Kirche und Politik haben (fast) nichts mehr zu sagen

Kolumne | 9. Oktober 2011, 17:19

Bürgerinnen und Bürger werden der Politik überdrüssig, sie hören höchstens noch einigen Polit-Pensionisten zu

Seit geraumer Zeit wächst das Interesse für Veranstaltungen über das Glück, über die Sinnfrage, über die Bedeutung und Konsequenzen von Krisen. Philosophen und Psychologen sind stärker gefragt. Sie lösen an manchen Orten die Politologen, die Ökonomen und die Meinungsforscher bei der Analyse von Politik und Wirtschaft ab. Auch Theologen sind als Denkinstanzen immer seltener auf Podien zu finden.

Eine der Ursachen ist die Selbstabschaffung der katholischen Bischöfe (und Prediger) als Interpreten und Verkünder prinzipieller Werte. Forciert wurde der massive Vertrauensverlust nicht nur durch die über Jahrzehnte betriebene Vertuschung der Missbrauchsfälle in Pfarren, Schulen und Klöstern. Die Kirche hat sich - bei aller Anerkennung ihrer Opposition gegen Konsumismus und Libertinismus - den Zeitentwicklungen verweigert. Sie hat nicht mehr die Kraft, als warnende Stimme ernst genommen zu werden. Der Kardinal von Wien, Christoph Schönborn, predigt als Krone-Kolumnist.

Dass die Politik mittlerweile die letzten Reste eines Bürgervertrauens verspielt hat, ist der zweite Skandal. In den 1960er- und 1970er-Jahren haben in Österreich junge Spitzenjuristen und ambitionierte Ökonomen die Büros der Politiker besiedelt, bevor sie (als Kenner der praktischen Politik) in die Wissenschaft gingen oder als aktive Politiker im Parlament oder in der Regierung den Sinn für Grundsätze schärften.

Heute sind die Zuarbeiter der Politik vornehmlich Anzeigenverwalter für Massenmedien, Umfrageninterpreten und Ratgeber dafür, was Politiker nicht sagen sollten, damit sie bei Wahlen überleben.

Die wichtigste Folge: Bürgerinnen und Bürger werden der Politik überdrüssig, sie hören höchstens noch einigen Polit-Pensionisten zu, weil die noch reden können und wollen, weil deren Deutsch über das Deutsch von Sprachkursen für Ausländer hinausreicht.

Dazu kommt der moralische Niedergang. Von zu vielen Politikern wurde die Privatisierung der Staatswirtschaft zur persönlichen Bereicherung benützt, die politische Arbeit selbst für Bespitzelung und Weitergabe geheimer Infos missbraucht.

Die Politik wurde ihres Sinns beraubt - der Arbeit an der Mehrung des Gemeinwohls. An dessen Stelle traten die Arbeit am eigenen Profit und der Betrug am Volk.

Die Menschen wenden sich ab und nehmen in immer größerer Zahl überhaupt nicht mehr an Wahlen teil. Außer sie haben das Gefühl, sie könnten tatsächlich etwas verändern. Schlagendes Beispiel: die Landtagswahlen in Baden-Württemberg, wo der Konflikt um den Bahnhof Stuttgart die Bürger mobilisierte und zu einem Machtwechsel führte.

Die zentrale Ursache für diesen vielfältigen Vertrauens- und Werteverlust ist etwas anderes: der Versuch, das ökonomische Denken in die Mitte des Lebens zu rücken. Was sich nicht rechnet, ist nichts wert, wurde zur allgemeinen Devise erklärt. Bis in die Bildung und in die Lebensführung hinein.

Aber Glück, Lebenssinn, Nächstenliebe, Gefühl für Gerechtigkeit lassen sich nicht rechnen. (Gerfried Sperl, DER STANDARD, Printausgabe, 10.10.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 71
1 2
Vayav indrasca
00
10.10.2011, 19:15

es gibt nicht "d i e Kirche", es gibt über hundert christliche Kirchen (und die Katholiken sind in der Minderheit)

No banker left behind
03
10.10.2011, 17:27

Ich habe mir immer gewünscht, noch zu meinen Lebzeiten den Niedergang von Kirche und Staat mitzuerleben. Ich denke, so schlecht werde ich nicht bedient...

