Sechs Quadratmeter als letzte Chance

Reportage9. Oktober 2011, 18:36
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Seit 2008 ist die Zahl der Wohnungslosen in Wien jährlich um tausend Personen gestiegen - Ein Besuch bei Betroffenen

Wien - Mit dem Tod der Mutter 2001 fing alles an. Davor war Herr H. davon überzeugt, seinen Lebensabend in Teneriffa verbringen zu können. Wenn er das erzählt, verdunkelt sich sein Gesicht. Plötzlich stand er vor einem Schuldenberg, der von der Mutter jahrelang verheimlicht worden war. Sie hatte sogar seine Unterschrift gefälscht, um Geld abzuheben. Alles weg, was er jahrelang auf die Seite gelegt hatte. Für Teneriffa.

Dann ging alles ganz schnell: Drei Tage blieben ihm, die Genossenschaftswohnung zu räumen. Einige Wochen kam er noch bei Freunden unter, dann spülte ihn das Leben auf die Donauinsel, wo er den Sommer über lebte. Heute ist der 51-Jährige einer von 112 Bewohnern des Max-Winter-Hauses in Wien, wo obdachlose Menschen dauerhaft und betreut wohnen können. 293 Euro kostet H. die kleine Garconniere im Monat, den Rest begleicht der Fonds Soziales Wien (FSW).

Zehn Jahre unter der Brücke

Wer hier bleiben darf, hat das Schlimmste schon hinter sich. So wie Herr Z., der zehn Jahre seines Lebens unter Brücken verbracht hatte. Eine Mehlallergie markierte das Ende seiner Bäckerkarriere, die Scheidung das Ende seiner Stabilität. Familiäre Tragödien, Krankheit, Sucht - die Wege in die Armut sind vielfältig.

Nicht während, sondern etwa zwei Jahre nach der Wirtschaftskrise 2008 kam der große Sturm auf die Obdachloseneinrichtungen in der Hauptstadt. Seither ist die Zahl der Wohnungslosen jährlich um tausend Personen angewachsen. 8200 betreute Personen waren es 2010, die Dunkelziffer kennt niemand so genau.

Spartanische Ausstattung

In Notschlafstellen, dem ersten Anker im System, sieht es nicht so heimelig aus wie im neugebauten Max-Winter-Haus. Kahle Wände und spartanische Ausstattung laden nicht gerade zum Verweilen ein - und das aus gutem Grund: "Das Ziel ist immer, die Menschen in ein selbstverwaltetes Wohnen zurückzuführen", sagt Monika Wintersberger-Montorio, Geschäftsführerin der FSW-Tochter "Wieder Wohnen".

Ein gewisses Unbehagen bezüglich der kargen Inneneinrichtung und ein paar Auflagen können den Leuten auch helfen, wieder ein eigenständiges Leben zu beginnen. Morgens müssen die 400 Notschlafplätze um acht Uhr verlassen werden, erst am Abend öffnen sich die Türen wieder. Klienten bleiben im Schnitt 21 Tage in den Nachtlagern. Nach zwei Monaten müssen Mindestsicherungsempfänger (752 Euro im Monat) vier Euro pro Nacht zahlen.

Übergangshäuser

Wer es bis dahin nicht zu einem Dach über dem Kopf gebracht hat, kann in sogenannten Übergangshäusern unterkommen. Seit dem 15. Juli 2010 lebt Frau U. in der Gänsbachergasse. Das Datum werde sie wohl nie vergessen, "es war ein sehr einschneidender Tag", erzählt die 48-Jährige. Nach dem Tod von Mann und Kind habe sie einfach die "falschen Freunde" kennengelernt. Neun Monate verbrachte sie wegen eines Betrugsdeliktes im Gefängnis, seither wohnt sie in einem Sechs-Quadratmeter-Zimmer, ihrem "begehbaren Sarg", wie sie es nennt.

Wegen der fünfjährigen Bewährungsstrafe darf sie ihren Beruf als Krankenschwester derzeit nicht ausüben. Aber ans Aufgeben denkt sie nicht. "Wenn du es hier nicht rausschaffst, schaffst du es gar nicht mehr." Die Unterkunft kostet 180 Euro im Monat, maximal zwei Jahre kann man bleiben. Die 270 Bewohner können sich Taschengeld dazuverdienen, durch Kloputzen, Ausmalen oder andere Tätigkeiten im Haus.

Working Poor

Auch die Working Poor finden sich hier wieder, deren prekäre Arbeitsverhältnisse kein anderes Leben zulassen. Wer in die Einrichtungen kommt, will meist erstmals seine Ruhe. Das werde akzeptiert, sagt Manuela Oberegger, Leiterin des Hauses in der Gänsbachergasse. Ankommen lassen sei wichtiger Teil des Integrationsprozesses.

Das Leben auf der Straße bedeutet Stress. Die typischen Managerkrankheiten wie Burnout, Depression, Schlaflosigkeit treffen auch viele Obdachlose. Nach der Eingewöhnungsphase beginnt die Sozialanamnese, die von gesundheitlicher Betreuung bis Schuldnerberatung geht.

Der US-amerikanische "Housing first"-Ansatz wurde im Wiener Regierungsübereinkommen aufgenommen. Demnach steht die Lösung der Wohnproblematik im Vordergrund. Dauerhafte Wohnlösungen und ein bisschen Privatsphäre können bereits viele Probleme entschärfen, wie Studien zeigen. (Julia Herrnböck/DER STANDARD-Printausgabe, 10.10.2011)

Link:

10. Oktober 2011 - www.worldhomelessday.org

  • Eine Mehlallergie beendete Herrn Z.s Karriere als Bäcker, seine Scheidung kostete ihn all sein Geld. Seither wohnt er im Max-Winter-Haus, wo obdachlose Menschen betreut werden.
    foto: andy urban

    Eine Mehlallergie beendete Herrn Z.s Karriere als Bäcker, seine Scheidung kostete ihn all sein Geld. Seither wohnt er im Max-Winter-Haus, wo obdachlose Menschen betreut werden.

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