Neuer Rektorenchef

"Ein Rettungsschirm für Universitäten"

Interview | 10. Oktober 2011, 18:46
  • Artikelbild
    foto: apa/neubauer

    Der Rektor der Uni Salzburg, Heinrich Schmidinger, Theologe und Philosoph, ist neuer Uniko-Präsident.

Heinrich Schmidinger, neuer Präsident der Universitätenkonferenz (Uniko), über die "Kultur des Schlagabtauschs", universitäre Sperrszenarien und bedrohte Freiheit

STANDARD: Sie haben jetzt zwei Jahre Zeit, um für die Universitäten etwas zu erkämpfen. Was steht ganz oben auf Ihrer Prioritätenliste?

Schmidinger: Zuerst die Schaffung einer neuen Kommunikationskultur zwischen allen Stakeholdern und Playern der hochschulpolitischen Szene in Österreich. So wie es jetzt abläuft - das ist für mich eine Kultur des Schlagabtauschs, die nur Stillstand und Blockade erzeugt. Sehr wichtig ist mir auch die glaubwürdige internationale Positionierung unserer Universitäten, dazu gehört eine entsprechende Ausstattung - das allseits bekannte Thema Finanzen, wo ich Minister Töchterle unterstützen werde, dass die Universitätsmilliarde wirklich zustande kommt, weil sie die Unis dort unterstützt, wo sie es am dringendsten brauchen - in der Stärkung der Grundbudgets, nicht mit der Ausschreibung irgendwelcher Projekte, die die Unis nicht wirklich stützen.

STANDARD: Die "Hochschulmilliarde" hat zwei Haken: Sie würde nicht nur den Unis zugutekommen, und sie ist an die Konjunktur gekoppelt, die gerade einbricht. Was wären die Folgen, wenn diese lange geforderte Milliarde nicht kommt?

Schmidinger: Dann müssen die Universitäten reduzieren. Es wird halt auf die Einsparung von Studienrichtungen oder Professuren hinauslaufen, unter Umständen die Schließung ganzer Bereiche. Anders kann es nicht gehen.

STANDARD: Apropos Geldquelle Studiengebühren: Gefällt Ihnen, dass Sie von Uni zu Uni und von Fach zu Fach variieren könnten bis zur Maximalgrenze von 500 Euro?

Schmidinger: Das muss man sehr gut überlegen. Ich gewinne dem Argument schon etwas ab, dass man sagt, ein Medizin-Studium kostet mehr als etwa ein Theologie-Studium. Aber man muss überlegen, ob es wirklich sinnvoll ist, dass am Ende in Österreich, wenn das die Unis selbst entscheiden sollen, Medizin dreimal etwas anderes kostet. Das kann ich mir in der Praxis nicht vorstellen.

STANDARD: Sie sind Philosoph und Theologe und haben mehrfach betont, eine Uni ist kein Wirtschaftsunternehmen. Zwingt die akute Finanznot die Unis vielleicht dazu, immer mehr Entscheidungen nach der Logik des Marktes zu treffen?

Schmidinger: Absolut. Das ergibt sich zwangsläufig. Geld ist nun einmal auch der Nervus rerum, die Antriebskraft, für die Universitäten, auch wenn sie noch so anders aufgestellt sind. Aber in diesem Zusammenhang sage ich: Warum denkt man nicht einmal über einen Rettungsschirm für Universitäten nach? Bei Ländern und Banken tut man das selbstverständlich, und bei einem Bereich wie den Universitäten, die genauso ein Zukunftsbereich sind und unverschuldet in diese Lage gekommen sind, tut man das nicht. Das sehe ich wirklich nicht ein.

STANDARD: Welche Zugangsregulierung würden Sie präferieren - nur in Massenfächern oder überall?

Schmidinger: Prinzipiell ist die Frage der Zugangsregelungen für mich viel wichtiger als die Frage der Studiengebühren. Den Ausschlag muss die Frage der Kapazitäten geben. Alles andere scheint mir unehrlich und nicht zu verantworten gegenüber den Studierenden, die man einlädt, an eine Universität zu kommen.

STANDARD: Sie haben das Buch "Einheit und Freiheit der Wissenschaft" herausgegeben. Ist Letztere in Zeiten wie diesen gefährdet?

