Sozialpartner

Klassenkampf als Lachnummer

9. Oktober 2011, 18:01
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    apa-foto: barbara gindl

    Gewerkschafts-Boss Erich Foglar: Die Watschenmänner sind wieder salonfähig. Wirtschaftskammer-Chef Christoph Leitl: die Brücken zur roten Seite erhalten.

Totgesagte leben länger: Vor zehn Jahren noch als "Blockierer" auf der Abschussliste, haben sich die Sozialpartner in der Krise als Troubleshooter bewährt - Doch nun steht ein Härtetest an: die Reform des Pensionssystem

Wien - Bad Ischl lebt von der Vergangenheit. Das Städtchen im oberösterreichischen Teil des Salzkammerguts lockt mit Kaiservilla, Kurkonditorei und Sissi-Kitsch. Habsburger Regentenpaare stiegen hier genauso zur Sommerfrische ab wie der einstige Staatskanzler Metternich. Erneuerer waren das keine.

Die Sozialpartner versuchen mit der nostalgieschwangeren Tradition zu brechen. Alljährlich treffen sich die Vertreter von Arbeitnehmern und Arbeitgebern in Ischl, um sich als Modernisierer zu stilisieren. Ob die Realität mit diesem Selbstbild Schritt hält, steht Anfang dieser Woche auf dem Prüfstand. Um das niedrige Pensionsantrittsalter anzuheben, bedürfe es weiterer Reformen, hat Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) eingestanden - und die heiße Kartoffel gleich an die Sozialpartner weitergereicht. Heute, Montag, wollen die vermeintlichen Troubleshooter ein Konzept vorlegen, auf dem die Regierung aufbauen kann.

Die tragende Rolle erinnert an vergangene, machtvolle Zeiten. Devote Regierungspolitiker, die vor verschlossenen Polstertüren warten, bis sich Gewerkschafter und Kämmerer etwas ausgeschnapst haben: Das Image der Schattenregierung sei vor 50 Jahren kein übertriebenes Klischee gewesen, sagt der Politologe Ferdinand Karlhofer. Nie beschränkten sich die Sozialpartner nur auf ihr Kerngeschäft, die Ausverhandlung der Kollektivverträge, sondern nahmen komplette Politikfelder, beim Arbeits- und Sozialrecht angefangen, in Beschlag.

Demokratisches Lehrstück war das keines, zumal kein Gesetz den enormen Einfluss legitimierte. Doch zu wirtschaftlicher Prosperität und sozialem Frieden hat der "sublimierte Klassenkampf" (Bruno Kreisky), der am grünen Tisch statt auf der Straße ausgefochten wird, unbestritten beigetragen.

Spätestens in den Neunzigern war der historische Kredit jedoch verspielt. Industrievertreter, die ihren Profit in der globalisierten Welt suchten, fühlten sich vom korporatistischen Korsett beengt. Jörg Haider führte Kämmerer als privilegienversessene Bonzen vor, die Sozialpartner handelten sich den Nimbus der Blockierer ein: Auf brennende Fragen, von der Lehrlingsmisere bis zum erodierenden Pensionssystem, fanden sie immer seltener Antworten.

Die rechtskonservative Wenderegierung setzte schließlich zur Demontage an. Konsequent wurden die einstigen Einflüsterer ignoriert, vor allem den Arbeitnehmervertretern stellten ÖVP und FPÖ "den Stuhl vor die Tür" (Karlhofer). Rote Funktionäre mutierten zu Watschenmännern in schwarz-blaue Kampagnen, der Skandal um die hauseigene Bank Bawag trieb die Gewerkschaft in eine tiefe Existenzkrise.

Begrenztes Revival

Dass die Sozialpartnerschaft nicht ihr Leben aushauchte, sondern vielmehr "ein begrenztes Revival" feierte, führt der Politikwissenschafter Emmerich Tálos auf die "Schwäche" der Regierungen nach Scheitern des schwarz-blauen Experiments zurück: Es habe sich gezeigt, dass die Verbände, die auch dank der einen oder anderen Strukturreform an Schlagkraft gewannen, oftmals mehr zusammenbrachten als die zerstrittenen Koalitionen.

