Fett, satt, gut: Das Schmeck's-Jubiläumsmenü um 4,70

    11. Oktober 2011, 16:54
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    Schmeck's wird fünf, die Mitesser auch nicht jünger, der Dilettant wirkt ohnehin gezeichnet - Aber erst geht's um den Corti und Slow Food

    Die Pferde möchten bitte noch eine Woche draußen warten, ohne scheu zu werden. Schmeck’s wollte zwar in sieben Tagen seine ersten fünf Jahre (wenn man vom Vegetarierinnenverschleiß absieht) weitgehend unfallfreien Essens groß, richtig groß feiern. Doch diese Kolumne ist ja  stets dem spontanen Dilettantismus ebenso verpflichtet wie der aktuellen Kolportage. Und außerdem wird die groß, richtig groß geplante, superpraktische Jubelüberraschung wohl eh nicht fertig in diesem winzigen Sweatshop von Magen und Liebe. Und außerdem kam der Corti dazwischen.

    Genug ist nie genug

    Just wenige Stunden vor vor dem Weltereignis Fünf Jahre Schmeck’s präsentieren Herr Corti und Herr Desrues nämlich „noch einen Fressführer" - mit einer sympathischen Podiumsdiskussionsfrage "Wos brauch ma des?". Wer weiß darauf sicher was zu sagen? Genau: Die mehr oder minder alt eingesessene Konkurrenz. Ein gewitzter Schachzug, scheint mir, aber mal sehen, was Christian Grünwald (A la Carte), Wolfgang Rosam (Falstaff), Florian Holzer (Gault Millau Österreich) dazu einfällt. Reinhard Gerer, Koch und Wirt, und Ralf Morent, Gastronom, werden ja hoffentlich nichts dagegen haben. Mich fragt natürlich wieder keiner, was ich durchaus verstehen kann. Ich bin da, mal von der mangelnden Expertise abgesehen, zu berechenbar.

    Natürlich kann es gar nicht genug Fressführer geben, wie es gar nicht genug Zeitungen (ja, auch "Österreich", auf eine Art) geben kann. Kann ja sein, dass auch die kundigsten Kollegen von Egle/Wagner-Wittula bis Gault Millau doch was übersehen haben.

    Sodoma für 20 Euro?

    Vor allem natürlich kann es nicht genug Fressführer geben nach den Kriterien: regionale Produkte, traditionelle Küche, außergewöhnliche Gastfreundschaft und, naja, schwierig, "authentischste" Lokale. Wirtshaus rules schließlich in dieser kleinen, dreckigen Fresskolumne, meistens jedenfalls. Und vom Preis-Leistungswahn ist dieser Blog ja beseelt seit meinem frühen Protest über 7,50 Euro für den, quasi, Hauswein eines italienischen Weinguts, schon lange vergessen und vergeben, falls das je angebracht war.

    So stehen denn auch beim ersten Slow-Food-Führer außerhalb Italiens (wenn man von dessen Randzonen wie dem Tessin absieht, die das Original ja mitnimmt) die Preise für ein dreigängiges Menü bei jedem Wirten. Gut, meine Rechnungen in Italien entfernen sich auch regelmäßig recht deutlich von den Angaben im Osteriaführer. Aber beim Stammwirten Josef Sodoma, nachträglich übrigens auch auf diesem Wege alles Gute zum Geburtstag!, 20 - 30 Euro für drei Gänge - ich hab das jedenfalls noch nie geschafft, und kommen Sie mir jetzt nicht mit dem Durst der jeweiligen Test-Duos - ich meine da wirklich nur das Essen! Wenn dann gleich rechts davon der auch ziemlich wunderbare Böhm mit 35 Euro steht, komm ich ins Grübeln, ob man da bei der nächsten Auflage nicht noch ein bisschen justieren sollte. Dass der Floh irgendwo auf dem Weg von Barbara Van Melles PC bis in die Druckerei vermutlich falsch abgebogen ist, ist hart - aber Schmeck's lobt ihn und sein Team ohnehin mindestens monatlich. Schwacher Trost, I know.

    Hard! Egg! Braz! Hittisau! (und vor allem Hohenems!)

    Das ist aber auch schon alles, worüber ich zart meckern würde. Ich konnte natürlich nicht bis zur offiziellen Präsentation warten, als ich das Büchlein schon bei Kuppitsch sah, als ich mir "Wo isst Österreich" zulegen wollte, das natürlich auch nicht liegen blieb. Und der ziemlich übersichtliche "Vegetarische Lokalführer Wien" ging auch noch mit, der seltsamerweise auf seinem Klappentext just mit Fleisch-Surrogaten ("süchtig machende vegane Hühnerkeulen", "fleischfreier Zwiebelrostbraten") wirbt. Sie sehen: Ich kann wirklich nicht genug Fressführer haben.

