Der Geschmack der Heimat

11. Oktober 2011, 09:00
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Autorinnen mit Migrationshintergrund schreiben alltagsnahe Kurzgeschichten und Lyrik in ihrer Zweitsprache Deutsch

"Was! Du bist mit einem Neger auf einen Kaffee gegangen. Was fällt dir ein? Deshalb haben wir nicht unsere Heimat aufgegeben und sind in den Westen geflüchtet!" Die 19-jährige Piroschka versteht die Welt nicht mehr, haben ihre Eltern doch immer betont, dass alle Menschen gleich sind. Nun meint ihr Vater, dass das nur in der Theorie so sei, nicht aber in der "grauen Wirklichkeit". Piroschkas Eltern waren 1985 unter Lebensgefahr mit ihren drei kleinen Kindern von Ungarn nach Österreich geflüchtet, wohnen am Stadtrand Wiens und versuchen mit aller Kraft, "ein unauffälliger, braver Teil der österreichischen Gesellschaft zu werden." Kontakte zu anderen Menschen mit Migrationsgeschichte wären dabei natürlich große Störfaktoren.

Fremde, Heimat und die Welt dazwischen

Die Kurzgeschichte "Piroschkas erste Liebe" ist einer von insgesamt 21 mal mehr, mal weniger autobiographisch gefärbten Texten, die in der Anthalogie "Weg-Kreuzungen" der Edition Volkshochschule erschienen sind. Autorin Anna Mwangi ist selbst gebürtige Ungarin und heiratete nach ihrer Emigration nach Wien einen Mann aus Kenia. Auch ihre Autorenkolleginnen in diesem Sammelband haben Lebensgeschichten, die von Migration geprägt sind. Sie haben ihre Wurzeln in Bulgarien, Brasilien, Sudan, Ungarn und England und liefern eine breite Palette literarisch aufgearbeiteter Geschichten und Gedanken, die sich rund um die Themen Fremde, Heimat und deren Zwischenwelt drehen.

Viele Gesichter

Alle Autorinnen haben an einer literarischen Schreibwerkstatt zum Thema "Zwischenkulturelles Schreiben" an der Volkshochschule Wien-Hietzing teilgenommen. Die dort entstandenen Texte handeln von den vielen Gesichtern, die das Leben in einem anderen Kulturkreis haben kann. Sie handeln von Heimatgefühlen und Heimweh, Sprachschwierigkeiten, Integrationsdruck und Isolation, aber auch von den schönen Seiten des "Andersseins" in der neuen Heimat und der Herausforderung, in mehreren Kulturen zuhause zu sein. Auch die Wichtigkeit des Schreibens als Katalysator für sonst unausgesprochene Gefühle spiegelt sich in manchen Texten wieder.

"Sprache ist wie Luft, die man einatmet"

Die Kurzgeschichten und Gedichte wurden allesamt auf Deutsch verfasst, obwohl fünf der sechs Autorinnen eine andere Muttersprache haben. Den Mut aufzubringen, in der Zweitsprache literarische Texte zu schreiben und zu veröffentlichen, ist keine Selbstverständlichkeit. Claudia Fernandes, die in ihren zum Teil sehr humorvollen Texten über den Geschmack der Heimat oder die Unterschiede zwischen Brasilien und Europa schreibt, vermisst die Leichtigkeit der Muttersprache, wenn sie auf Deutsch schreibt: "Für mich ist die Sprache wie Luft, die man einatmet. Ich hatte das Gefühl ausgesperrt zu sein, nicht atmen zu können." Als LeserIn spürt man davon nichts, manchmal scheint es sogar, als ob gerade die Tatsache, dass die Autorinnen nicht in ihrer Muttersprache schreiben, ihren Geschichten genau die Ehrlichkeit und Geradlinigkeit verpassen, die sie brauchen.

Selbst auferlegte Assimilation

Manche der Charaktere, deren Wege sich mit Menschen anderer Kulturen kreuzen, lassen sich nicht durch die Fremdheitsgefühle in der neuen Heimat aus der Bahn werfen, andere verzweifeln am Stress ihrer selbst auferlegten Assimilation. Zwischen schönen und tragischen Ereignissen sind es hauptsächlich alltägliche Momente und bewegende Lebensgefühle von Heimat und Zugehörigkeit, die die Geschichten von Mwangi, Fernandes und den anderen Autorinnen lesenswert machen. Auf jeden Fall hätte sich diese vielfältige Geschichtensammlung einen weniger nüchternen Bucheinband redlich verdient. (Jasmin Al-Kattib, daStandard.at, 10. 10. 2011)

Eva Schmidt (Hg.)
Weg-Kreuzungen
Edition Volkshochschule, 2011, 196 S.
mit literarischen Texten von Juliana Angelova, Claudia Fernandes, Ishraga Hamid, Silvia Hlavin, Anna Mwangi und Emily Walton sowie zwei Gastbeiträgen von Robert Schindel und Vladimir Vertlib.

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    "Jedes Land hat seinen eigenen Geschmack. (...) Ein Geschmack, den man nicht nur mit der Zunge wahrnimmt, sondern mit dem ganzen Körper," schreibt Claudia Fernandes in ihrer Kurzgeschichte "Mahlzeit, Indianer!".

  • Aus unterschiedlichen Blickwinkeln versuchen die AutorInnen des Sammelbands "Weg-Kreuzungen", die oft schwierigen Aspekte des interkulturellen Zusammenlebens literarisch zu präsentieren.
    foto: edition volkshochschule

    Aus unterschiedlichen Blickwinkeln versuchen die AutorInnen des Sammelbands "Weg-Kreuzungen", die oft schwierigen Aspekte des interkulturellen Zusammenlebens literarisch zu präsentieren.

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