"Perverser als der Westen"

9. Oktober 2011, 22:31
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Regisseur Goran Radovanović im Interview über Filmemacher, die den Westen kopieren

Goran Radovanović sprach bei seinem letzten Besuch in Wien, als seine Filmretrospektive "Transition to Democracy" vorgestellt wurde, mit daStandard.at über die Schwierigkeiten, einen Platz an der Belgrader Filmakademie zu ergattern, darüber, wie er durch das Dokumentarfilmen der surrealen Realität der Balkan-Kriege entfliehen konnte, und warum Armut für ihn die größte Motivation für das Filmemachen ist.

daStandard.at: Sie haben Kunstgeschichte studiert und nach Ihrem Studium vorerst als Filmkritiker in Belgrad gearbeitet. Das ist nicht gerade der typische Verlauf einer Karriere als Regisseur.

Goran Radovanović: Wissen Sie, ich fing mein Kunstgeschichte-Studium 1976 an und wollte damals schon Filmemacher werden, aber es war sehr schwierig zu dieser Zeit. Es gab nur zwei bis drei Filmakademien in Ex-Jugoslawien, und nur Kinder prominenter Eltern konnten die Filmschule besuchen. Regisseur zu sein galt als ziemlich angesehen. Der Beginn meiner Karriere als Regisseur ist eigentlich typisch für die 1960er. Man hatte eine Ausbildung in einem anderen Fach wie Literatur, Psychologie oder eben Kunstgeschichte. So wurden Filmemacher damals rekrutiert.

daStandard.at: Den Einstieg in das Berufsleben als Regisseur haben Sie gerade als sehr schwierig bezeichnet.

Goran Radovanović: Für mich war es immer schwierig. Ich konnte nicht in die Filmschule. Ich ging mit einem Stipendium nach München, aber ich wollte nicht dort leben und studieren. Irgendwie konnte ich mich dort nie richtig einleben, weil ich fühlte, ich muss dorthin, wo ich geboren bin. Ich war emotional zu sehr an mein Land, meine Stadt, meine physische und spirituelle Umgebung gebunden. Aber ich lernte Deutsch und sehr viel über den Neuen Deutschen Film der späten 1970er. Die deutschen Sprachkenntnisse haben mir dann bei meiner Rückkehr nach Jugoslawien sehr geholfen. So bekam ich Jobs als Regieassistent bei Deutsch-Jugoslawischen Koproduktionen. Dann 1988, schrieb ich ein Drehbuch über meine Zeit in Deutschland, und daraus wurde ein Film mit dem Titel "Oktoberfest", der sehr erfolgreich war.

daStandard.at: Dann fingen Sie an auch eigene Filme zu drehen und richteten dabei den Blick meist dokumentarisch auf den Alltag der Menschen in Serbien.

Goran Radovanović: Ich fühlte mich nach dem Erfolg meines ersten Drehbuchs korrumpiert, als ob ich Teil des kommunistischen Systems geworden wäre, und das wollte ich nicht. Also begann ich das zu meiden und wandte mich den Kurzfilmen zu, wo ich die Ästhetik und die finanzielle Seite meiner Projekte kontrollieren konnte, um nicht auf die Hilfe der großen kommunistischen Institutionen angewiesen zu sein. Und dann kamen die Kriege und alles drehte sich nur mehr ums Überleben. Ich heiratete, wurde Vater. Nach zwei Jahren begann ich als Antwort auf diese Situation Dokumentarfilme zu drehen. Die Situation in Ex-Jugoslawien war so surreal und die Ereignisse so irrational, das war sogar noch imaginativer als meine eigene Fantasie. Spontan und reflexartig tauchte ich in diese Dokumentar-Welt ein, um die Realität zu erkunden. Auf einmal hatten wir Millionen von Flüchtlingen, eine explodierende Inflationsrate und dann die NATO Bombardements. Es war so wundervoll surreal, sodass es einem leicht gemacht wurde, Dokumentar-Filmer zu werden.

daStandard.at: In Ihren Dokumentationen zeigen Sie die Realität derer, die an den Rändern der Gesellschaft leben, wie zum Beispiel die der serbischen Roma in "Columba Urbica", die Mitte der 1990er mit Armut zu kämpfen hatten und ohne Strom und Wasser lebten. Wie reagierte das serbische Filmpublikum auf diese Filme?

Goran Radovanović: Eigentlich wollte ja niemand diese Filme sehen, weil es so ist, wie dem eigenen schlechten, nicht schmeichelhaften Spiegelbild ins Gesicht zu sehen. Meine Filme wurden gut aufgenommen, aber vor 2000 hatte ich nicht viele Möglichkeiten, sie auf die Leinwand zu bringen. Das Fernsehen wurde stark vom Milošević-Regime kontrolliert. Milošević war sehr gerissen, er wusste um die Macht der elektronischen Medien.

daStandard.at: Nach seinem Sturz drehten Sie auch Dokumentarfilme über die Transformation in Serbien und die Protestbewegung. War es Ihnen wichtig, mit diesen Filmen eine Botschaft zu vermitteln?

