Synchronschwimmen auf der Streckbank

11. Oktober 2011, 18:22
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Mit im Fleischwolf abgebremstem Hardrock erspielte sich die US-Band Melvins eine globale Fangemeinde - Am Montag gastierte sie in Wien - routinierter Meuchelrock in der Virtuositätsfalle

Wien - Der Konzertbeginn kraulte den Messdienern im Saal die Goder: Mit zwei Stücken ihres Meisterwerks Lysol eröffnete die US-Band Melvins am Montag ihre Show in der Wiener Arena. Mit dem zerdehnten Hung Bunny und Roman Bird Dog. Harter Rock auf der Streckbank, Folterknechte bei den Aufwärmübungen.

Das erste Stück täuschte in Zeitlupe minutenlang einen Ausbruch an, der trotz einsetzenden Galeerengetrommels nicht kam. Daraus schälte sich der zweite Song; ein Bastard aus Hardrock-Charakteristika, schwerfällig und klobig, der ungespitzt in den Boden gerammt wurde. Die Messdiener jubilierten. "Mölvöns!", gurgelte der ausverkaufte Saal, ohne dass die Zeremonienmeister den Zuspruch irgendwie bemerkbar wahrgenommen hätten. Diese schritten weiter in den nächsten Song, Pausen sind für Lulus und Notenblattleser.

Zusammengefunden haben die Melvins um King Buzzo (Gitarre) und Dale Crover (Drums) in den frühen 1980ern im Umland von Seattle. Sie formulierten aus Hardcore und Hardrock eine neue Musik, ein bockiges Monster. Abgebremst und jeglicher Virtuosität entsagend, reduzierten sie ihre Stücke auf wenige Gemeinheiten: quälende Gitarren-Riffs, feistes Schlagzeug-Geböller, dazu enervierender Feedbacklärm.

Zwischen den Stühlen

Das erfreute nicht nur die gelangweilte Landjugend, auch Bands wie Nirvana waren wesentlich von den Melvins beeinflusst, die heute als Überlebende einer Szene betrachtet werden, der sie sich nie zugehörig fühlten. Zu Recht. Die Melvins sitzen immer noch zwischen den Stühlen. Doch auch dort ist man nicht vor Wiederholungen gefeit, weshalb eine Melvins-Show im 28. Jahr ihres Bestehens natürlich wenig Überraschungen bereithält.

Wobei - optisch sind sie immer ein Vergnügen. Sänger und Gitarrist King Buzzo trägt sein charakteristisches Haupthaar wie die japanische Weide ihr Geäst, und der aktuelle Bassist, Jared Warren, war in der Arena angetan wie einst der Chef der George Baker Selection - mit Glitzerstirnband, aus dem oben die Wolle quoll, und Sektenführer-Klamotten. Fesche Kampeln, die Melvins.

Dieser vorgebliche Irrsinn ist die Basis für Konsequenz und Präzision. Das fördert einerseits das Image der Band als ewige Außenseiter und die Überzeugungskraft der Musik, andererseits trug diese Haltung der Band einen zweiten Schlagzeuger ein, was seit einigen Jahren jazzig anmutende Synchronschwimmereien an den Trommeln bedingt.

Live förderte das ein Gehabe, das zwar Musikschullehrer frohlocken lässt, auf der Ergebnisseite wirkte das Tun des zweiten Drummers, Coady Willis, aber redundant, die Melvins waren als Trio nachhaltiger. Dieses Zugeständnis ans Virtuose zeitigte einen recht herkömmlichen Beidlrock. Das ist in der Melvins-Welt nichts Böses, aber gerade das Grobschlächtige, das Unperfekte, verantwortete einen Gutteil des herben Charmes der frühen Werke.

Call and Response

Überraschungen boten live dann auch nur Stücke, die formal abwichen, wie das auf Marschgetrommel basierende The Water Glass, das mit seinem Call-and-Response-Gesang den Messe-Charakter unterstrich. Angestochen kam Electric Flowers daher, an frühere Großtaten erinnerte It's Shoved ebenso wie Lizzy, ein fieser Schleicher aus dem 1993-Album Houdini, den King Buzzo immer wieder explodieren ließ, während er über die Tochter von Elvis sinnierte. Das Ende erleichtert hat dann ein Schlagzeug-Duett; so etwas braucht die Welt seit Grateful Dead nicht mehr, da gilt die ironische Brechung als ewige Ausrede nicht mehr. (Karl Fluch, DER STANDARD/Printausgabe 12. Oktober 2011)

  • King Buzzo zerdehnt ein Riff. Die Melvins live: nie schlecht, aber 
zurzeit überbesetzt.
    foto: fischer

    King Buzzo zerdehnt ein Riff. Die Melvins live: nie schlecht, aber zurzeit überbesetzt.

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