    An Cortis und Desrues freuten mich schon allein die 19 mir überwiegend unbekannten Tipps für Vorarlberg, wo ich gerade einen besonderen Hang zum fernen Westen entwickle, zu Hohenems im Speziellen. Dass dort der Adler ganz wunderbar ist, wissen Sie ja schon, die Sie die fünf Jahre Schmeck's-Dada auswändig hersagen können, von "Fidler gibt sich die Kugel" bis zur "Liebevollen Leichtigkeit des Steins". Ich bin ja sicher, dass es mit Hohenemserinnen im Adler nochmal so wunderbar wäre. Und dann könnte man sich mit ihnen ja durcharbeiten von Braz bis Egg, von Hittisau bis, nein, das lassen wir aus, sagen wir: Hard. Auch Satteins ist nicht nur zum Fernsehen gut, lerne ich aus "Gasthäuser in Österreich". Essen bildet eben doch. Ich fürchte, mit oder ohne Hohenemserinnen, Sie werden davon lesen in den nächsten fünf Jahren.

    Mit scharf

    Und wie krieg ich jetzt die Kurve zum ersten Schmeck's-Jubiläumsmenü? Wir schwenken vom Gefühl noch einmal zurück zum Geld. Ich hab nämlich gerade das absolut günstigste und wirklich gute Abendessen in der Geschichte dieser feinsinnig-schöngeistigen Rubrik hinter mir. Satt für 4,70 Euro, und das gut - und für den 20. Bezirk, gleich neben dem Hannovermarkt, wohl auch authentisch.

    Frag ich den Oberbiber Simon Kravagna, wo man so richtig balkanesisch isst in Wien. Pleskavica und so. Er schaut mich an und sagt: 019. Sehr basic, sagt er noch. Ich bin nicht ganz sicher, ob ich das nicht als Beleidigung nehmen soll. Doch in beiden Punkten kann ich ihm nur Recht geben: Das Buffet 019 ist definitiv nicht schön - erinnert mit seinen mehr als grob-stammigen Bänken und Tischen (drinnen) ein bisschen an Pri Zvoncu bei Zagreb, aber ich bin jetzt nicht sicher, ob man das im 019 gern liest. Und ich würde schon noch gerne wieder hin, ohne dass man mir in die Cevapi spuckt. Aber der Link führt ja grenzüberschreitend auch zu anderen schönen balkanesischen Grillfleischorten.

    Authentischestest

    Das Pleskavica war jedenfalls eines der authentischsten meines Lebens. Gastfreundlichst fühlte ich mich aufgenommen, auch wenn sich die Leere eigentlich schon nach Sperrstunde anfühlte. Und dann 2,90 für das Grillfleisch mit wunderbar saftig-flaumigem Fladenbrot (die Experten mögen den Fachausdruck beiposten - hvala lepa dafür, oder wie man das schreibt). Mit ordentlich Zwiebel, Senf und ein bisschen Vegetarismus in Gestalt von Salatgurke und eigentlich ziemlich sonnigem Großparadeiser. Jelen Pivo hätte wohl auch nicht viel mehr gekostet als mein (absolut unauthentisches) stilles Mineral für 1,80.

    Da fällt mir ein: Wie wär's eigentlich mit einem migrantisch-authentischen Slowfoodführer? Ich frag am Donnerstag mal Grünwald, Holzer, Rosam & Co, ob sie zur Präsentation kommen.

    Schmecks ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.

    • Fett, satt, gut, und nahe des Hannovermarkts wohl auch schon authentisch: Plescavica mit wunderbar saftigem Fladenbrot im 019
Buffet 019Gerhardusgasse 241200 Wien06765298116
      foto: harald fidler

      Fett, satt, gut, und nahe des Hannovermarkts wohl auch schon authentisch: Plescavica mit wunderbar saftigem Fladenbrot im 019

      Buffet 019
      Gerhardusgasse 24
      1200 Wien
      06765298116

    • Und so sieht die Rechnung über Fleisch, Brot, Zwiebel und Wasser aus, die gemeinsam satt machen
      foto: harald fidler

      Und so sieht die Rechnung über Fleisch, Brot, Zwiebel und Wasser aus, die gemeinsam satt machen

    • Und so sieht der neue, formidable Slow-Food-Führer "Gasthäuser in Österreich" aus, der Donnerstag präsentiert wird
      foto: harald fidler

      Und so sieht der neue, formidable Slow-Food-Führer "Gasthäuser in Österreich" aus, der Donnerstag präsentiert wird

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