Goran Radovanović: Alle meine Filme beschäftigen sich mit der Beziehung zwischen Intimität und Politik und wie destruktiv sich Ideologie auf die Intimität auswirken kann, wie das soziale „Super-Ego" die Individualität attackiert. Ich versuche immer, den starken politischen, ideologischen und sozialen Kontext dem Individuellen gegenüberzustellen. Und natürlich bin ich auch immer auf der Seite der ums Überleben Kämpfenden, der Außenseiter, der Flüchtlinge, der Roma, der alten Menschen, der Bedürftigen und der jungen Mädchen, die zur Sexarbeit gezwungen werden. All das sind meine Themen, ich diene dem Drama des Lebens am Rande der Gesellschaft. Armut ist ja auch die größte Motivation, um einen Film zu drehen, weil man ein sehr fokussiertes Auge zum Beobachten hat.

daStandard.at: In den letzten Jahren sind Regisseure vom Balkan und ihre Filme sehr beliebt in Europa. Besonders in Österreich und Deutschland scheint man sich dabei immer noch sehr fürs Thema Krieg zu interessieren. Einige Filmemacher aus Ex-Jugoslawien beklagen sich aber über diese Reduzierung auf Kriegsthemen.

Goran Radovanović: Das verstehe ich absolut, aber wir müssen auch die Österreicher oder die Deutschen verstehen. Seien wir ehrlich, wir erwarten uns ja auch nicht einen Horrorfilm oder eine Liebesgeschichte aus dem Iran oder aus Pakistan. Wir erwarten uns, dass ein reales, aktuelles soziales Thema verfilmt wird, weil wir herausfinden wollen, was dort passiert. Daher kann ich das westliche Publikum und die Politik der Filmfestivals verstehen. Aber genauso auch die Frustration der Regisseure vom Balkan. Die sehen, dass die Deutschen gerne einen Anti-Kriegs-Film oder einen traumatischen Nachkriegsfilm sehen wollen und dass sich damit auch einfacher Geld verdienen lässt.

daStandard.at: Wo sehen Sie den Serbischen Film in den nächsten Jahren?

Goran Radovanović: Es gibt viele talentierte, junge Filmemacher. Die meisten versuchen die westlichen Genre-Filme zu imitieren, vor allem die aus Hollywood. Aber es gibt auch sozial engagierte Regisseure. Es ist in Griechenland oder am Balkan mehr oder weniger dieselbe Situation - man befindet sich zwischen Arthouse und Genre-Filmen. Überall in der Welt versucht man die westliche Zivilisation zu kopieren. Zu meiner Zeit, in den 60ern, gab es faszinierende Beispiele des Russischen Films, des Italienischen Films mit Fellini oder mit Yilmaz Güney in der Türkei. Heute haben wir solche Film-Bewegungen nicht mehr, nur mehr sporadische künstlerische Versuche. Ich weiß nicht, was der Französische, Britische oder Italienische Film ist. Es gibt nichts Neues in der Filmsprache, auch nicht, was den Inhalt betrifft. Man versucht nur noch exotischer oder perverser als der Westen zu sein.

daStandard.at: Sind Ihre Filme auch ein Versuch, der Welt ein Fenster zu öffnen, um zu zeigen, wie das Leben in Serbien wirklich ist, den Blick mehr auf die Menschen, anstatt auf die Politik zu richten?

Goran Radovanović: Ehrlich gesagt, ich dachte nicht an das Ausland, als ich filmte. Ich wollte mit meinen Filmen ins kollektive Gedächtnis der zukünftigen serbischen Gesellschaft eingehen. Natürlich möchte ich, dass die Leute durch meine Arbeit mein Land besser verstehen, aber ich mache keine Propaganda. Ich zeige nicht nur gute Dinge, meistens sogar die schlechten.

daStandard.at: Arbeiten Sie momentan an einem neuen Filmprojekt?

Goran Radovanović: Ich will einen Film über den Kosovo machen. Über Koexistenz, Versöhnung, Wiedergutmachung und die Absurdität des Hasses. Die NATO-Bombardierungen haben ja nicht das Problem gelöst. Der Hass ist immer noch da. Im Film soll es um Kinder als die Helden gehen, die die Regeln brechen, und durch die Liebe wagen, nicht mehr die Konsequenzen ihrer Eltern zu sein. Denn der Hass schafft keine Kommunikation - nur Isolation oder den Tod. Für mich ist Film letztendlich auch Kommunikation, um einander nah zu sein. (Güler Alkan, 10. Oktober 2011, daStandard.at)

  • "Es gibt nichts Neues in der Filmsprache, auch nicht, was den Inhalt betrifft. Man versucht nur noch exotischer oder perverser als der Westen zu sein."
    foto: nicole marjanovic-zoubek

    "Es gibt nichts Neues in der Filmsprache, auch nicht, was den Inhalt betrifft. Man versucht nur noch exotischer oder perverser als der Westen zu sein."

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