"Der Schüler überholt den Lehrer durch Wikipedia inhaltlich"

Interview12. Oktober 2011, 13:20
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Rhetorik-Trainer Roman Braun über die fehlende Autorität von Lehrern und warum in jedem Kind eine Hochbegabung steckt

"Das Lehrer-Sein ist mit dem alleinigen Verbreiten von Wissen nicht mehr zu legitimieren. Wissen ist heute überall kostenlos", sagt Buchautor und NLP-Coach Roman Braun. Er fordert, dass sich Pädagogen in ihrer Ausbildung künftig vermehrt Soft-Skills aneignen, um die Schüler für den Lehrstoff zu begeistern: "Die Kids in der Schule haben ein Recht darauf, überwältigt zu sein von dem Angebot, das es dort gibt. Das kann nicht mehr nur das fachliche Angebot sein."

Warum die Eltern zuhause nicht auf die Schule schimpfen sollten, wie man die Hochbegabung eines Kindes feststellen kann und weshalb ein Uni-Professor weniger verdienen sollte als ein Lehrer, sagt Braun im Interview mit derStandard.at.

derStandard.at: Herr Braun, was ist Hochbegabung?

Braun: Ich habe jedes Mal erlebt, dass Hochbegabung darauf zurückzuführen ist, dass sich jemand aus purer Lust an der Sache mit seinem gesamten Erleben einer Sache zuwendet. Von allen Ecken und Enden her, sowohl im zwischenmenschlichen Austausch, als auch intrapersonell. Manchmal passiert die Konzentration auf ein Gebiet durch Angebote aus der Umwelt, manchmal durch Zufall. Man kann dann gar nicht verhindern, dass Menschen sehr gut werden. Man könnt auch sagen, das Gegenteil von jemandem, der hochbegabt ist, ist ein Universalist, der aber nicht weiter auffallen würde.

derStandard.at: Wie äußert sich Hochbegabung bei einem Kind?

Braun: Man muss unterscheiden zwischen Hochbegabung und Frühbegabung. Es ist sehr heikel und anspruchsvoll, das auseinanderzuhalten. Es kann sein, dass ein Kind, das die Sprache spät entwickelt, in anderen Bereich hochbegabt ist: Weil es sich anderen Dingen gewidmet hat und dort Ressourcen aufgebaut hat. Hochbegabung bei Kindern definiert man am besten damit, dass das Kind einen kontinuierlichen Fähigkeitsvorsprung gegenüber Gleichaltrigen hat.

Es gehört nicht dazu, dass das Kind auch in der Lage ist, das auszudrücken und zu kommunizieren. Es kommt immer wieder vor, dass hochbegabte Kinder in der Hauptschule bis Sonderschule landen, weil sie vom Unterricht gelangweilt sind und daher gar nicht teilnehmen.

derStandard.at: Wie entdeckt man eine Hochbegabung?

Braun: Das ist nicht immer leicht. Es braucht aufmerksame Erwachsene rundherum und eine intensive Beziehung zwischen dem Kind und den Eltern und zwischen dem Kind und den Pädagogen. Hier wäre eine Aufgabe von Lehrern, den Kindern aufmerksam und offen zu begegnen.

derStandard.at: Wieviel Prozent der Kinder sind hochbegabt?

Braun: Bei richtiger Förderung geht man davon aus, dass jeder hochbegabt ist, dass jedes Kind irgendwo eine Hochbegabung hat. Daher ist die Aufgabe des Pädagogen hinzuschauen. Aber nicht jede Hochbegabung ist in unserer Kultur relevant oder geschätzt. Das geht dann oft unter.

Die Anzahl jener Kinder, die eine Hochbegabung haben, von der man im allgemeinen Sprachgebrauch ausgeht, liegt unter einem Prozent – also jene Kinder, die Qualitäten liefern, die allgemein geschätzt sind: Mathematik, sprachliches Können.

derStandard.at: Was sind Hochbegabungen, die nicht geschätzt werden?

Braun: Es wäre zum Beispiel möglich, dass ein Kind ein biologisches Verständnis aufbringt, das nicht als Hochbegabung eingeordnet wird. Oder dass ein Kind eine Begabung für Formen und Farben hat, die vielleicht als Lust am Malen bewertet wird.

derStandard.at: Welches Umfeld braucht ein Kind, damit es seine Hochbegabung entfalten kann?

Braun: Das Entscheidende ist, dass die Hochbegabung wahrgenommen wird. Das braucht gewisse Qualitäten vom Lehrer und mehr Menschenorientierung, genügend Einfühlungsvermögen und Empathie. Es braucht eine gute Vertrauensbasis, damit das Kind sich so weit öffnet.

derStandard.at: Verfügen Pädagogen über diese Qualitäten im derzeitigen Schulsystem?

