Der Nobelpreis 2011 geht nicht zufällig an zwei Ökonomen, die die Grenzen politischer Interventionen beschreiben
Anders als
der Friedensnobelpreis wird mit dem Wirtschaftsnobelpreis selten ein
politisches Signal ausgesandt. Aber es ist kein Zufall, dass nach einigen
Jahren, in denen Ökonomen ausgezeichnet wurden, die die Grenzen des freien
Marktes und Wege zum Überwinden von Marktversagen betonen (darunter auch Paul Krugman), im Jahr 2011 mit
Thomas Sargent und Christopher Sims zwei Wissenschaftler den Preis erhalten
haben, denen es um etwas anderes geht – nämlich die Probleme und
Unzulänglichkeiten staatlicher Interventionen in der Wirtschaft.
Vor allem
Thomas Sargent gehört zu jener Kerngruppe von Ökonomen, die in den siebziger
Jahren die Schule der Rationalen Erwartungen gegründet haben. Einer von
ihnen, Robert Lucas, erhielt den
Wirtschaftsnobelpreis schon 1995.
In komplexen mathematischen Modellen zeigten
diese Forscher auf, warum etwa (sehr vereinfacht gesagt) eine
Konjukturankurbelung durch Staatsschulden – also Deficit-Spending nach den
Rezepten von John Maynard Keynes - oft
weniger Wirkung zeigt als gedacht: weil die Haushalte nun mit höheren Steuern
in der Zukunft rechnen und deshalb bereits jetzt ihre Ausgaben dämpfen.
Dies ist
eines von vielen Beispielen von Staatsversagen – der immanenten Unfähigkeit
staatlicher Politik, die von der Gemeinschaft gewünschten und dem Gemeinwohl
dienenden Ziele zu erreichen.
Die Schule
der rationalen Erwartungen gilt als neoliberal und marktgläubig und hat deshalb
unter linksilberalen, meist keynesianischen Ökonomen einen schlechten Ruf. Seit
Ausbruch der Weltfinanzkrise wurden gerade
bei uns alle Ökonomen, die an die mehr an die Effizienz der Märkte als jene der
Politik vertrauen, als bonierte Ideologen ohne Realitätssinn abgetan.
Aber ihre
Erkenntnisse haben über die Jahre nichts an Bedeutung verloren – mathematisch,
ökonomisch und politisch.
Gerade
dieser Tage erleben wir es, wie hilflos Regierungen gegenüber Wirtschaftsflaute
und Marktturbulenzen agieren, wie stumpf die Instrumente des Staates geworden
sind.
Und wer auf
die Wurzeln der Eurokrise zurückschaut, der kann nur den Kopf schütteln über
die Kurzsichtigkeit und Verantwortungslosigkeit so vieler Regierungen, die es
zugelassen haben, dass sich ihre Staaten massiv verschulden und sich damit der
Gnade der Finanzmärkte ausliefern.
Das
Spannende an der modernen Ökonomie ist, dass die verschiedenen, oft
gegensätzlichen Schulen einen Teil der Realität jeweils korrekt darstellen,
ohne dass sie je zu einer absoluten Wahrheit gelangen. Wer am Ende recht hat,
lässt sich objektiv nicht feststellen (weil alle beobachteten Fakten und
Phänomenen auch anders erklärt werden können). Oft haben sie alle Recht – nur weiß
man nie genau, wann und unter welchen Umständen.
Deshalb
braucht man in der Wissenschaft und der Wirtschaftspolitik die linken und die
rechten Vordenker - jene, die Marktversagen aufzeigen und dem Staat eine
bedeutende Rolle zuweisen, und die anderen, die das Staatsversagen illustrieren
und immer wieder daran erinnern, dass Marktkräfte nicht so leicht außer Kraft
gesetzt werden können.
Alle, die
diese Debatten beobachten oder sich gar daran beteiligen, haben eigene
Überzeugungen und besitzen einen ideologisch-politischen Kompass, der sie
leitet. Das ist unvermeidbar und notwendig. Aber wer dabei ideologische
Scheuklappen trägt – und das sind leider sehr viele –, dem versäumt dabei das Wichtigste.