Die aktuelle Regierung hegt da besonders große Hoffnungen: Die Sozialpartner erfreuen sich nicht nur unzähliger Aufträge im Arbeitsprogramm, sie sitzen in Gestalt von Hundstorfer und Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) leibhaftig auf der Regierungsbank. Vor allem in der Krise haben sie ihre Chance genutzt. Ausgehandelte Rezepte wie die Kurzarbeit haben die Arbeitslosigkeit entscheidend gedämpft.

"Die Sozialpartner haben ihre Politikfähigkeit zurückgewonnen", sagt August Gächter vom Zentrum für soziale Innovation, der angesichts permanenter Blockade vor zehn Jahren noch die Sinnfrage gestellt hat. Dennoch erkennt Gächter blinde Flecken. Trotz "ritueller Klagen" über Diskriminierungen komme etwa der präventive Kampf gegen Ungleichbehandlung - von Frauen bis zu Migranten - immer noch zu kurz. Die Sozialpartner, meint der Arbeitsforscher, seien bei vielen Themen einfach "nicht am Stand", weil sie den Dialog mit der Zivilgesellschaft verschliefen.

Achillesferse Pensionen

Ein weiterer Schwachpunkt ist das ewige Thema Pensionen. Mit 58 Jahren liegt das Antrittsalter entschieden zu niedrig - auf viel mehr als diese Erkenntnis konnten sich die Verbände bisher aber nicht einigen. In Ischl soll sich das ändern. Vor allem über die vielen Invaliditätspensionen haben sich die Sozialpartner - Gewerkschaft, Wirtschafts-, Arbeiter- und Landwirtschaftskammer plus der oft beigezogenen Industriellenvereinigung - die Köpfe zerbrochen. Das wie ein Betriebsgeheimnis gehütete Resultat wird in ein gemeinsames Papier gegossen.

Ein großer Wurf? So mancher Beteiligter dämpft die Erwartungen. Ein "enttäuschter" Eingeweihter prophezeit: "Das Theater wird größer sein als das Ergebnis." (Gerald John, DER STANDARD, Printausgabe, 10.10.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 64
1 2
R., der Hundefreund
10
10.10.2011, 17:25
Ein wirklich hübscher "no,na"-Artikel!

Hefeweizerlbier
00
10.10.2011, 12:54
In den 80ern wusste man schon um die Pensionsproblematik

Ohne damals jemanden wehzutun, hätte man sehr lange Einschleifregelungen beschließen können, die zB jetzt langsam zu greifen beginnen.
Da wurde viel verschlafen.

RichardRoe
03
10.10.2011, 19:04

Die 'Pensionsproblematik' hat weniger was mit den ASVG-Pensionen zu tun als mit den durchschnittlichen Einkommen der Arbeiter und Angestellten und den Pensionen des öffentlichen Dienstes. Eine seit gut 38 Jahren tätige Politik hat konsequent daran gearbeitet, den Arbeitnehmern nur die Inflation anzugelten, nicht aber den Produktivitätszuwachs. Rudolf Edlinger hat schon 2002 darüber geschrieben, wurde dafür jedoch 'net amoi ignoriert'.

Wenn die Leute mehr verdienen täten, dann würden sie auch höhere Pensionsbeiträge bezahlen und das Pensionsloch wäre keines. Wenn die öffentlich Bediensteten herausgenommen würden, auch dann wäre das Pensionsloch kaum eines.

Sonata
12
10.10.2011, 12:40
Wurden die Sozialpartner von uns gewählt um über unser Schicksal zu bestimmen?

