Shopping-Plomben in einem Netzwerk namens Stadt

10. Oktober 2011, 09:25
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Die Stimmung auf der Expo Real 2011 in München war positiv. Das liegt auch daran, dass viele Investoren endlich die Notwendigkeit von urbanen Synergien und Mixed-Use erkannt haben. Ein Überblick

Die meistbesuchten Stände auf der heurigen Expo Real in München waren nicht diejenigen, die Projektentwicklungen und Zahlen und Fakten boten, sondern literweise Sekt und Würfelparmesan. Und die versammelte Männerriege war sich einig: "Richtig gute Stimmung heuer. Endlich geht wieder was weiter."

Auffällig ist - stärker denn je - das Gefälle zwischen Ballungsräumen und ländlichen Regionen. Die ruralen Gebiete kämpfen um Aufmerksamkeit. "Meine Damen und Herren", erklärt eine Sprecherin am Messestand der Ottostadt Magdeburg, Sachsen-Anhalt, "unsere Entwicklungsgebiete liegen doch nicht hinter sieben Bergen, sondern in der Nähe der Stadt, mitten im Grünen, an einer gutbefahrenen Straße."

Und aus Cluj-Napoca, Rumänien, präsentiert der Projektentwickler La Donna Imobile das Wohn- und Shoppingkonzept "Amphitheater", ein Hybrid zwischen dramatischer Geste und Teletubbie-Land. Kein einziger Besucher. "Das ist das derzeit größte Projekt in Transsylvanien", sagt Valentin Visan, CEO der "unbeweglichen Dame". "Die Finanzierung ist noch offen, aber aus heutiger Sicht ist das Projekt für den rumänischen Markt schlicht zu groß. Es ist still geworden."

Grüne Wiese und Innenstadt

Abgesehen von ein paar exotischen Ausreißern und einigen angeschlagenen oder übersättigten Märkten wie etwa Budapest, Moskau oder St. Petersburg jedoch bestätigt sich das eben am Buffet gehörte Pauschalurteil der Besucher. Nicht nur die Shoppingcenter auf der grünen Wiese sprießen nach wie vor, sondern vor allem innerstädtische Shopping- und Büroprojekte, die die Quartiersentwicklung fördern.

"Wir haben längst gelernt, dass es nichts bringt, Einzelprojekte ohne Kontext zu entwickeln", meint etwa Damià Calvet i Valera, Sprecher der autonomen Gemeinschaft Katalonien. "Shoppingcenter und Bürokomplexe ohne Anbindung an Infrastruktur und städtisches Leben sind langfristig nicht überlebensfähig." Und Mario Rubert, Managing Director für wirtschaftliche Beziehungen im Stadtrat von Barcelona, bestätigt: "An zwei Themen führt in Zukunft kein Weg vorbei. Der eine wichtige Punkt ist Dezentralisierung und damit Reduktion der Mobilität, der zweite Punkt ist Implementierung in bestehende Strukturen und damit Schaffung von Synergieeffekten."

Fazit dieser Bemühungen: entkoppelte Projektentwicklungen ohne Rücksicht auf Verkehr und Infrastruktur. Diese sind am Barcelona-Messestand nicht zu finden. Die Projekte sind allesamt an eine Universität, an den Personenhafen oder an den geplanten Hochgeschwindigkeitsbahnhof La Sagrera, von wo aus in Zukunft Züge in nur vier Stunden nach Paris fahren sollen, angebunden.

Visitenkarte und Baulücken

Andere europäische Metropolitan-Regionen folgen diesem Beispiel. In Berlin, Frankfurt, Köln/Bonn, Amsterdam, vor allem aber in Hamburg und Paris zählt das Miteinander und das Dazwischen mehr als das Einzelprojekt. Während die Franzosen mit großen Gesten arbeiten und das Hochhausviertel La Défense zur neuen Visitenkarte des Landes ausbauen, konzentrieren sich die Deutschen tendenziell auf den Maßstab des Quartiers und füllen die vielen Baulücken mit kleinen, meist unauffälligen, aber stets auf das urbane Umfeld reagierenden Plomben.

