Nervenworkout

11. Oktober 2011, 19:30
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Ein Chef, der überraschend einen Verlust seiner Bank vermeldet hatte, suchte lauwarm Untergangsängste zu zerstreuen

Angstlust ist ein anstrengendes TV-Vergnügen. Andererseits: Man verbraucht ein paar Zusatzkalorien, und kosten tut das Ganze in der Regel auch nichts. Außer etwa jene Minuten, die eine ZiB 2 beansprucht, welche immer für Nervenkitzel gut ist - so sind halt die Zeiten - und am Montag wieder über sich hinauswuchs. Klar: Es ging um das schuldengebeutelte Bankeneuropa. Armin Wolf trug - dem Lageernst entsprechend - korrektes Schwarz. Und auch sonst ergab alles ein schönes Gruselbild, nicht nur das Cover des Economist, auf dem "Fürchtet euch" stand, wurde gezeigt.

Auch ein ebenfalls in Schwarz erschienener Bankchef, der überraschend einen Verlust seines Unternehmens vermeldet hatte, suchte lauwarm Untergangsängste zu zerstreuen. Bezüglich möglicher Horrorszenarien konnte er dementsprechend nicht anders, als "alles für möglich" zu halten. In ihrem Schreckencharme war diese Offenheit denn auch von einem wie immer gütig lächelnden und sprechenden Gouverneur der Nationalbank nicht zu neutralisieren. Schließlich trug auch er verdächtiges Schwarz, wie auch der befragte Wirtschaftswissenschafter, dem sich - farbmäßig ebenso düster - Luxemburgs Ministerpräsident Jean-Claude Juncker anschloss.

Von Wolf befragt, meinte Letzterer ehrlich, man könne "nicht in jedem Augenblick die volle Wahrheit sagen", um schließlich in einer letzten Steigerung zu ergänzen, dass man als Politiker zugeben müsse, "dass man manchmal nicht weiß, wie die Dinge anzufassen sind". Danke! Wen nicht hier ein "Rette sich, wer kann, es kommt der perfekte Sturm!"-Gefühl überkam, war nicht dabei. Herrlich, so ein Nervenworkout. (Ljubisa Tosiæ/DER STANDARD; Printausgabe, 12.10.2011)

  • Treichl in der "ZiB 2".
    foto: screenshot/orf-tvthek

    Treichl in der "ZiB 2".

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