Bürgerinnen und Bürger werden der Politik überdrüssig, sie hören höchstens noch einigen Polit-Pensionisten zu
Seit geraumer Zeit wächst das Interesse für Veranstaltungen über das
Glück, über die Sinnfrage, über die Bedeutung und Konsequenzen von
Krisen. Philosophen und Psychologen sind stärker gefragt. Sie lösen an
manchen Orten die Politologen, die Ökonomen und die Meinungsforscher bei
der Analyse von Politik und Wirtschaft ab. Auch Theologen sind als
Denkinstanzen immer seltener auf Podien zu finden.
Eine der Ursachen ist die Selbstabschaffung der katholischen Bischöfe
(und Prediger) als Interpreten und Verkünder prinzipieller Werte.
Forciert wurde der massive Vertrauensverlust nicht nur durch die über
Jahrzehnte betriebene Vertuschung der Missbrauchsfälle in Pfarren,
Schulen und Klöstern. Die Kirche hat sich - bei aller Anerkennung ihrer
Opposition gegen Konsumismus und Libertinismus - den Zeitentwicklungen
verweigert. Sie hat nicht mehr die Kraft, als warnende Stimme ernst
genommen zu werden. Der Kardinal von Wien, Christoph Schönborn, predigt
als Krone-Kolumnist.
Dass die Politik mittlerweile die letzten Reste eines
Bürgervertrauens
verspielt hat, ist der zweite Skandal. In den 1960er- und 1970er-Jahren
haben in Österreich junge Spitzenjuristen und ambitionierte Ökonomen die
Büros der Politiker besiedelt, bevor sie (als Kenner der praktischen
Politik) in die Wissenschaft gingen oder als aktive Politiker im
Parlament oder in der Regierung den Sinn für Grundsätze schärften.
Heute sind die Zuarbeiter der Politik vornehmlich Anzeigenverwalter
für
Massenmedien, Umfrageninterpreten und Ratgeber dafür, was Politiker
nicht sagen sollten, damit sie bei Wahlen überleben.
Die wichtigste Folge: Bürgerinnen und Bürger werden der Politik
überdrüssig, sie hören höchstens noch einigen Polit-Pensionisten zu,
weil die noch reden können und wollen, weil deren Deutsch über das
Deutsch von Sprachkursen für Ausländer hinausreicht.
Dazu kommt der moralische Niedergang. Von zu vielen Politikern wurde
die
Privatisierung der Staatswirtschaft zur persönlichen Bereicherung
benützt, die politische Arbeit selbst für Bespitzelung und Weitergabe
geheimer Infos missbraucht.
Die Politik wurde ihres Sinns beraubt - der Arbeit an der Mehrung des
Gemeinwohls. An dessen Stelle traten die Arbeit am eigenen Profit und
der Betrug am Volk.
Die Menschen wenden sich ab und nehmen in immer größerer Zahl
überhaupt
nicht mehr an Wahlen teil. Außer sie haben das Gefühl, sie könnten
tatsächlich etwas verändern. Schlagendes Beispiel: die Landtagswahlen in
Baden-Württemberg, wo der Konflikt um den Bahnhof Stuttgart die Bürger
mobilisierte und zu einem Machtwechsel führte.
Die zentrale Ursache für diesen vielfältigen Vertrauens- und
Werteverlust ist etwas anderes: der Versuch, das ökonomische Denken in
die Mitte des Lebens zu rücken. Was sich nicht rechnet, ist nichts wert,
wurde zur allgemeinen Devise erklärt. Bis in die Bildung und in die
Lebensführung hinein.
Aber Glück, Lebenssinn, Nächstenliebe, Gefühl für Gerechtigkeit
lassen
sich nicht rechnen. (Gerfried Sperl, DER STANDARD, Printausgabe, 10.10.2011)