Lobbyisten-Gesetz

Von Gaunern, Gönnern, gestrengen Gesetzen

11. Oktober 2011, 18:28

Die Regierung versucht für ihr neues Lobbyistengesetz zu lobbyieren: Es schafft weiche Auflagen für Kammern und Interessenverbände

Fast hätte man meinen können, Erwin Pröll sei über seinen einstigen politischen Ziehsohn hergezogen. "Man kann sich im Parlament noch so viele Gesetze zur Korruptionsbekämpfung überlegen", polterte der Landeshauptmann von Niederösterreich am Dienstag in Heute: "Wenn jemand ein Gauner ist, wird er auch einen Weg finden, das schärfste Gesetz zu umgehen."

Überhaupt, so der Befund von Pröll, habe es "viele Gauner in die Politik gespült, die aufgrund ihrer Wertestruktur nicht in der Lage waren, verschiedensten Verlockungen des Lebens zu widerstehen." Und deshalb: Müsse schon bei der Auswahl der Politiker auf ihren Charakter geachtet werden.

Ernst Strasser kann der mächtige ÖVP-Mann damit aber unmöglich gemeint haben, denn seine Entdeckung hat Pröll ja höchstpersönlich zum Innenminister und später zum ÖVP-EU-Delegationsleiter hochgepusht.

Ein paar Dutzend Kilometer weiter östlich von St. Pölten, im Wiener Kanzleramt, verkündeten die Regierungsspitzen an diesem Morgen jedenfalls stolz ihre Einigung über das neue Lobbyistengesetz. Also just jenes Regelwerk, das angesichts der Affäre rund um den früheren EU-Abgeordneten und Pröll-Liebling Strasser ersonnen worden ist, der im Frühjahr über das Lockangebot zweier Reporter der Sunday Times gestolpert war, die sich als Lobbyisten ausgegeben hatten. Die Aufdecker hatten Strasser für Gesetze Geld in Aussicht gestellt - und als Antwort Aussagen wie "Ich habe jetzt fünf, hoffentlich ab morgen sechs Kunden, wo ich so ein Berater bin" auf Video bannen können.

Seit Publikwerden des Falls, also seit gut sechs Monaten, verhandelten SPÖ und ÖVP im Rahmen ihres bis Jahresende geplanten Transparenzpakets auch über strengere Auflagen für Lobbyisten, die Bestechungsversuche gegenüber Politikern eindämmen sollen. Neben der Pflicht zur Eintragung in ein Register werden sie bei Rechtsgeschäften mit dem Bund mit einem Provisionsverbot belegt, bei Zuwiderhandeln gegen das Gesetz sind sie im Wiederholungsfall mit bis zu 60.000 Euro Strafe bedroht.

Warum diese Einigung derart lang gedauert hat? Weil Rot und Schwarz bis zuletzt darüber stritten, ob denn auch Kammern und Interessenverbände unter das gestrenge Gesetz fallen sollen, die ihnen selbst oft nahestehen - wie die Arbeiterkammer der SPÖ oder die Industriellenvereinigung der ÖVP, die etwa Ex-Finanzminister Karl-Heinz Grasser einst für dessen Web-Auftritt bedacht hat.

Herausgekommen ist jetzt ein windelweicher Kompromiss, denn: Sanktionen drohen nur Lobbyingunternehmen und Unternehmenslobbyisten, nicht aber Selbstverwaltungskörpern und Interessenverbänden. Diese sind ab März 2012, wenn das Gesetz in Kraft tritt, bloß dazu angehalten, die Zahl der für sie tätigen Personen und ihre geschätzten Kosten für das abgelaufene Geschäftsjahr bekanntzugeben. Abgeordnete, die als Mitglieder eines Selbstverwaltungskörpers oder Interessenverbandes fungieren, sind von den Bestimmungen überhaupt ausgenommen - und zwar auch dann, wenn sie bei Ausübung ihrer Funktion dessen Interessen wahrnehmen.

Also alles total transparent? Justizministerin Beatrix Karl berief sich am Rande des Ministerrats auf die Ähnlichkeit mit Regelungen wie auf EU-Ebene und darauf, dass die Kammern ja kollektive Interessen vertreten. Der rote Kanzler und sein schwarzer Vize beschworen mehrmals "mehr Transparenz".

