Proteste gegen Sarkozys Sparpläne

Stefan Brändle aus Paris, 11. Oktober 2011, 17:50

Franzosen gingen auf die Straße - hielten sich aber fürs Erste noch zurück

"Sie kriegen alles, wir kriegen nichts", lautete ein Spruchband bei der Kundgebung in Straßburg, um präzisierend anzufügen: "Es ist unser Geld." Viele hundert Kilometer weiter westlich, in der bretonischen Stadt Brest, war der Slogan fast identisch: "Es ist ihre Krise, es liegt nicht an uns, dafür zu zahlen."

Sie - das sind natürlich die Banken und Geldinstitute, die von den europäischen Behörden mit Milliarden gestützt werden. Offiziell war der Aktionstag der französischen Gewerkschaften gegen den Sparplan der Regierung in Paris gerichtet. Doch die Wut der Zehntausenden von Demonstranten richtete sich in erster Linie gegen den Finanzsektor, in dem 2010 über 50 Milliarden an Dividenden in private Hände flossen.

Im ganzen Land fanden fast 200 Umzüge statt, die größten in Paris und Marseille. Der Eisenbahnverkehr litt sehr unterschiedlich: Es verkehrten zwar drei von vier TGV-Zügen, doch der Pendlerverkehr in den Großstädten war stark beeinträchtigt. Auch einzelne Mittelschulen blieben geschlossen; ein paar Atomkraftwerke mussten wegen Ausständen sicherheitshalber die Produktion drosseln.

Frankreich hatte allerdings schon massivere Streiktage erlebt. Die Protestdosis am Dienstag war homöopathisch, weil die Regierung seit der Vorlage ihres Sparplans im August beträchtlich zurückgekrebst ist. Nur noch elf Milliarden sollen die Ausgabenkürzungen und Mehreinnahmen betragen, wenn es nach Premierminister François Fillon geht. Wie er das Budgetdefizit von derzeit sieben auf drei Prozent im Jahre 2013 drücken will, bleibt vielen Ökonomen freilich ein Rätsel, zumal das Wirtschaftswachstum noch stärker lahmt als bisher angenommen.

Im kommenden Jahr finden in Frankreich Präsidentschaftswahlen statt, und Nicolas Sarkozy will sich die Wiederwahl nicht mit drakonischen Austeritätsplänen vereiteln. So strich er bereits verschiedene Maßnahmen wie etwa eine Steuererhöhung für Vergnügungsparks; im Gegenzug lässt die konservative Regierung durchblicken, dass die neue "Reichensteuer" nicht erst ab Jahreseinkommen von 500.000 Euro, sondern schon ab 250.000 Euro greifen soll.

Fillon appellierte zudem verblümt an den patriotischen Sinn der Streikenden, indem er vor dem Verlust der französischen Triple-A-Note warnte. Die Gewerkschaften verlangen dafür, dass die Regierung Fillon auch ohne Streiks weitere Abstriche an der Austeritätspolitik vornimmt.

Für sie war der Aktionstag deshalb nur ein Warnschuss. Sollte die Regierung neue Sparrunden planen, wäre es zweifellos vorbei mit dem fragilen Burgfrieden. Das weiß auch Sarkozy, der vor den Wahlen zunehmend in die Klemme zwischen Gewerkschaften und Ratingagenturen gerät. Deshalb will er erreichen, dass die EU den Rettungsschirm auf die - auch französischen - Banken ausdehnt, sonst müsste seine Regierung selber tief in die Tasche greifen. (DER STANDARD Printausgabe, 12.10.2011)

Chain Chen
02
12.10.2011, 10:59
es betrifft ja nicht nur die franzosen

diese politik wurde jahrzehntelang vorbereitet, verhandelt und die treffen mit unserem geld finanziert - im geheimen und ohne legitimation des wählers.

das waren anfangs die G8, dann die G20- treffen.

anfang November ist es wieder so weit: in Frankreich -;o )

Gegengipfel in Nice/ Nizza:

http://www.attac.at/g20-2011.html

Bastardl
02
11.10.2011, 19:24
Danke, ein neues Wort gelernt:

Austerität: http://de.wikipedia.org/wiki/Aust... rit%C3%A4t

werde ich aber wohl hoffentlich auch nie wieder brauchen...

dachte zunächst an einen Schreibfehler (bin halt ein Prolet) und fand den Zusammenhang mit Frankreich/Austern ganz komisch - wobei ja Austern auch als Fastenspeise durchgehen...

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