Gehörlose

Studieren in der fremdartigen Welt der Hörenden

10. Oktober 2011, 11:07
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    foto: standard/newald

    Günter Roiss war 2011 einer von etwa 15 gehörlosen Studierenden österreichweit. Seine gebärdensprachkundige Studienkollegin Tuulia Ortner war ihm auf dem Weg zum Mastertitel eine große Stütze.

Für einen Gehörlosen ist die Uni mit vielen Herausforderungen verbunden - Günter Roiss konnte nach 20 Semestern sein Psychologiestudium abschließen

Wien - Günter Roiss ist Psychologie-Absolvent und seit einigen Monaten selbstständig. Er lernt gern mit Studienkollegen und kann nichts mit lauten Studentenpartys anfangen. Der 38-Jährige ist mütterlicherseits der Einzige in der Verwandtschaft, der studiert hat, und der Einzige, der gehörlos ist. Der extrovertierte Mann mit den schwarzen Locken ist infolge einer falschen Medikation seit seinem dritten Lebensjahr taub. Dennoch entschied er sich nach der Matura für ein Studium.

Er fängt für ein Semester Kunstgeschichte an, dann wechselt er zu Psychologie, neben Jus das zweitbeliebteste Studium von Studierenden mit Beeinträchtigung an der Uni Wien. An seinem ersten Tag auf der Uni wurde er von einem Dolmetscher begleitet, und dennoch war es ein "völlig neues System". Lippenlesen, wie es teilweise in der Schule geklappt hat, war im großen Hörsaal ohne Blickkontakt zum Professor nicht möglich. Angewiesen auf Skripten und Mitschriften, konnte er aus der gleichen Vorlesung nicht den gleichen Informationsgewinn ziehen wie nicht beeinträchtigte Studierende.

Vom Fond Soziales Wien bekam er 2300 Euro im Jahr, das reichte für zwei Vorlesungen im Semester. War das Geld verbraucht, hatte er eben keinen Dolmetscher mehr. Als das einmal der Fall war, versuchte seine Mitstudentin Tuulia Ortner ihm zu erklären, worum es gerade geht: "Der Professor hat mich plötzlich angesehen und gesagt, wir sollen endlich aufhören, da herumzuhampeln und Faxen zu machen. Das muss ganz schrecklich für Günter gewesen sein, denn ich war wie erstarrt, und alle im Hörsaal sahen uns an." Später habe sich der Professor entschuldigt.

Insgesamt ist er selten bewusst schlechter behandelt worden, meint Roiss, das Problem war eher die Verunsicherung der im Massenstudium ohnehin schon überbelasteten Professoren. Besonders Prüfungsmodalitäten waren schwierig zu regeln, denn Deutsch ist die erste Fremdsprache für Gehörlose. Mehr Aufklärungsarbeit und geregelte Lösungsansätze wären nötig.

An Hürden nicht verzweifeln

Für Roiss waren seine Studienkollegen die wichtigste Stütze. Nachdem er seine Sitznachbarn mithilfe eines Zettels "angesprochen" hat, sind oft Freundschaften entstanden. Einige besuchten in Folge Gebärdensprachkurse, und sobald das Interesse geweckt war, profitierten sie gegenseitig voneinander.

Trotz der zahlreichen Hürden wirkt Roiss jedoch nicht verzweifelt, sondern gewinnt seiner Beeinträchtigung sogar positive Seiten ab. "Ich gehe gemütlich durchs Leben", bekundet Roiss grinsend. "Zum Beispiel werden Hörende abgelenkt durch Lärm beim Arbeiten, für mich gibt es da gar keine Belastung."

Insgesamt hat Roiss inklusive dreijähriger Pause 13 Jahre gebraucht, bis er seinen Master in der Tasche hatte, das ist doppelt so lang, als es die Mindeststudienzeit vorsieht. "Ich glaube, dein Studienerfolg ist größer als meiner", versichert ihm Ortner dennoch. Heute ist Roiss selbstständiger Psychologe, macht Übersetzungen und ist Lehrbeauftragter für Gebärdensprache und Gehörlosenkultur im Institut für Bildungswissenschaften.

