über 70 bis 100 Zentimeter Platz zum Großstadtleben.

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    foto: bey
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