Felix Schoitl
00
10.10.2011, 18:33
Die Selbstverwaltung in den Kammern verlangt Wahlen.

tapsel
 
00
10.10.2011, 15:02
Die Sozialpartner...

wurden garnicht von uns in die (inoffizielle) Institution Sozialpartnerschaft gewählt.
Und ja, die Sozialpartnerschaft hat sich zu einer Schattenregierung entwickelt, die ohne demokratische Kontrolle über unser Leben bestimmt.

http://www.mein-wirtschaftslexikon.de/s/sozialpartner.php

http://economyaustria.at/files/web... ite_18.pdf

cheap thrills
00
10.10.2011, 12:59
die mit gesetzlicher mitgliedschaft sind alle gewählt.

Almi66
02
10.10.2011, 11:41
Einheitspension mit Bonus-Malus System

Jeder bekommt mit 60 Jahren einen Sockelbetrag, arbeitet er bis 65 Jahre gibt es 20 Prozent+, geht er mit 58 Jahren in Pension gibt es 20 Prozent-.

RichardRoe
00
10.10.2011, 16:50

Tja, glauben Sie wirklich, dass dabei körperlich schwer belastete Maurer, Bäcker, Fliesenleger, Hochofenarbeiter die exakt gleichen Chancen haben wie ein technischer Zeichner?

Gibts wirklich so viele offene Stellen, dass es locker möglich ist, dass alle um 5 Jahre länger arbeiten? Hamma halt mehr junge Leute, die stempeln gehen? Wollen wir das?

ilse schmidt
01
10.10.2011, 11:07
Das Bild sagt alles über Österreich aus.

tapsel
 
01
10.10.2011, 11:07
Was soll da denn auch rauskommen?

Wenn die Menschen später in Pension gehen, gibts weniger Jobs für Junge.

Oder die Alten bekommen statt Pension Arbeitslose, Mindestsicherung etc.

Kommt dann nur aus einem anderen Topf, befüllt werden ALLE Töpfe vom Steuerzahler. Ok, Arbeitslosengeld ist wohl meist etwas billiger als Pension. [/Sarkasmus on] Dafür kommen die Leute wenigstens aus dem Haus, wenn sie bei AMS und Sozialamt anstehen. [/Sarkasmus off]

Daher halte ich die ganze Diskussion für ein Ablenkungsmanöver. Damit werden nur diejenigen, die einfach nicht mehr arbeiten können, noch mehr unter Druck gesetzt.

Ich bin gespannt, wie lange es dauert bis unsere Wunderwutzis, vor allem bei den Schwarzen, das erkennen bzw. eingestehen.

magnus hall
00
8.11.2011, 17:04
Wenn die Menschen später in Pension gehen, gibts weniger Jobs für Junge.

You keep using such phrases. I don't think stuff works how you think it works...

The Chaos Path
00
10.10.2011, 12:21

unsinn, man müsste nur mal die überstunden begrenzen/abschaffen. es ist genug arbeit da, nur wenn jemand 60 std. pro woche hackelt, dann ist schon mal ein halber job weg.

Hefeweizerlbier
00
10.10.2011, 12:49
Wenn es so leicht ginge

Viele Jobs sind saisonal stark belastet, du muss man in manchen Monaten mehr in die Hände spucken.
Viele Überstundenjobs sind im Projektgeschäft, welches ebenso starken Schwankungen unterworfen ist und wo man nicht einfach einen Mitarbeiter dazustellen kann. Einige Jobs sind stark spezialisiert. Da kann man nicht teilweise halbtags jemanden dazunehmen, weil man diesen Mann gar nicht bekommt.

hcl3
04
10.10.2011, 11:05
vorschlag

alle pensionen über asvg-höchstsatz gar nicht anpassen-
und mit dem "gesparten" geld die untersten pensionen stützen
mit dieses massnahme hätten wir dann einige prozent rentnerInnen auch aus der mindestsicherung raus
was wiederum die staatskassa entlastet

ich halte es für zumutbar menschen ab 2887,14 € 14mal im jahr die inflationsrate nicht auszugleichen.

curieux
01
10.10.2011, 18:36
35 Jahre haben Sie die Höchstbeitragsgrundlage von mir kassiert.