Nachleser
00
10.10.2011, 16:03
Ausgetauscht

Die Protagonisten könnten auch getauscht werden: Anstatt "Die Politik hat sich ihres Sinnes beraubt.." - "Die Kirche hat sich ihres Sinnes beraubt..". Trotz aller Wirrnisse kann die Politk aufgrund öffentlichen Drucks (siehe richtig Stuttgart) für lern- und bildungsfähig gehalten werden. Bei der Kirche ist diese Hoffnung längst vergebens (siehe ihr trostloser Auftritt bei Armin Wolf).

Grantscherben
04
10.10.2011, 15:34
"Gott" sei Dank! *g*

Das die Kirche nichts mehr zu sagen hat, ist eine der größten Errungenschaften der Menschheit in den letzten 100 Jahre.

stop-making-sense
07
10.10.2011, 12:11
Der Kommentar trifft ins Schwarze!

Rene Meisel
09
10.10.2011, 11:48
Welche Werte?

Die Kirche als "Interpret und Verkünder prinzipieller Werte" sei ausgefallen...
Welche Werte meinen Sie,Hr.Sperl?Antisozialismus,Gegen-Aufklärung etc.?

Hist. betrachtet war die(kath.)Kirche doch realiter immer auf Seiten der Besitzenden,Reichen(und hat christliche Werte damit schamlos verraten..)...an ihren polit. Bundesgenossen konnte/kann man sie erkennen..(Feudalismus,Adelsherrschaft,Ständestaat,CSU,ÖVP etc.)...
Der heute dominante totale Materialismus ist nicht zuletzt auch ein Erbe der katholischen Bigotterie und Heuchelei und ihrer Mithilfe an der brutalen Unterdrückung sozialreformerischer Bewegungen aller Art über Jahrhunderte hinweg...

Zinsenfeger
12
10.10.2011, 11:36
Mir fehlen schon lange echte Persönlichkeiten in der Politik

Leute von denen man sagen kann: man muss nicht immer einer Meinung mit ihnen sein, man muss sie nicht mögen und auch nicht wählen - aber man weiß, wofür sie stehen und wofür nicht!

Stattdessen ein ewiges Winden und Lavieren: wie kann ich es da recht machen, dort recht machen, die nicht verschrecken, usw...

Am Ende ist alles nur mehr ein Gelaber, ohne Ecken und Kanten.

Feuergeist
 
10
10.10.2011, 15:51
Dann sollten wir schleunigst damit anfangen

solche Leute zu suchen!

zhang sanfeng
00
10.10.2011, 16:30
ich fürchte, auch die besten wären zum scheitern verurteilt.

der vertrauensverlust ist inzwischen zu groß.
es ist bezeichnend, dass der einzige berufsstand, dessen mitglieder man durch vertrauensvotum wählen kann, die miserabelsten vertrauenswerte hat.

demokratie funktioniert nicht mehr - nicht einmal der banalste grund zu ihrer einführung (diebisch gewordene regenten unblutig wieder loswerden zu können, statt die tyrannen regelmässig ermorden zu müssen) ist noch gegeben.
zb ist eine partei, die bereits mehrfach abgewählt wurde ("platz drei = opposition") seit jahrzehnten durchgehend an der macht.

@Kleanthes hat es auf den punkt gebracht: wer hat die devise ausgegeben, dass nur wert ist, was sich rechnet?
dort sitzt die macht, religion und politik haben abgedankt.

Erstversuch
00
10.10.2011, 11:36
"Glück, Lebenssinn, Nächstenliebe, Gefühl für Gerechtigkeit lassen sich nicht rechnen"

Aber sicher doch.

Salz Burger
11
10.10.2011, 11:02

Eine recht positive Entwicklung. Besonders das Fernbleiben von Theologen. Jetzt sind die meisten endlich draufgekommen, welche merkwürdigen Gestalten und Einstellungen da sind.

Harald Schoenknecht
01
10.10.2011, 13:09

.. und rennen statt dessen zum Geistheiler, zum Wahrsager oder zur Reiki-Behandlung... besser?

