Journalistenhatz und miese Vergleiche mit Diktatoren

Blog10. Oktober 2011, 14:01
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FPÖ-Aussendung ist instinktlos, geschmacklos, geschichtslos - Österreich ist nicht Nordkorea

Dass innerhalb der EU im Berlusconi-Land JournalistInnen von ihrem Landeschef diffamierend an den Pranger gestellt werden, ist leidlich bekannt und unentschuldbar. Dass solche miesen Methoden nun auch in Österreich bei Politikern mit rechts-rechter Schlagseite Schule machen, bestürzt. Die jüngste Polit-Attacke auf den TV-Chefredakteur des ORF ist instinktlos, geschmacklos, geschichtslos. Solche Ausritte gehören geahndet.

Geschehen ist geschehen. In Österreich wurde von der FPÖ ein ORF-Chefredakteur mit dem autokratischen Diktator Nordkoreas gleichgestellt. Nur der ORF-Redakteursrat hat protestiert, ansonsten sagte niemand nicht einmal Muh.

Na und, könnte man sagen, die FPÖ-Pressestelle hat sich damit ja selbst in ihrer Kritisierwut zu einem nicht ernst zu nehmenden Popanz gemacht. Schön blöd, meinen die einen, den besagten Chefredakteur mit Fritz Kim Jong Dittelbacher zu titulieren und damit den TV-Chefredakteur Fritz Dittelbacher in einen Topf mit dem brutalen, selbstherrlichen Diktator Kim Jong Il zu werfen. Makaber sagen andere, makaber und demokratiepolitisch inakzeptabel. Tiefer geht es ja wohl nicht.

Möglich, dass die Verfasser dieser Sudel-Aussendung die Wiener MAK-Ausstellung "Blumen für Kim Il Sung", anlässlich deren Eröffnung 2010 von der FPÖ heftig kritisiert, nicht nur in den falschen Hals bekommen sondern auch falsch in Erinnerung haben.

Auch deshalb kurz zur Erinnerung: Kim Il Sung war der Vater von Kim Jong-Il. Der Vater erhielt seine militärische Ausbildung während des Zweiten Weltkrieges bei der Roten Armee, 1948 wurde er als Präsident von Nordkorea inthronisiert und herrschte bin zu seinem Tod in aller Menschenverachtung als Diktator mit mehr als eiserner Hand. Sohn Kim Jong-Il tut es ihm seit 1972 gleich. Im Pressefreiheits-Index von Reporter ohne Grenzen steht Nordkorea an 177. und damit knapp vor dem demokratiepolitischen Elendsland Eritrea an zweitletzter Stelle.

Südkoreanische Menschenrechtsorganisationen bereiten seit einiger Zeit gegen Kim Jong-Il eine Klage wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor dem internationalen Gerichtshof vor.

Was bitteschön, soll der derzeitige TV-Chefredakteur des ORF mit diesem - aus demokratischer Sicht - Polit-Widerling gemein haben? Nur weil er politisch der Kanzlerpartei SPÖ nahe steht? Es gibt auch viele andere leitende ORFniks, denen ein Naheverhältnis zur Junior-Regierungspartei ÖVP nachgesagt wird. Ebenso haben bekanntlich FPÖler im ORF seit langem ihre gesicherten, wohl dotierten Plätze.

Für die FPÖ genügt für den geschmacklosen Vergleich offenbar, dass sie inzwischen nicht mehr so oft in den Hauptnachrichten vorkommt wie einst als Steigbügelhalter und Junior-Regierungspartei der Kanzlerschaft Wolfgang Schüssel und dass sie heute vor allem im Zusammenhang mit den Machenschaften ihrer damaligen, allenfalls halbseidenen Ministerriege samt Freunden wahrgenommen wird. Pech für die FPÖ, derzeit keine medienwirksameren Themen bieten zu können. Deswegen einen Chefredakteur in den Dreck zu ziehen, widerspricht jeder demokratischen Gesinnung. Das ist gemeine Journalistenhatz. - Das hatten wir ja schon einmal, während des Austrofaschismus und unter Hitler .

Sowohl mit einem Sohn als auch mit dem Enkel von Kim Jong Il kann man laut BBC-Meldung - unter Berufung auf südkoreanische Medien - nun auch via Facebook kommunizieren. Das Enkerl hat dort sogar gepostet, er zöge die Demokratie dem Kommunismus vor.

Kim Han-sol heißt der smarte 16-Jährige. Offenbar ein politischer Renegat und Kind eines in der nordkoreanischen Machtfolge unberücksichtigt gebliebenen Diktatorsohnes. Dieser soll gleich mehrere Facebook-Profile füttern, um gegen seinen zum Machthaber-Nachfolger gekürten Bruder zu wettern.

Kim Han-Sol übrigens bevorzugt modische Anzüge, das Haar ist blond gefärbt, sein natürlicher Teint erspart ihm Solarien. Wie es heißt, soll er künftig das privat geführte United Word College in Bosnien-Hergezowina besuchen. Wo dort? in Mostar - eine immerhin für Jahre geteilte Stadt.

Ganz wissbegierige Pressetextler können ihn dann dort sogar besuchen und sich erkundigen, wie das so ist mit autokratischen Ansprüchen - und wie man am besten Schlagzeilen erzwingt. Kim Han-Sol ist zwar erst ein Teenager, in Sachen Analyse antidemokratischer Meinungsmache ist er sicherlich erfahrener. Fragt sich nur, ob er für rechts-rechten Populisten Zeit haben will. Sofern er tatsächlich nach Mostar ausreisen darf.

P.S. Dittelbachers ORF-Vorvorgänger Werner Mück mit Ungarns Premier Viktor Orban zu vergleichen, ist übrigens nicht minder mies.

  • "Please love me back": Kim Han-sol auf Facebook
    foto: screenshot

    "Please love me back": Kim Han-sol auf Facebook

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