Island nach der Krise

Wie Literaten und Leseratten ihr Land retten

Gastkommentar | 10. Oktober 2011, 09:42

Für Island geht es aufwärts: Nicht nur seine Banken hat das Land stabilisieren können, auch kulturell ist es anderen mittlerweile wieder weit voraus - Von Richard Schütze

Ein europäisches Land, dessen Bevölkerung heillos über die eigenen Verhältnisse lebt und sich über die Ohren verschuldet, das besonders deutschen Anlegern schlaflose Nächte beschert, weil "systemrelevante" Banken vor dem Zusammenbruch stehen, dessen Natur aber ein einzigartiges Juwel ist und das eine glanzvolle Geschichte mit einer reich entfalteten Kultur und einer mythischen Sagenwelt aufweist, in dem die parlamentarische Demokratie schon seit Jahrhunderten zu Hause ist und an dessen malerischen Küsten Eroberer landeten oder von dort aufbrachen, dieses Land muss Griechenland sein. Wenn es aber statt von den Wellen des Mare Nostrum von den Wogen des Nordatlantik umspült wird, wenn seine feurige Lava speienden Vulkane den europäischen Luftverkehr über Wochen lahmlegen, wenn die Gletscherfluten mit donnerndem Getöse in den zwei Stufen des Gullfoss, des größten und eindrucksvollsten ("goldenen") Wasserfalls Europas, in bizarre Felsschluchten hinabstürzen und wenn seine nur 318.000 Einwohner jeweils acht und damit rund 2,5 Millionen Bücher jährlich erwerben und wenn der Landesschriftstellerverband 400 Mitglieder verzeichnet, dann sind wir in der ehemaligen "Schweiz des Nordens", in Island, angekommen.

Die Welt im Einkaufskorb

Als ich die Insel im Sommer 2007 besuchte, zeigte mir Halldór Gudmundsson, mein sehr guter Freund noch aus Bonner Schulzeiten, die Hauptstadt Reykjavík. Mitten in der City landeten auf einem für Businessjets ausgelegten Flughafen die Flieger der Banker, Investoren und Finanzmanager aus ganz Europa. Dazu den Rohbau der prachtvoll dimensionierten neuen Konzerthalle, den Ausbau des Hafens und viele neue Bürohäuser - überall ragten Baukräne in die klare Luft des nordischen Himmels. Die drei gerade privatisierten Banken des Inselstaates kauften sich in aller Welt ein, bevorzugt auf der britischen Nachbarinsel, und die Isländer konnten mit vollen Händen wie die Könige des europäischen Nordens agieren. Ein Jahr später platzte die Blase; die isländische Kaupthing-Bank und das US-Bankhaus Lehman Brothers lösten jenen weltweiten Finanzcrash aus, der allein 34.000 deutsche Anleger bei den isländischen Finanzinstituten um ihr Erspartes zu bringen drohte. Halldór, seit seinem 28. Lebensjahr Chef des bedeutendsten isländischen Verlagshauses Mál og menning, griff einmal mehr selbst zur Feder und schrieb eine auch in Deutschland zum Bestseller gereifte Analyse über menschliche Gier, Habsucht und Tragödien: "Wir sind alle Isländer: Von Lust und Frust, in der Krise zu sein".

Der ein exzellentes Deutsch und ein paar andere europäische Dialekte sprechende Isländer besann sich darauf, mit welcher Ressource er seinem Land wieder zu Ansehen und Glanz verhelfen konnte. Neben von Mutter Natur zur Verfügung gestellter Energie aus heißen Quellen, feuriger Lava und unzähligen Wassern für Fabriken, zum Beispiel der Aluminiumindustrie und für Gewächshäuser, neben dem immensen Fischreichtum vor den Küsten und den einzigartigen touristischen Attraktionen wie Geysiren, Wüsten, Gletschern, Fjorden und Vulkanen und den unvergleichlichen Islandpferden, ist es vor allem die Literatur, die Island einzigartig macht. Rund 3.000 Buchtitel hatte Gudmundsson schon selbst verlegt, dazu mehrere erfolgreiche Bücher geschrieben, darunter eine preisgekrönte Biografie des isländischen Literaturnobelpreisträgers und Jahrhundertliteraten Halldór Laxness, und er hatte mit berühmten Autoren, Publizisten und Journalisten aus aller Welt die Insel bereist. Ihm und seinen Mitstreitern gelang der Coup, Island anstelle des Rivalen Finnland den Status des offiziellen Partner- und Gastlands der diesjährigen Frankfurter Buchmesse zu sichern.