PeAcE

Salz Burger
11
10.10.2011, 14:38

Wer blöd genug ist, den Theologen die Geschichten vom erfundenen Gott als die Wahrheit abzunehmen, der glaubt meistens auch allerlei andere Dinge.

Nicht umsonst gibt es bei den Gaunerzinken ein Zeichen das darauf hinweist, dass es sich hier auszahlt, von Gott zu reden. Die wussten schon, wem man Unsinn andrehen kann.

Aber wenigstens haben die Geistheiler und Wahrsager keinen Allmachtsanspruch und haben auch bisher noch nicht angefangen, Kreuzzüge zu organisieren und Nichtgläubige zu verbrennen. Aber wir sollten wachsam sein.

MASCH49
 
01
10.10.2011, 10:49
Dem gibt es Nichts hinzuzufügen.

Gerhard Gilnreiner
 
06
10.10.2011, 10:18
Er hat das Wesentlichste in wenigen Worten....

....augeschrieben..........

Harald Schoenknecht
02
10.10.2011, 13:10

"augeschrieben" ist ein netter Freud'scher, nicht? 8-)

PeAcE

wurm83
 
02
10.10.2011, 10:06
...

genauso ferngesteuert wie die leute früher in die kirche gelaufen sind, sind sie auch zur wahl gelaufen, ich halte es für nciht richtig eine höhere wahlbeteiligung mit einer besseren demokratie gleichzusetzen....

fast alle menschen dieser generation die ich kenne, wählten, wählen und werden immer das gleiche wählen, haben aber nicht den hauch einer ahnung für was so im wahlprogram steht...das empfinden sie dann als gelebte demokratie?

Aung San Suu Tschi
 
018
9.10.2011, 22:04
Kirche und Politik SAGEN fast nichts mehr

Sagen im Sinne von etwas wirklich meinen.

Wie begegnen wir der philosophischen Aushöhlung der Gesellschaft, demokratisch, im Sinne der Menschenrechte, jetzt, wo die größte Wirtschaftskrise seit 1929 zu überwinden ist?

Welche Rolle können die Medien bei der Bewältigung dieser großen Verwerfung spielen?

Ein 1. Schritt wäre, die wirklichen Besitzverhältnisse der Medien viel klarer als bisher offenzulegen & so die LeserInnen darüber zu informieren, in wessen Interesse wirklich geschrieben wird.

Denn das Vortäuschen von objektiver Berichterstattung der letzten 20 Jahre hat mit zur jetzigen Wertekrise geführt.

Und: Wenn aufrechte Demokraten einen wirklich öffentlichen Diskurs wollen, müssen sie die Internet-Foren einbinden.

Frodo Der Hobbit
00
17.10.2011, 14:05
fortschritt fordert heraus

einer der gründe ist doch, dass die menschen sich nun selbst aktiver informieren können.

das "predigen" ist zu einer mind-technologie geworden, einerseits widert das an wenn man sie erwischt, andererseits wirds ungern zugegeben aber werbung ist auch nichts anderes als technologie.

man siehts am US talk radio. wer würde sich diesen geistigen niedergang für europa wünschen, bei klarem verstand und intakter persönlicher ethik?

der markt der inhalte stellt die kirche klar in konkurrenz, und sie hat diesen zustand gefördert, indem sie apologetin der globalisierenden cliquen war.

der vatikan pflegt doch eine ökonomie der anhängerzahl. das erklärt mehr als man zu denken wagt...

Salz Burger
01
10.10.2011, 11:03

In unserer Zeit der schnellen Internet-Medien wie twitter und facebook ist es immer unwichtiger, wem die klassischen Medien gehören. Sie haben immer weniger Bedeutung.

Aung San Suu Tschi
 
01
12.10.2011, 11:47
Vielleicht besuchen Sie bei Ihrem nächsten Wien-Besuch das Parlament

& zwar an einem Tag, an dem Sitzung ist (Karten kann man glaub ich schon vorbestellen. Das Parlament hat einen wunderschönen Besuchereingang bekommen.)