Shoppingcenter, nichtsdestoweniger, werden auch hier gebaut. Der portugiesische Projektentwickler Sonae Sierra investiert 120 Millionen Euro in ein 28.000-Quadratmeter-EKZ in Solingen, Nordrhein-Westfalen. Die Fertigstellung ist für Anfang 2014 geplant. Und in Garbsen bei Hannover soll ein Shoppingcenter mit 41.000 Quadratmetern als neue Stadtmitte fungieren. Der voraussichtliche Baubeginn ist 2012.

"Die Finanzierung solcher Projekte ist heute schwieriger denn je, wobei Deutschland noch vergleichsweise einfach über die Bühne geht", sagt Ingo Nissen von Sonae Sierra. "Vor allem in Südeuropa ist man in letzter Zeit zurückhaltend geworden. In den jungen Boom-Märkten wie Brasilien oder Kolumbien tun wir uns leichter." Die beiden außergewöhnlichsten Projekte, die heute auf der Expo Real zu sehen waren, sind jedoch ohne Zweifel das "Emporia" in Malmö, das größte Shoppingcenter Skandinaviens, und "The Circle" am Flughafen Zürich.

Beach-Volleyball und Dachgarten

Das Stockholmer Büro Steen & Strøm setzt bei seinem Projekt nicht nur auf die Architekturkarte (Planung Gert Wingårdh), sondern gibt der Stadt auch ein Stückchen Grün zurück. Auf dem Dach des 78.000-Quadratmeter-Komplexes entsteht ein öffentlich zugänglicher Park mit Spielplätzen, Beach-Volleyball und Minigolf. Rundherum gruppiert: Hochhäuser mit Wohnungen. "Wenn man ein Gebäude in dieser Größenordnung errichtet, dann übernimmt man nicht zuletzt öffentliche Verantwortung", sagt Anders Malmgren, Leasing Manager bei Steen & Strøm. "Außerdem kann man hunderten von Bewohnern unmöglich zumuten, auf ein Kiesdach mit Lüftungsauslässen zu blicken." Die Baukosten für das "Emporia" belaufen sich auf 440 Millionen Euro. 75 Prozent der insgesamt 200 Shops sind bereits vermietet. Die Eröffnung ist für Oktober 2012 geplant.

Auf dem Flughafen Zürich entsteht mit "The Circle" ein Mixed-Use-Komplex mit 210.000 Quadratmetern Nutzfläche. Das Projekt des japanischen Architekturbüros Riken Yamamoto & Field Shop beinhaltet ein Konferenzzentrum, Shoppingflächen, Hotels und servicierte Apartments, einen Bildungscampus sowie einen Gesundheits- und Medizin-Cluster.

Bahnhof und Flughafen

"Der Flughafen Zürich ist wahrscheinlich der am besten erschlossene Punkt in der ganzen Schweiz", erklärt der zuständige Projektleiter Andrea Jörger. "Dank der Nähe zur Zürcher Innenstadt und dank der guten öffentlichen Anbindung - davon sind wir felsenfest überzeugt - wird sich The Circle zu einem Prototyp für ein völlig neues Modell im Non-Aviation-Bereich entwickeln." Die Gesamtinvestitionskosten betragen 820 Millionen Euro. Derzeit befindet sich das Projekt in der Einreichphase. Baubeginn ist 2013, Fertigstellung 2017.

Shopping-Synergien auch in Wien, wenngleich in etwas reduzierter Form: Die Bahnhof-City West, die am 23. November eröffnet wird, umfasst 17.000 Quadratmeter Shoppingfläche. Das EKZ mit Durchschnittsmieten um die 35 Euro pro Quadratmeter (Spitzenmieten jenseits der 300 Euro) ist bereits vollständig vermietet. Eine Sonntagsregelung wird es aber nicht geben. Ein ähnliches Schicksal ereilt auch den künftigen Hauptbahnhof, das ÖBB-Aushängeschild auf der Expo Real. Das EKZ mit 20.000 Quadratmetern Verkaufsfläche wird an Sonntagen geschlossen bleiben. (Wojciech Czaja aus München, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8./9.10.2011)

  • Leuchtendes Projekt auf der Messe: Das "Emporia" soll in Malmö entstehen und das größte Shoppingcenter Skandinaviens werden - inklusive eines öffentlichen Parks auf dem Dach.
    rendering: steen & strøm

    Leuchtendes Projekt auf der Messe: Das "Emporia" soll in Malmö entstehen und das größte Shoppingcenter Skandinaviens werden - inklusive eines öffentlichen Parks auf dem Dach.

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