Schmidinger: Natürlich. Freiheit ist nie ein Besitz. Freiheit muss immer wieder neu errungen werden, und die Konstellation unserer Zeit - die wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen - ist sicherlich so, dass es gilt, sehr wachsam zu sein. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, Printausgabe, 11.10.2011)

Kommentar posten
24 Postings
Garfield2
00
12.10.2011, 10:58
Fuer alle, die das Ende des Arbeiterkindes an den Unis befuerchten

http://www.zeit.de/studium/h... ngebuehren

hollaro jojojo
00
11.10.2011, 14:03
Unikredit

Wird Zeit, dass sich die Universitäten in Banken umgründen. Dann sprießen die Milliarden zur "Rekapitalisierung" ganz sicher.

Réunion
00
11.10.2011, 11:02
man muss tatsächlich

die eine oder andere Studienrichtung an der einen oder anderen Uni überdenken, wenn diese ohnehin auch im Umkreis von 150km zweimal angeboten wird!

Speckbacher1
00
11.10.2011, 12:56
Weder Salzburg (Sitz des Primas Germaniae)

noch Innsbruck (Jesuitengründung) werden da jemals Federn lassen ...

Speckbacher1
04
11.10.2011, 10:33
Ein Theologe, der von "stakeholdern" spricht.

Sind in seiner Kirche die Beitragszahler auch "stakeholder"? Und wer wären dann dort die "shareholder"? Die Kardinäle in Rom etwa?

Der Chronist
44
11.10.2011, 09:39

Dass ein Theologe gerne schließt und einspart, kann ich mir gut vorstellen: Es gibt sehr viele, der Theologie sehr unangenehme Fächer. Sie produzieren einen Wissenschaft vom Menschen für den Menschen und leisten, was die Theologie vorgibt, zu leisten, tatsächlich aber gar nicht kann: Sie klären auf und räumen religiöse Verwirrung aus dem Weg.

Ich schlage vor, dass der Herr Schmidinger ein Einsparungskonzept für seine universitär vermittelte Gegen-Aufklärung vorlegt. Die Gelder, die in Österreich jährlich in Konkordat und universitäre Theologie fließen, können besser verwendet werden.

ghrizo
03
11.10.2011, 10:27

die universitätspolitik schmidingers hat wenig mit seinem theologiestudium zu tun (daneben hat er ja auch philosophie studiert). seine argumente einfach darauf abzurollen ist zu billig. wenn dann bitte die sache selbst diskutieren - unüberprüfbare motivverdächtigungen sind jeder sachlichen diskussion abträglich! das sollten doch die großen mahner und aufklärer wissen...

Der Chronist
22
11.10.2011, 10:54

Es wird sich zeigen, wer recht behält, sehr bald schon.

Töchterle hat jetzt den ihm maßgeschneiderten Kollaborateur in der Universität.

Und Sie haben recht: Das hat mit der Theologie nichts zu tun. Außer vielleicht, daß Theologie einer gesunden Charakterbildung grundsätzlich abträglich ist. Sie lenkt vom Leben an und idealisiert Märchen. Aber sind wir nicht alle mit Märchen sozialisiert, ob es jetzt die Gebrüder Grimm sind oder es die Bibel ist?

ghrizo
01
11.10.2011, 11:07

oder der tatsachenmythos, wie husserl sagt? naja ich traue schmidinger soviel hermeneutische kompetenz zu, dass er verschiedene bereiche des lebens und denkens auseinanderhalten kann. ich beneide ihn jedenfalls nicht um seinen jetzigen posten - in dieser position kann man fast nur verlieren...

Der Chronist
31
11.10.2011, 11:43

Dieser Mann wurde implementiert, um Töchterle zuzuarbeiten. Er argumentiert trivial-wirtschaftlich und hat schon in seinen ersten Aussagen erkennen lassen, daß er sich nicht für inhaltliche sondern für pekuniäre Fragen engagiert bzw. daß sich die Inhalte der Ökonomie unterzuordnen haben. Das paßt gut zu Giorgio Agamabens These, daß die Kirche zuallererst ein wirtschaftliches Unternehmen ist.

