Theaterspielen fördert sprachliche, kreative und soziale Fähigkeiten

11. Oktober 2011, 18:14
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Ein Symposium gab künstlerische und wissenschaftliche Antworten, warum Schauspielen im Kindesalter wichtig ist

Welcher Zusammenhang besteht zwischen Theaterspielen und sozialer Kompetenz? Fördern szenische Elemente im Unterricht die Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen? Wenn ja, wie? Und: In welcher Rolle bringt sich dabei die Wissenschaft ins Spiel? Diese Fragestellungen standen im Zentrum des Symposiums "Theater wirkt!" im Ronacher.

Die Leiterin des Wiener Kindertheaters Sylvia Rotter und der renommierte deutsche Gehirnforscher Manfred Spitzer haben es initiiert und stellten die künstlerische Praxis des Schauspielens mit wissenschaftlichen Theorien und Erkenntnissen in Verbindung.

Absturz ohne Konsequenz

Spitzer ist der Gründer des Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen (ZNL) an der Universität Ulm und betreibt Grundlagenforschung über die Zusammenhänge von Gehirnfunktion und Lernprozessen. Er machte bei seinem Eröffnungsvortrag deutlich, dass das Gehirn mit einer unglaublichen Lern- und Anpassungsfähigkeit ausgestattet ist. Für die enorme Bedeutung des Theaterspiels im Kindes- und Jugendalter stellte er einen Vergleich an: "Es verhält sich zum Leben wie ein Flugsimulator zum Fliegen: Man darf etwas falsch machen, die Kontrolle verlieren, abstürzen, und es gibt keine Konsequenzen." Kinder müssen das ausprobieren dürfen, was sonst nicht geht.

Wissenschafter und Buchautor Spitzer will Bewusstseinsbildung vermitteln. Dass Kinder elementare verbal-motorische Fähigkeiten erlernen, darf in unserer technologisierten Welt nicht vernachlässigt werden. "Es braucht keinen Computer im Kindergarten." Das Symposium, bei dem Theaterschaffende, Wissenschafter, Lehrer und interessierte Eltern anwesend waren, brachte die Erkenntnis, dass Unterrichtsfächer wie Musik, Kunst, Handarbeit, Schauspiel die Aufmerksamkeit erhöhen, die Körperwahrnehmung verbessern, das Selbstbewusstsein steigern und soziale Fähigkeiten fördern.

Außerdem werden Schauspiel, kreatives Lernen und musikalische Elemente für sämtliche Unterrichtsfächer wirksam. Die Kombination von Kreativität und Wissenschaft ist in dem namhaften kanadischen Komponisten und Psychologieprofessor Glenn Schellenberg vereint. Er konnte nicht extra aus Toronto anreisen, seine Frage "Macht Musik schlau?" stellte stattdessen die Pädagogin Susanne Scharnagl (ZNL): "Schellenberg konnte auf der Basis vieler Studien und durch die beständige Hinterfragung des sogenannten Mozart-Effekts nachweisen, dass Musikunterricht bessere Schulnoten und einen höheren IQ bewirkt."

Komödiantische Ausschnitte

Das gilt auch für den Theaterunterricht. Wie die theoretischen Überlegungen in die künstlerische Arbeit umgesetzt werden können, zeigt Rotter mit dem 1994 gegründeten Wiener Kindertheater. Ihre schauspielende Kinderschar gab zum Abschluss des Symposiums komödiantische Ausschnitte aus ihrer aktuellen Produktion Krach in Chiozza von Carlo Goldoni zum Besten. Da wurde getanzt, gesungen, gelacht, da gab es Eifersucht, Missverständnisse und Streit. Stimmkräftige Mädchen und Burschen argumentieren Für und Wider einer Heirat, am Ende siegten Liebe und Frohsinn.

Jährlich melden sich bis zu 300 Kinder beim Kindertheater an, um in Workshops die bewährte Rotter-Methode in Anspruch zu nehmen, deren Erfolg auf einer Mischung aus Spielen, Sprachübungen, Improvisation, Rhythmus und Tanz basiert. "Wir wissen, dass Sprache und Kreativität der Schlüssel für die soziale Entwicklung junger Menschen sind und auf ein erfolgreiches Leben vorausdeuten", sagt Rotter. 2008 gründete sie die Bildungsinitiative "Schule für das Leben", deren Studien die Auswirkungen der Theaterarbeit mit Kindern und Jugendlichen überprüft.

Lehrlinge auf der Bühne

"Wir liefern einen praktischen Beitrag zu aktuellen Bildungsdebatten, und die Wirtschaft profitiert von besser ausgebildeten Mitarbeitern mit sozialen Fähigkeiten", sagt Rotter, die mit Lehrlingen der Lebensmittelkette Spar Romeo und Julia in einer Version von Felix Mitterer auf die Bühne brachte. Am Symposium wurden die Erlebnisse und Ergebnisse der Shakespeare-Lehrlinge präsentiert. 97 Prozent würden sofort wieder auf eine Bühne gehen.

Durch das Theaterspielen hätten sie bessere Selbsteinschätzung und einfacheren Umgang mit Kunden gelernt. Lehrling Malik Bilal (22) scheint sich von der Schauspielsprache noch nicht ganz getrennt zu haben: "Es war eine Erlebnisfahrt ins Unbekannte und eine Offenbarung für alle Mitwirkenden." (DER STANDARD, Printausgabe, 12.10.2011)


Vortrag von Manfred Spitzer am 13. Oktober in der Wiener Stadthalle (Halle F, Beginn: 15.00 Uhr) über "neues Lernen" und die Bedeutung des Theaterspielens zur Steigerung der Lernfähigkeit.

  • Renommierte Wissenschafter erforschen junge Schauspieler: Das Wiener 
Kindertheater brachte während des Symposiums Szenen aus dem Stück "Krach in 
Chiozza" von Carlo Goldoni zur Aufführung.
    foto: lukas beck

    Renommierte Wissenschafter erforschen junge Schauspieler: Das Wiener Kindertheater brachte während des Symposiums Szenen aus dem Stück "Krach in Chiozza" von Carlo Goldoni zur Aufführung.

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