Große Länder in den Schatten gestellt

Wenn morgen diese größte Buchmesse der Welt ihre Tore öffnet, feiert Island dank seines Regierungsbeauftragten für den Auftritt in Frankfurt eine Wiederauferstehung. Wohl nie zuvor ist über ein Land, seine Kultur und Literatur so intensiv und ausgiebig in den Medien berichtet worden und kaum jemals haben so viele Kulturveranstaltungen eines Gastlandes im Vor- und Umfeld der Buchmesse stattgefunden wie in diesem Jahr. Mit nur einer Handvoll engagierter Mitarbeiter und einem überschaubaren Budget von 3 Millionen Euro hat es der Verlagsmanager und Autor Halldór Gudmundsson zustande gebracht, große und bevölkerungsreiche Länder wie China und Argentinien, die in den vergangenen Jahren Partnerländer der Buchmesse waren, weit in den Schatten zu stellen. China hatte 2009 immerhin 7 Millionen Euro in seinen Auftritt investiert; 100 Buchtitel wurden seinerzeit eigens ins Deutsche übersetzt. Das im Verhältnis zum „Riesenreich der Mitte" sehr kleine Island wartet dagegen in diesem Jahr mit 200 Island-Titeln auf; darunter die von Gudmundsson angeregte Neuübersetzung der legendären „Sagas" aus dem 13. Jahrhundert. Von Gudmundsson stammt auch der Slogan, der diesen Auftritt, aber auch die kleine Insel am Polarkreis selbst und ihre literaturverliebten Bewohner in genialer Manier beschreibt: "Sagenhaftes Island".

Für Griechenland und andere überschuldete Länder Europas könnte Island Hoffnung und Vorbild sein, sich auf die eigene Geschichte und Kultur zu besinnen und daraus neue Schubkräfte zu entwickeln. Dazu braucht es Leute mit Ideen und Mut wie den bescheiden, aber sympathisch und humorvoll auftretenden, sehr belesenen und weltläufigen Halldór Gudmundsson. Und übrigens: Island hat laut OECD-Bericht 2010 seine Wirtschaft und Währung weitgehend stabilisiert, die Banken konsolidiert und verhandelt über einen Beitritt zur Europäischen Union. Mit besten Aussichten. (Richard Schütze, derStandard.at, 10.10.2011)

Autor

Richard Schütze, The European, ist Geschäftsführer der Berliner Politik- und Kommunikationsberatung Richard Schütze Consult. Der Rechtsanwalt hat sich in zahlreichen Publikationen und Medien als Autor und Interviewgast mit dem Image von Politikern beschäftigt.

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19 Postings
world-citizen
10
11.10.2011, 09:56
Ein Glück, daß ich nicht dort leben muß.

Knapp 300000 Menschen auf einer Fläche, die 1 1/2 x so groß wie Österreich ist. Da kennt wirklich jeder jeden; dagibt es wirklich keine Anonymität und wahrscheinlich haben dort auch die Wände Ohren. Und dann wird's dort selbst im August nicht wärmer als maximal 18 Grad. Somit bleibt nur häufiges Verreisen um Etwas Abwechslung zu bekommen. Aber gerade das wurde durch den Verfall der Landeswährung für die Meisten unerschwinglich teuer.
Wenn man es dort aushält, muß man wohl ein extrem unterwürfiger und angepasster Mensch sein.

The Chaos Path
00
11.10.2011, 14:24
Wenn man es dort aushält, muß man wohl ein extrem unterwürfiger und angepasster Mensch sein.

wie bitte? und das von einem österreicher??? omg

world-citizen
00
11.10.2011, 16:16
Nun ja, .............

.......... aus Österreich kann man wenigstens schnell raus - von jedem Punkt des Landes ist es nicht mehr als eine Stunde. Aber in Island ist man auf einer Insel - weit abgeschieden im kalten Nordatlantik.

Simplicius Simplicissimus
00
10.10.2011, 17:00
Unverständlich, ...

... dass das Land über einen EU-Beitritt verhandelt. Will es die Diktatur?

Para Dox
10
10.10.2011, 15:01
Der Gulfoss ist nicht der größte Wasserfall Europas

Das ist der Dettifoss im Norden Islands.

Und wenn mit "Eroberern" jene norwegischen Wikinger zur Zeit der Landnahme gemeint sind, dann ist die Bezeichnung "Eroberer" falsch. Island war unbesiedelt. Von "Eroberung" kann man daher nicht sprechen.

Dass der Flughafen Reykjavik für extra für Businessjets ausgelegt wäre, ist auch Blödsinn. Das ist der Inlandsflughafen. So wie überall in dünn besiedelten Gebieten, ist das Flugzeug ein wichtiges Transportmittel. Etwas größere Orte werden mehrmals täglich mit Propellermaschinen angeflogen.

Die große Anzahl an Übersetzungen liegt möglicherweise auch daran, dass viele Werke der isl. Literatur früher aus dem Dänischen übersetzt wurden. Eine Übersetzung aus dem Isländischen war überfällig.

Hier im Standard sind nur perfekte Menschen..
00
10.10.2011, 16:59

nun ganz unbesiedelt war island auch nicht. es wurde von irischen mönchen fallweise "benutzt", und der flughafen reykjavíks wird nicht nur für inlandsflüge, sondern auch für flüge von/nach grönland benutzt

Para Dox
00
10.10.2011, 21:49

Ja Danke, aber bei 750 Zeichen ist es weder möglich und in diesem Fall eigentlich auch nicht notwendig alle Details hinzuschreiben.