Noch etwas hat Pröll übrigens moniert: "Mein" und "dein" zu unterscheiden sei in der Politik "das Mindeste". Bei den eigenen Lobbys hat man ihn schon beim Wort genommen. (Nina Weißensteiner, DER STANDARD; Printausgabe, 12.10.2011)

Kommentar posten
24 Postings
prove
00
12.10.2011, 22:24

Bitte nicht alles immer so negativ sehen:

Auch wenn die Öffentlich keinen Einblick ins Lobbyingregister bekommen, so können doch Hochegger und Co. dort endlich nachsehen, für wen sie ihre Leistung erbracht haben.

Schmalzfiedler
00
12.10.2011, 19:30
Wenn man die originalen Beweisvideos

auf Youtube auch immer fleißig löscht - hier eine Parodie auf die Causa Strassewre http://www.youtube.com/watch?v=Ve_HkJI7RZ4

mikromalist
 
01
12.10.2011, 12:56
Das Märchen von den freien Märkten

http://physicsoffinance.blogspot.com/2011/09/l... isual.html

Politisches Lobbying verzerrt, IMO, noch mehr und Korruption ist sowieso der Gipfel.

Gustav Zeplichal
00
12.10.2011, 19:18
Strassers Aktion in Brüssel ist legal!

§1 Abs. 2 sagt, dass das schöne Lobbyistengesetz nur gilt, wenn man die "österreichische ... Verwaltung" beeinflussen will. Kein Wort von der EU ! Herrlich, nicht?

gustav gans42
01
12.10.2011, 12:40

Könnts bitte in Zukunft zu diesem Thema ein Symbolbild verwenden; so aus fotolia oder ähnlich.
Ich kann dieses widerliche Grinsen nicht mehr ertragen.
DANKE!

arsen hitrach
00
12.10.2011, 12:38

A süffisantes Grinsen zum einetretn.

Albert Wittwer
00
12.10.2011, 12:06
lasches Recht - viel Moral

am meisten nervt das permanente Moralisieren. Statt die Rechtsvorschriften eindeutig zu beschließen. Oh Geheimnis des vom Lobbyisten gestifteten Nutzens für den, der am Ende das Honorar zahlt? Ich glaubte immer, das sei Untreue, aus dem Vermögen eines Vollmachtgebers, eines Vertretenen, an jemand für eine erkennbar sinnlose Leistung oder Pseudoleistung ein Honorar zu zahlen. Und Betrug gegenüber dem Vertretenen, sie zu nehmen.
Auch das Outsourcen von Beratungsleistungen für Arbeiten, die leicht im Ministerium gemacht werden können? Werden da der Republik nicht vermeidbare Kosten aufgebürdet?

J. Reichhart
12
12.10.2011, 08:53
dieses gesetz ist der reinste hohn!

diese affenregierung verarxxxt den bürger noch dreister und unverschämter als alle zuvor!

wie lange lassen wir uns das noch gefallen?

viola1911
01
12.10.2011, 13:18

ewig, weil in einer endsolidarisierten gesellschaft schaut man nur auf sich und solange man ein einigermaßen normales leben führen kann und nicht am hungertuch nagt, wird sich kein größerer widerstand gegen den irrsinn bilden.

auf jeden fall wieder mal für alle politischen coleurs genügend lücken, um sich nach wie vor in gewohntem ausmaß selbst zu bereichern-grauslich.

Franz Woyzecks liebste Erbse
04
12.10.2011, 08:37

Alles Augenauswischerei. Der Parteienstaat hat sich in Österreich bereits vollständig verselbständigt und betreibt seit den 90er-Jahren eine reine Brot-und-Spiele Politik, wo ein Großteil der Bevölkerung zu Lasten zukünftiger Generationen mit großzügigen Pensionen ruhig gestellt wird.

Die derzeitige Gesetzeslage ist zwar sicher verbesserungswürdig, aber wenn die mit den Parteien verfilzte Justiz nicht tätig wird, nützt das beste Lobbyistengesetz nichts. Verurteilt wird bei uns immer nur die zweite und dritte Garnitur (Scheuch), aber die Grassers kommen durch.