Und was die "hermeneutische Kompetenz" betrifft: Bei einem Theologen? Das können Sie mir nicht unterjubeln.

ghrizo
02
11.10.2011, 12:27

das problem ist, dass die universitäten zu wenig geld haben, was schmidinger auch immer betont! er zieht als rektor die konsequenzen dieses sparkurses, ob sie ihm gefallen oder nicht! dass kirche ein wirtschaftliches unternehmen ist ja, aber der brückenschlag wirtschaftliche kirche - theologe als rektor - wirtschaftlicher rektor ist gelinde gesagt etwas kühn! und doch theologen beweisen hermeneutische kompetenz, wenn sie märchen, die bibel, literatur nicht als tatsachenbericht (was immer das sein soll) missverstehen, wie das evangelikale christen oder Sie in vorvorigem posting machen. Text ist eben nicht gleich text - das wissen gute geisteswissenschaftler genauso wie gute naturwissenschaftler: alles andere ist faschistoides gequatsche!

Der Chronist
30
11.10.2011, 14:19

Ah, die Anwürfe brechen durch. Ich dachte mir schon, daß Sie dessen Geistes Kind sind.

ghrizo
00
11.10.2011, 19:38

was bzw. wie meinen Sie das?

Frank N Stein
01
11.10.2011, 08:37

"Rettungsschirm" wird wohl das Unwort des Jahrzehnts - ich kanns auch nicht mehr hören aber es wird, so wie es ausshieht, usus. Alles wird "Verrettungsschirmt", niemand braucht mehr rechtzeitig überlegen, wirtschaften, entscheiden usw..Warum? - vielleicht weils unpopulär ist und diese Arbeit meistens keiner sieht oder es zu mühsam ist genauer darüber nachzudenken - ist ja eh schon alles zu stressig.

Speckbacher1
00
11.10.2011, 10:39
"Rettungsring" für die Untergehenden

wäre passender! Denn ein Schirm schützt ja eher v o r dem warmen Geldregen mit dem Segen von oben ...

Réunion
00
11.10.2011, 11:03
denken Sie an Fallschirm

vielleicht können Sie dann die Metapher, die dahinter steckt, besser nachvollziehen ...

Speckbacher1
00
11.10.2011, 12:36
Ein Fallschirm

landet irgendwann einmal auf festem Boden, der aber bei der herrschenden Systemkrise, die uns alle zu verschlingen droht, nirgendwo ausgemacht werden kann. Daher passt der "Rettungsring" allemal besser, denn er erlaubt es wenigstens, obenauf mitzuschwimmen ...

stall
00
11.10.2011, 06:30
die regen- und sonnenschirmzeiten

waren angenehmer.

Nur DIREKTE DEMOKRATIE ist Demokratie!
00
11.10.2011, 04:17
wizenstain
26
10.10.2011, 19:44
Geld ist nun einmal auch der Nervus rerum, die Antriebskraft, für die Universitäten?

die antriebskraft der universität ist hoffentlich

erkenntniswille
zum wohle aller und allem

geld ist nur das mittel zum zweck

so schauts aus

Réunion
00
11.10.2011, 11:05
leider

stimmt das für 'einige' Lehrstuhlinhaber so nicht mehr ...

Sie haben die Gier mancher Politiker angenommen und opfern dafür nicht nur ihre eigene Wissenschaftlichkeit, sondern reissen auch noch anderes mit!

f l o
 
34
10.10.2011, 21:47
genau!

jeder weiß schließlich, dass universitätsbedienstete nichts essen müssen.

und geräte müssen sie auch nicht kaufen, können sie ja selber bauen.

Malkav
00
11.10.2011, 11:28

grundaussage nicht verstanden.

setzen.
5!

Biene Mayer
00
10.10.2011, 20:49

Das ist allerdings ein sehr theoretisches Idealszenario. In der Praxis wird der Glaube gestreut, dass aus der Industriegesellschaft eine Wissensgesellschaft gewachsen sei, während man in Wahrheit einfach das Wissen industrialisiert hat und noch lange nicht damit fertig ist. Es wird so viel "Wissen" vermittelt, das gar keinen Wert hat, wenn man es nicht ökonomisch verwertet.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.