Braun: Vom heutigen Schulsystem aus gesehen, vor allem von dem aus gesehen, was bei der Fortbildung und der Lehrerausbildung Priorität gehabt hat in den letzten Jahrzehnten, müsste man es so formulieren: dass es erstaunlicherweise Lehrer gibt, die das liefern.

derStandard.at: Aber das ist mehr die Ausnahme?

Braun: Es ist absolut auf die Eigeninitiative eines Lehrers zurückzuführen. Die Lehrer haben derzeit zu wenige Soft-Skills. Darum wird das in den nächsten Jahren ein Hauptfokus der Lehrerausbildung sein müssen, aus vielerlei Gründen. Dass das Thema Mobbing stark zunimmt, hat auch damit zu tun, dass Lehrer zu wenig dafür ausgebildet wurden, und auch nicht sozialisiert wurden, mit solchen Problemen umgehen zu können.

Die einzig mögliche Mobbing-Prävention ist, dass der Lehrer genügend Soft-Skills hat, um den Schülern in der Klasse das dramatische Geschehen reflektieren zu können. Das ist die einzige wirklich richtige Mobbing-Prävention. Und wenn es so weit gekommen ist, die einzig sinnvolle Intervention. Das braucht aber eine Kommunikationsausbildung auf einem hohen Niveau. Dazu gehört Wissen über Gruppendynamik: Ohne einem klaren rangdynamischen Konzept ist es reiner Zufall, ob es in einer Klasse Mobbing gibt oder nicht.

derStandard.at: Diese Ausbildung soll in die normale Lehrer-Ausbildung integriert werden?

Braun: Ich würde es jedem Lehrer empfehlen. Die Lehrer wollen dieses Know-How haben.

Man muss sich überlegen, wie heutzutage das System Schule noch zu rechtfertigen ist. Ehrlicherweise muss man sagen: die Vorlesung ist zu Ende. Ein Vortragender heißt Lektor, das kommt aus einer Zeit, als kaum jemand lesen konnte und man daher noch keine Bücher brauchte. Es gab handgeschriebene Bücher, da hat es eines in der Stadt gegeben. Einer konnte Lesen, die anderen sind zusammengekommen und haben gehört. Sie waren die Hörer. Heute überholt der Schüler mit seinem Handy auf Wikipedia den Lehrer inhaltlich.

Das Lehrer-Sein ist mit dem alleinigen Verbreiten von Wissen nicht mehr zu legitimieren. Wissen ist heute überall kostenlos. Jetzt muss der Lehrer zwei Dinge können: Den Schülern beizubringen, wie sein Lernen funktioniert. Und er muss voraus denken können, was der Schüler später einmal brauchen wird, wenn er erwachsen sein wird. Das ist der Hauptunterschied zwischen Schule und Familie. Vom Gesamt-System Schule und den ganzen Ministerien darf man sich erwarten, dass durch Berechnungen ersichtlich wird, welches Know-How gefragt ist, wenn man ins Berufsleben eintritt. 70 Prozent der Berufe wird es erst geben, wenn die Kinder, die jetzt die Volksschule besuchen, erwachsen sind.70 Prozent der Berufe, die dann zur Verfügung stehen werden, gibt es heute noch nicht. 50 Prozent der Berufe gab es nicht, als ein heute 30-Jähriger in die Volksschule gegangen ist. Von der Schule ist zu erwarten, dass sie hochrechnet, auf welche Welt wir die Kinder vorbereiten.

derStandard.at: Was würde es bringen, wenn ein Lehrer mehr soziale Kompetenzen hat?

Braun: Wenn der Lehrer aus dem Fachlichen heraus nicht mehr genügend Vorsprung hat: warum soll der Schüler ihm folgen? Das ist ein tolles Schlagwort. Kinder sollen folgen, sie können nur folgen, wenn die Lehrer vorausgehen. Die Kids in der Schule haben ein Recht darauf, überwältigt zu sein von dem Angebot, das es dort gibt. Das kann nicht mehr nur das fachliche Angebot sein.

So blöd das klingt, wenn Schule funktionieren soll, muss so viel passieren, damit Lehrer wieder ein elitäres Standesbewusstsein haben können. Dann haben sie einen Bildungsvorsprung, eine Vorsprung in ihrer Persönlichkeit – sie sind in ihrer Persönlichkeit sehr interessant und sie können Konflikte in der Klasse so interessant managen, dass die Kinder wissen, ok, das finde ich nicht auf Wikipedia. Das kann ich nur live im Klassenzimmer lernen.

derStandard.at: Welche Rolle spielen die Eltern? Sie sind heutzutage ja sehr stark angewiesen auf die Schule, alleine wegen der Beaufsichtigung.