"Alles in allem ist es ein Wunder, dass es doch geklappt hat, und das sollte es eigentlich nicht sein", ziehen die beiden ihr Resümee. (Ina Ho Yee Bauer, UniStandard, Oktober 2011)

WISSEN: Unterstützung für Gehörlose

  • Das Referat für Barrierefreiheit der ÖH und die Behindertenbeauftragten der Universitäten bieten kostenlose Beratung für Betroffene.
  • Die österreichweite Arbeitsgemeinschaft Uniability setzt sich für Studierende mit Beeinträchtigungen ein.
  • Betroffene können sich im Beirat Barrierefrei Studierenden für bessere Bedingungen an der Uni Wien einsetzen.
  • Beim Projekt "Study Now" vom Verein österreichischer gehörloser Studierender (VÖGS) kann man etwa mit Lernunterlagen Gehörlose unterstützen.
  • Zahlreiche Möglichkeiten für finanzielle Unterstützung sind auf www.stipendium.at aufgelistet. Außerdem vergeben die Universität Wien und das Wissenschaftsministerium Fördergelder. (inab)

www.voegs.at
www.gestu.at

Diskussion
00
10.10.2011, 07:45
Skripten und Mitschriften

Die Leistungen von Herrn Roiss - und anderen Studierenden mit Beeinträchtigungen - sind sicher beachtlich.
Das Lernen mit Hilfe von Skripten udn Mitschriften ist alelrdings allgemein üblich- auch bei hörenden Studenten. Es gibt oft Überschneidungen von Lehrveranstaltungen oder berufsbedingte Zeitprobleme, die einen Vorlesungsbesuch verhindern. Trotzdem werden Prüfungen absolviert. Zunehmend werden auch Vorlesungen aufgezeichnet und ins Internet gestellt- und da ist die Mimik des Vortragenden meist erkennbar.

eze eze
 
00
15.10.2011, 10:52

Wobei du allerdings nicht dazusagst, dass es für hörende StudentInnen an der Uni auch allgemein üblich ist, dass Deutsch ihre Muttersprache ist - das trifft auf gehörlose StudentInnen nicht zu, deren Gebärdensprachen sind keine 1:1-Übersetzung der deutschen Wörter in Gesten, sondern eigenständige Sprachen mit eigenständiger Grammatik. Während es sich, wenn wir zum Beispiel Englisch als Fremdsprache lernen, um eine Sprache handelt, die sich strukturell nur sehr unwesentlich vom Deutschen unterscheidet, also die Ähnlichkeiten bei weitem überwiegen, trifft dies auf die Gebärdensprachen nicht zu. Die Transfer-Leistung, die Gehörlose beim Lesen solcher Skripten erbringen, übersteigt daher bei weitem die von Hörenden mit deutscher Muttersprache.

Clemens Schwarz
00
4.12.2011, 12:42

hin oder her: als coda und fachlich involvierter kann man zwischen zwei Sprachsystemen unterscheiden:
muttersprachlich versus nicht muttersprachlich.

Daraus abgeleitet in der Kombination mit persönlichen Fähigkeiten und Bildungssystemen ergeben sich verschiedene grade der Erschwernisse beim Wissenserwerb. Die Gebardenschrift ist leider nur in Ansätzen vorhanden. Aus diesen Grundvoraussetzung hier in Österreich ist leider ein Anpassungsprozess zu leisten. Trotzdem schaffen es manche.

Meine Bewunderung gebührt jedem, der trotz widriger Umstände sich von seinem Weg nicht abbringen lässt. Ich spreche diesem Pionier meine tiefe Anerkennung aus.

Elisabeth Schmidhuber
01
10.10.2011, 12:31
Lippenlesen max. 10-20%

Zur Aufklärung: von der Mimik des Vortragenden kann man unmöglich auf den Inhalt einer Vorlesung schließen. Auch über das Lippenlesen lassen sich max. 10-20% des Inhalts erschließen. Es ist wirklich beachtlich, was Herr Roiss´ in Anbetracht der widrigen Umstände geschafft hat.

Protonenzerquetscher
02
10.10.2011, 12:55

Und wenn einer einen Vollbart, Kaugummi im Mund hat oder nuschelt, dann konvergiert sich diese Quote gegen Null.

Fortiter In Re
02
10.10.2011, 00:36
Wien - Klagenfurt

Herr Roiss hat seinen Abschluss letztlich an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt gemacht, weil es an der Universität Wien doch nicht so unkompliziert und problemlos lief. (Könnte man im Artikel durchaus auch erwähnen, statt nur ein Uni-Wien-Foto für sich sprechen zu lassen.) Dort ist der Master bereits implementiert. Die Leistung in der kommissionellen Abschlussprüfung, mit Dolmetscherin aus der Gebärdensprache, war dem Vernehmen nach ganz ausgezeichnet.

dieFrauHolle
00
9.10.2011, 23:04

er wird eher magister geworden sein, der master ist auf der psychologie noch nicht eingeführt.

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