Erisian Liberation Front
20
10.10.2011, 13:39
Island nach der Krise

Sorry, aber nur weil ein paar Leute sagen, daß sie die Krise nicht mehr interessiert, ist sie noch lange nicht vorbei und die Schulden bezahlt.
Island ist immer noch tief in der Krise.
Da hilft auch kein linker Kindergarten der den Kopf in den Sand steckt.

trollvottel
04
10.10.2011, 12:25

Bitte beendet eure Partnerschaft mit dem "European", die von dort übernommenen amateurhaften Beiträge senken die durchschnittliche Qualität des Standard dramatisch.

Podolski36
01
10.10.2011, 12:48
Amateure

Nachdem ich mich durch den ersten Satz dieses Aufsatzes gekämpft hatte, der erst nach zehneinhalb Zeilen auf den Punkt kommt, dachte ich, das muss ein Amateur geschrieben haben. Dann las ich, der Beitrag stamme von einem Autor von "The European". Und das bedeutet, wie die Standard-Leseerfahrung lehrt, nur allzu oft das gleiche: "The European" = Amateure.

Aung San Suu Tschi
 
00
11.10.2011, 09:41
Warum machen sich Leute, die nicht schreiben können, im Journalismus breit? Verachten Journalisten ihr eigenes Handwerk?

Die zur Schau gestellte Haltung der "European"-Leute ist völlig unberechtigt, viele schreiben schlecht.

Warum dürfen Leute, die das Handwerk nicht beherrschen, so herumfuhrwerken?

Würden Sie sich von einem praktischen Arzt, der wirklich nicht operieren kann, operieren lassen?

Nein, warum also meint man im Journalismus, dass Nicht-Können eine lässliche Sünde ist?

Gibt es eine Art Selbstverachtung bei Journalisten? Oder ist es österreichischen Journalisten wurst, wie ihr eigenes Blatt geschrieben und gestaltet wird?

Hier im Standard sind nur perfekte Menschen..
20
10.10.2011, 11:20

einzigartige geschichte? tut mir leid, aber da muß ich lachen. das älteste erhaltene haus in reykjavík ist aus dem jahre 1919, ansonsten hat island hauptsächlich mit sich selbst zu tun gehabt.

aber die landschaft ist einzigartig, das stimmt..

Para Dox
10
10.10.2011, 15:08

Du verwechselst "Geschichte" mit "Architektur Geschichte". Die isl. Geschichte ist schon etwas besonderes, weil sie aus dem europäischen Rahmen fällt.

BTW: Im Text steht überhaupt nichts von "einzigartiger Geschichte".

Hier im Standard sind nur perfekte Menschen..
00
10.10.2011, 16:52

btw: wie fällt islands geschichte aus dem europäischen rahmen? details bitte. danke

Para Dox
01
10.10.2011, 22:04

Aufgrund einiger Tatsachen:

- bis in 9 Jhdt. quasi unbesiedelt.
- war eine Kolonie (dänische)
- Späte Entwicklung erst ab dem 19 Jhdt. (überspitzt könnte man sagen, dass die Isländer erst im 20 Jhdt. aus ihren Torflöchern gekrochen sind). Bis nach dem 2. WK bettelarm und stark bäuerlich geprägt.
- Demokratie; niemals Monarchie (wenn man vom dänischen Herrscher absieht).
- Ungewöhnlich hohe Alphabetisierungsrate und daher reiche Literatur
- keine Kriege
.....

Ich war natürlich mehrmals in Island und habe viel über Island und von isländischen Autoren gelesen.

Hier im Standard sind nur perfekte Menschen..
00
10.10.2011, 16:52

stimmt, es steht "glanzvolle geschichte", aber auch dies trifft nicht wirklich zu. waren sie schon mal in island? oder haben in island gelebt? ich schon, ich glaub ich kenne island wie meine westentasche, und außer edda sagas und eirkíkur raudurs entdeckung ist nicht wirklich viel glanzvolles erhalten oder geschehen..

Para Dox
00
10.10.2011, 22:11

Ich behaupte ja nicht, dass die Geschichte glanzvoll wäre (vielleicht bis auf die erwähnten Entdeckungen von Erik dem Roten und Leif Eriksson - in Nord Amerika waren auch isländische Siedler nicht nur Grænlendingar - und die Literatur). Das von der glanzvollen Geschichte steht im Artikel. Meiner Ansicht nach ist sie vergleichsweise ungewöhnlich (bzw. fällt aus dem Rahmen).

Hier im Standard sind nur perfekte Menschen..
00
11.10.2011, 16:35

ich gebe ihnen vollkommen recht. ich finde island ein faszinierendes land, nur an eins werde ich mich nie gewöhnen: hákarl ;-)

am besten gefällt mir hornstrandir. seeeeeeehr empfehlenswert! :-)

sjáumst

Hausmeister und Bruder vom Lugner
00
10.10.2011, 11:07
Davon könnte sich Ö nicht nur eine Scheibe, sondern die komplette Stange Wurst abschneiden!

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