Es wird Zeit für ein Antikorruptionsvolksbegehren. Und bitte auch gleich die Parteienfinanzierung an internationale Standards angleichen. Denn die wahren Probleme liegen dort.

Wieviel Demokratie ist es bitte?
07
11.10.2011, 23:41
Nach zig Jahren

Zwangsmitgliedschaft i.d. WKO und abliefern der "Kammerumlage" ist von irgendeinem Nutzen dieses absolutistischen Potemkin'schen Gebildes im Verfassungsrang, nichts zu bemerken.

Von kollektiver Interessenvertretung kann bei beiden Kammern keine Rede sein.

Allenfalls von der großen Kollekte aus den Taschen der gezwungenen Mitglieder.

So wie das hier konstruiert ist, ist es ohnehin einzigartig: einzigartig absolutistisch, korrupt und als Schattenregierung.

Völlig verrückt.

Eine Daseinsberechtigung haben die noch nie nachweisen können, ob die nun offiziell "lobbyieren" oder nicht, I don't give a flying sh..

Die müssen aus der Verfassung wieder rausgeschraubt werden und der Geld melkende Zwang muß weg.

leser 4712
04
11.10.2011, 23:07
wie viele tage

bis zur nächsten wahl?

... und dieses mal gilt: wir haben nichts vergessen!

Geoffrey of Monmouth
00
12.10.2011, 12:04

Das Problem ist dann aber nur: Wen wählen? In Österreich wird das von Wahl zu Wahl schwieriger.

Der Post(ing)mann
 
01
12.10.2011, 09:00

...des wird schwierig:

1.) Sie haben eines vergessen. Nämlich, daß wir vor Wahlen immer alles vergessen.

2.) Sollten wir ausnahmsweise nicht vergessen, wen wollen wir denn wählen???

Farin
00
12.10.2011, 11:05

Die Piraten. Die bessere Wahl (verglichen mit der FPÖ) um ein Zeichen zu setzen. Uns wenns net am Zettel stehn, schmier ich sie dazu :D

Andreas W
03
11.10.2011, 21:33
Ein Glück, dass unsere StAs so schnell und effektiv arbeiten!

Sonst könnten ja diese menschenverachtenden, egoistischen Verbrecher a la Grasser, Meischberger, Hochegger etc noch immer in ihrem ergaunerten Luxus schwelgen!

Aber wenigstens für den Schutz der Reichen und ihrer Banken ist genug Geld da - für 99 % der Menschen in diesem Land würde die bestehende Einlagensicherung von 100.000 Euro pro Person und Bank ja mehr als reichen.

lagrangian
00
11.10.2011, 21:07

Die sind veraltet...

chem
00
11.10.2011, 19:51
Eigentlich gibt es einen sehr, sehr alten Verhaltenkodex - der hat genau 10 Gebote !!

Martin Brunner
00
11.10.2011, 23:58
von denen zählen für mich auch nicht alle!!!

ich bin atheist und fühle mich von den ersten (anscheinend wichtigsten) geboten nicht angesprochen...

Cleaner
00
11.10.2011, 19:32
Hochegger gehört sofort in U - Haft !!!

Crake
 
01
11.10.2011, 20:14

falls es sie tröstet: der hochegger ist genau so tief gestürzt wie er gelogen ist. http://www.falter.at/web/print... hp?id=1479

Lüge
47
11.10.2011, 19:00
die nächsten wahlen kommen früher, als den witzfiguren bewusst ist.

strache wirds schon richten!

schlimmer als diese lauwarmen kompromisse kann es nicht sein, im gegeteil, strache wird sich beweisen müssen.

da wird endlich was weitergehen!

Hans Uhlik
 
20
12.10.2011, 12:25
Sie sind ein gutes Beispiel für die Vergeßlichkeit der Wähler!

onlooker
22
11.10.2011, 20:16
ja wie heissen manche von ehemaligen fpö, bzö granden, gegen die ermittelt wird

scheibner , scheuch, grasser, meischberger der war ja auch nicht irgendwer, gorbach die liste ist lang, wir haben diese abzocker schon genossen, die haben sich selbst ins abseits gestellt, dies leute haben uns milliarden gekostet, wir werden noch viele jahre dafür zahlen müssen, und die verurteilten werden uns noch im knast einiges kosten, NEIN DANKE

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.