Braun: Sie haben Recht, zu einem großen Teil werden die Kinder in die Schule abgegeben und man möchte dann nichts mehr damit zu tun haben. Im schlimmsten Fall schimpft man noch über die Schule und die Lehrer und erwartet dann, dass die Schule funktioniert. Das geht aber nicht. Wenn die Schule funktionieren soll, müssten die Eltern die Lehrer mit genügend Autorität ausstatten, sie müssten den Lehrern im Schulsystem den Vorrang geben. Der Lehrer muss ein hohes Ansehen genießen.

derStandard.at: Es wird derzeit diskutiert, ob die Lehrer-Ausbildung an Universitäten oder an den Pädagogischen Hochschulen stattfinden soll. Was finden Sie besser?

Braun: An den Pädagogischen Hochschulen denkt man sich ein paar Vorteile, die aber bei den Universitäten leicht nachzubilden wären.

derStandard.at: Wenn ich Sie richtig verstehe, ist das Wissen, das vor allem auf den Unis generiert wird, heute aber nicht mehr das wichtigste, das die Lehrer brauchen?

Braun: Sie brauchen es nach wie vor, nur von dort alleine kommt die Autorität nicht mehr her. Ärzte leiden da auch darunter. Es kommt ein Patient in die Sprechstunde und hat im Internet schon alles recherchiert. Die besten Ärzte berücksichtigen das: "Ahja, was haben Sie auf Netdoktor und Wikipedia dazuschon gelesen?" Das muss man zur Kenntnis nehmen.

derStandard.at: Bis wann hat das System Schule funktioniert? Wann ist der Umbruch gekommen?

Braun: Ich habe den Umbruch quasi live in meiner Gymnasialzeit miterlebt. Bis zur vierten Klasse ist alles noch ganz normal gelaufen. Dann wurde das Schulunterrichtsgesetz als Reklamheftchen verkauft. Wir haben das gelesen und daraufhin den Unterricht angehalten und gesagt: "Das können Sie nicht machen, im Gesetz steht das und das."

Wir waren nicht die einzigen Schüler, die das gemacht haben. Es hat eine Entmachtung des Lehrers stattgefunden – in einer postegalitären Bewegung. Die 68er waren schon lange vorbei, aber in Österreich ist man Mitte der 70er-Jahre draufgekommen. Ab 1975 hat man den Lehrerberuf abmontiert.

derStandard.at: Welche Reform würden Sie im Bildungssystem sofort umsetzen?

Braun: Wenn ich mir was wünschen dürfte: Die Volksschullehrer müssten die längste Ausbildung haben, die größte Selektion, die stärkste Persönlichkeitsentwicklung erfahren, am meisten bezahlt bekommen, das höchste Image haben, sodass die gesamte geistige Elite des Landes in den Beruf hineindrängt.

derStandard.at: Sie sollen wichtiger sein als Universitätsprofessoren?

Braun: Ja! Würde das was kosten? Ja! Und diese Kosten wären eine Investition in die Zukunft, die wir der nächsten Generation eigentlich schuldig sind. (Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 12.10.2011)

ROMAN BRAUN (51) studierte Psychologie, Philosophie und Pädagogik in Wien. Er absolvierte eine Ausbildung in NLP (Neurolinguistische Programmierung) und veröffentlichte u.a. das Buch "Die Macht der Rhetorik. Besser reden, mehr erreichen". Braun ist Mentalcoach von Spitzensportlern und Politikern. Laut einem Bericht im Nachrichtenmagazin Format verrechnet er für einen Trainingstag 10.000 Euro, für eine Coaching-Stunde 1.000 Euro.

  • Rhetorik-Coach Roman Braun: "Wissen ist heute überall kostenlos." Deshalb reiche den Lehrern der Bildungsvorsprung alleine nicht mehr, sie brauchen eine Vorsprung in ihrer Persönlichkeit.
    foto: standard/cremer

    Rhetorik-Coach Roman Braun: "Wissen ist heute überall kostenlos." Deshalb reiche den Lehrern der Bildungsvorsprung alleine nicht mehr, sie brauchen eine Vorsprung in ihrer Persönlichkeit.

  •  "Wenn die Schule funktionieren soll, müssten die Eltern die Lehrer mit genügend  Autorität ausstatten, sie müssten den Lehrern im Schulsystem den Vorrang geben."
    foto: braun

    "Wenn die Schule funktionieren soll, müssten die Eltern die Lehrer mit genügend Autorität ausstatten, sie müssten den Lehrern im Schulsystem den Vorrang geben."

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