Entfremdung vom Körper

Medizin und Ethik: Krankheit als Lebensstil?

10. Oktober 2011, 10:04

Ärztekammer-Präsident Dorner: Entfremdung vom eigenen Körper - "schicke" Krankheiten

Wien - Entfremdung vom eigenen Körper, Krankheit als Lebensstil - extreme gesellschaftliche Phänomene prägten das diesjährige Symposium "Medizin und Ethik". Das Symposium wurde von der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) und dem Europäischen Forum Alpbach am 5. und 6. Oktober in Wien veranstaltet. In einer Aussendung verwies ÖÄK-Präsident Walter Dorner auf extreme Haltungen zu Krankheit und Gesundheit, die unsere moderne Gesellschaft prägten. 

Einerseits gebe es eine starke Entfremdung vom eigenen Körper, wenn Schönheit und Erfolg gleichgesetzt würden. Dorner erinnerte an Narziss, der der Faszination seines eigenen Spiegelbildes erlegen war. Für Schönheit oder Erfolg, werde die eigene Gesundheit immer bedenkenloser geopfert. "Ein deutliches Alarmzeichen" sieht Dorner darin, "dass sich 18-jährige Mädchen zur Matura nicht mehr den Führerschein wünschen, sondern eine Brustvergrößerung".

Unser eigener Körper sei uns offenbar so fremd geworden, dass wir ihn ohne künstliche Eingriffe und Hilfsmittel nicht mehr wahrnehmen. Die Wiener Fachärztin für Plastische und Wiederherstellungschirurgie Hildegunde Piza warf ein, dass die persönliche Freiheit jedes Einzelnen zu respektieren sei. Es sei eine Tatsache, dass sich neben der kurativen Medizin eine "Wunschmedizin" entwickle, dazu gehöre die Schönheitschirurgie. Ärzte dürften aber nicht zu reinen Dienstleistern gemacht werden. Dorner ermutigte die Mediziner, ihre Verantwortung gegenüber der Gesellschaft noch stärker wahrzunehmen und forderte sie auf, ihr eigenes Handeln kritisch zu hinterfragen: "Warum verschönert ein Schönheitschirurg, warum verschreibt ein Arzt Dopingmittel - wissend, dass er damit eventuell einen Menschen ins Unglück stoßen kann?"

"Schicke Krankheiten"

Als ein anderes Extrem nannte der ÖÄK-Präsident, dass sich immer mehr Menschen über eine Krankheit definierten. Es sei inzwischen oft sogar "schick, an irgendetwas zu leiden - am besten, ohne berufliche Beeinträchtigung", so Dorner. Auch Ulrich Körtner, Vorstand des Instituts für Ethik und Recht an der Medizinuniversität Wien, betonte: Wenn Gesundheit und Medizin auf eine kultisch-religiöse Ebene gehoben würden, werde Krankheit zum Lebensstil.

Gesellschaftlicher Druck erzeuge im Hinblick auf gesunde Lebensführung immer öfter Schuldgefühle. Medizin solle zu einem Mehr an Freiheit verhelfen, die Patienten würden aber oft einem rigorosen "Diagnoseregime" unterworfen. Ähnlich äußerte sich der Allgemeinmediziner und Autor Günther Loewit. Mit der provokanten Aussage "Ärzte produzieren Krankheit" forderte er Mediziner auf, den Patienten keine Schuldgefühle einzuimpfen.

Mit der Frage, wie man Krankheit definieren könne, beschäftigte sich auch Michael Musalek, Institutsvorstand und ärztlicher Leiter des Anton-Proksch-Instituts in Wien. Krankheit sei Teil des Lebens, allerdings müsse man unterscheiden zwischen "eine Krankheit haben" und "krank sein". Musalek: "Es gibt Krankheiten, die hat man ein Leben lang - aber man ist deswegen nicht permanent krank." (red, derStandard.at)

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