Da werden Sie sehen, wieviele Abgeordnete ZEITUNGEN lesen. Die gesetzlich zur Entscheidung bestimmten und demokratisch gewählten Volksvertreter orientieren sich also sehr wohl an den Printmedien.

Es ist zu hoffen, dass sie auch Twitter et.al. nützen.

Und es ist natürlich völlig richtig, dass diese neuen Medien ständig an Bedeutung gewinnen.

Dass dadurch aber die "alten" Medien und die gute alte Zeitung, die man zusammenfalten und vielleicht sogar weiterverwenden kann, an Bedeutung verlieren, wird auch von Medienwissenschaftlern verneint.

Salz Burger
00
12.10.2011, 13:34

Danke für den Tipp mit dem Parlamentsbesuch. Werde ich machen.

Glücklicherweise kann ich mich etwas in die Abgeordneten hineinfühlen: Bis etwas in einem Plenum diskutiert wird (kann auch die Sitzung des Gemeinderates in einer Gemeinde sein) wurde das Thema schon mehrfach von den Leuten behandelt. In Ausschüssen und Fraktionssitzungen. Wieso sollte jetzt ein Abgeordneter nicht nebenbei Zeitung lesen, wenn er eh schon mehrfach den Redner zu diesem Thema gehört hat und weiß, was er sagen wird?

Da ist Zeitunglesen oder Twittern auf jeden Fall besser, als zum x-ten mal die selben Sätze anzuhören, die man schon kennt. Auch wenn es blöd aussieht. Aber immer noch besser, als wenn nur einer redet und 182 hören zu ohne was zu tun.

Harald Schoenknecht
03
10.10.2011, 13:13

... nur hat man in den "schnellen Medien" das Problem der Vertrauensfrage... also: Kann ich dem geschriebenen vertrauen? Wenn Sie mal sehen was alles fuer Verschwoerungstheorie propagiert wird, dann wissen Sie vielleicht, was ich meine..?

Oder anders: Bei einem Medium wie dem Standard vertraue ich darauf, dass es interne Mechanismen gibt, um die Qualitaet (der Information) sicherzustellen. Wenn mir ein Bekannter was weiterleitet, dann *weiss* ich, dass die Informationen nicht vertrauenswuerdig sind. (Ein Freund meines Freundes hat gesagt...)

PeAcE

KL
00
10.10.2011, 16:16

Aber genau das funktioniert doch nicht mehr ("Bei einem Medium wie dem Standard vertraue ich darauf..."). Dieses Vertrauen wurde auf Jahrzehnte hin uebelst missbraucht, sie werden sich also etwas neues ueberlegen muessen. derstandard ohne kommentare (ie. printausgabe) ist doch ein Systemmedium wies im Buche steht.
(zb. Wikileaks,Libyen,...)

"Wenn mir ein Bekannter was weiterleitet, dann *weiss* ich, dass die Informationen nicht vertrauenswuerdig sind."
Wissen? Wohl kaum, das einzige das sie *wissen* ist das sie es mit Information zu tun haben die sie ueber ihren Bekannten erreicht hat.
Die Qualitaet von Information allein vom Author/Medium abhaengig zu machen laedt doch gerade erst zum methodischen Missbrauch von Massenmedien ein.

Harald Schoenknecht
00
10.10.2011, 16:47

Ich schrieb: "... weiterleitet, dann *weiss* ich...". Damit meine ich: Wenn er *selbst* etwas an mich schreibt, dann kann ich annehmen, dass er sich damit auseinandergesetzt hat. Eventuell selbst recherchiert... ueber das Thema nachgedacht.

Wenn er hingegen einfach nur weiterleitet, dann ist mein Vertrauen in die Qualitaet der Quelle automatisch gering. Meist schickt man Dinge weiter, die einen emotional bewegen, aber nicht auf eine rationale Weise... ich meine hier nicht Verweise auf externe Quellen, sondern das kommentarlose oder mit "so schaut's aus" gekennzeichnete Weiterleiten, wenn Sie das vielleicht auch kennen..?

Und die ganze Facebook, Google+, etc. Kultur sieht -fuer mich- genau danach aus... incl. Daumen hoch oder runter

PeAcE

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 71
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.