Zettelwirtschaft und Anrechnungsdschungel

10. Oktober 2011, 14:35
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Anrechnungsauflagen erschweren den Umstieg vom Bachelor auf einen den Master - Zudem werden künftig die Plätze für Masterstudien rar sein

Wien - Aus beruflichen Gründen hat sich Nikolaus Beier nach seinem Bachelorabschluss in Betriebswirtschaft an der Wirtschaftsuniversität Wien (WU) zu einem Masterstudium an der Universität Wien entschlossen. Der 24-jährige Niederösterreicher hat vergangenes Sommersemester das fachverwandte Masterprogramm am betriebswirtschaftlichen Zentrum begonnen.

Seit 2006 wurden an den österreichischen Hochschulen die Diplomstudien durch Bachelor- und Masterstudienprogramme ersetzt. Die Umstellungsphase ist nun vorbei, und gerade jetzt verursacht das Bologna-System unter den Studierenden vermehrt Kopfzerbrechen.

Die Universität Wien stellte dem Studenten Auflagen, die für ihn überraschend kamen: "Ich habe erfahren, dass ich vier Lehrveranstaltungen im Ausmaß von 16 ECTS-Punkten nachholen muss. Das ist für viele Vollzeitstudierende fast ein Semester, nur möchte ich nebenbei noch arbeiten. Und das, obwohl ich ja von Betriebswirtschaft auf Betriebswirtschaft gewechselt habe. Die Umsetzung des Bologna-Systems ist für mich unverständlich und enttäuschend", sagt Beier.

Kein Einzelschicksal

Laut Statistik Austria hat sich die Anzahl der Bachelorabschlüsse der öffentlichen Universitäten in Österreich seit 2003/04 von 1454 auf 8390 2009/10 beinahe versechsfacht, knapp 80 Prozent der Absolventen setzen ihre Ausbildung in einem Masterstudium fort. Die Bachelorstudien der österreichischen Fachhochschulen liegen mit 6150 Abschlüssen 2009/10 dicht hinter den Universitäten.

Das Vizerektorat für Lehre an der Wirtschaftsuniversität Wien sieht kein Umsetzungsproblem, denn sie seien nach wie vor dabei, insgesamt 14 Masterprogramme auf- und auszubauen. "Knapp 80 Prozent der Studierenden wollen nach dem Bachelor gleich in einem Masterprogramm weiterstudieren, und im Moment müssen wir nur drei Prozent der Master-BewerberInnen ablehnen", erklärt Vizerektor Karl Sandner. Die Zukunft ist jedoch ungewiss.

Die WU rechnet in den kommenden Jahren im Vollbetrieb mit zirka 3000 bis 5000 Anwärtern für lediglich 900 Plätze. "Trotz gesetzlicher Vorlage können wir aus mangelnden Ressourcen nicht alle für ein Masterprogramm zulassen." Laut Sandner war 2006 allen klar, dass Universitäten in ihrer Autonomie die qualitativen Voraussetzungen für ein Masterprogramm selbst bestimmen können. "Diese Auflagen können an der WU in den Sommerferien in speziellen Kursen nachgeholt werden", so Sandner.

ÖH: Egoistische Hochschulen

Die Hochschülerschaft (ÖH) spricht von egoistischen Unis: "Die Anrechnungspolitik ist in vielen Fällen eine Katastrophe, in manchen Fächern ist es einfacher, ins Ausland zu wechseln, als innerhalb von Österreich." Grund dafür seien der konstruierte Wettbewerb und das Konkurrenzdenken zwischen den Hochschulen, die nur ihre eigenen Studien als vollwertig anerkennen wollen, kritisiert der ÖH-Generalsekretär, Peter Grabuschnig. Diese Entwicklung stehe im extremen Widerspruch zu den Zielen des Bologna-Prozesses. Ginge es nach Grabuschnig, müssten die Hochschulen künftig nachweisen, dass der Abschluss nicht gleichwertig ist. Und nicht umgekehrt.

Die Situation ist für die Universität Wien keine neue: Es komme auf die Schwerpunktsetzungen einer Studienrichtung an. Es muss möglich sein, das Masterstudium zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen. "Gleicher Name oder ähnlicher Name des Studiums bedeutet nicht zwangsläufig gleiche Studieninhalte", hieß es aus dem Rektorat der Universität Wien.

Zuerst müsse man den Abschluss auf Facheinschlägigkeit und Gleichwertigkeit untersuchen. So kann die Universität laut Studienplan Auflagen bis zu 30 ECTS-Punkten vorschreiben, die zu Beginn nachgeholt werden müssen. Zusätzliche Toleranzzeit ist hierfür aber nicht vorgesehen. Es können zwar bedingt Zusatzprüfungen absolviert werden, aber Bologna ermöglicht nicht immer einen Wechsel vom Bachelor in den Master eines anderen Fachs. Bologna stehe demnach zwar prinzipiell für eine Flexibilisierung, aber nicht für einen übergangslosen Umstieg, selbst innerhalb einer Disziplin - wie in Beiers Fall. "Ich habe meine Urlaubstage für eine Blockveranstaltung geopfert, um alles unter einen Hut zu bekommen", sagt er. (Michael Fasching, UniStandard, Oktober 2011)

  • Nikolaus Beier hatte sich den Umstieg auf das Masterstudium einfacher vorgestellt: Nun muss sich der frischgebackene Bachelor mit Voraussetzungsauflagen quälen, bevor er richtig beginnen kann.
    foto: standard/fischer

    Nikolaus Beier hatte sich den Umstieg auf das Masterstudium einfacher vorgestellt: Nun muss sich der frischgebackene Bachelor mit Voraussetzungsauflagen quälen, bevor er richtig beginnen kann.

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