Und jetzt soll ich keine Pensionsanpassung bekommen, bis ich theoretisch an der Mindestsicherung lande?

Kommunist oder blöd?

hcl3
01
10.10.2011, 20:31
nix von beiden

berechnen sie ihre beiträge, dann ihre pension auf ihre zu erwartende lebenserwartung
wer immer vor 35 jahren die grundlage für dieses berechnungsmodell schuf , hat wesentliche parameter nicht beachtet. man darf annehmen, dass sie mit so hohem einkommen ihren ertrag nicht ausschließlich in konsum umgelegt haben, also floß ihr entgelt nur teilweise zurück in den wirtschaftskreislauf-
und hier liegt der systemimmanete "haken" wirtschaftswachstum und damit auch ausreichend mehrertrag in form von umsatzsteuer,lohn- und einkommenssteuer funktioniert nur dann wenn keine güter,geld "gebunkert" werden.
wenn sie wesentlich mehr einkommen haben als sie ausgeben ist das schlecht für die wirtschaft-

curieux
01
10.10.2011, 23:46
Als das System geschaffen wurde,

ging man von einem Staatsbeitrag von einem Drittel aus.
Heute bringen etwa 13 % (für ASVG - Pensionisten) das System ins Wanken. *lol*
(Allerdings über 80 % für Beamtenpensionen).

Das ist das Problem!

hcl3
01
11.10.2011, 10:08
gedankengang

wenn wir dem totkranken patienten die falsche therapie anhängen und das während der behandlung merken- stellen wir die therapie um- bestenfalls- oder lassen wir die falsche laufen in der hoffnung es wird eh niemand merken was den patienten letztlich umgebracht hat- um unser gesicht zu wahren.

wir als bürger-sie,ich können nicht erfahren weshalb unsere kommunen,unsere versicherungen ect.so hoch verschuldet sind, erfahren nicht wo wir in welcher höhe verschuldet sind,erfahren noch weniger über "gehebelte spekulationen"- die allesamt milliarden an gemeingeld-ihre -meine steuerleistung verbrannt haben. familienclans,netzwerke haben alles in einer hand vom bürgermeistersessel über lokale wertschöpfung und gute jobs unabhängig von qualifikation

YuandI
02
10.10.2011, 10:54

Natürlich bringen die mehr zusammen als die Regierungen ... erstens brauchen sie nicht so populistisch agieren, als die Parteien; zweitens: geht es da auch um viel Geld, und wenn die Partner sich nicht streiten, dann können sie sich ein schönes Leben machen.

Nur weil die SPÖ immer sagt, dass sie so schwach ist: Sie ist in den Ländern vertreten, der ÖGB und die AK ist im wesentlichen in ihrer Hand und hat mächtige Sozialvereine. Was brauchen sie noch?!?

"Klassenkampf" - ach wo: wir betreuen das Humankapital und verkaufen es an die Wirtschaft.

Stadtmann
00
10.10.2011, 10:25

Sowas nennt man auch Saunatreffen

Waldorf
 
00
10.10.2011, 10:18

Man fragt sich halt schon, wieso man die Gespräche in Ischl anhalten muss. Gibt es bei uns keine ansprechenden Besprechungszimmer?

Dormouse
00
10.10.2011, 10:14

und - haben kaffee und kuchen gemundet?! viel mehr als sich den ranzen vollzuschlagen könnens ja nicht...

Londo Mollari
 
27
10.10.2011, 10:00
weg mit diesen lemuren!

undemokratisch, zwangsmitgliedschaft, präpotent und weltfremd, und genau dieser mafia die seit mindestens 40 jahren das land hinunter reitet, wollen wir unsere zukunft anvertrauen? gehts noch? ab in die wüste, rufer!

Gobi Todic
01
10.10.2011, 11:17

die wirtschaftskammer?

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