Muammar: "Keine wirtschaftlichen Interessen" - Saudi-Arabien "offen für andere Religionen"
Rhodos - Saudi-Arabien wehrt sich gegen Kritik am geplanten
interreligiösen Dialogzentrum in Wien. "Das Zentrum ist kein
saudisches Zentrum, es ist nicht von Saudi-Arabien", sagte der
saudi-arabische Vize-Bildungsminister und interimistische Leiter des
Zentrums, Faisal bin Abdulrahman bin Muammar, auf
Rhodos. Das Forum "ist von Österreich, Spanien, Saudi-Arabien, einem
internationalen Komitee mit Unterstützung des Vatikan" initiiert,
erklärt Muammar am Rande des "Rhodes Forum 2011".
"Der Fokus des Zentrums liegt auf dem Gespräch über Glauben",
sagt
der bereits feststehende Generalsekretär des Dialogzentrums. "Wir
werden über Ko-Existenz, über Gemeinsamkeiten, über die Prävention
von Extremismus reden. Oder darüber, wie wir unserer jungen
Generation durch Gebetsräume, Schulen und die Medien helfen können,
einander zu verstehen." Es stehe außer Frage, über den Glauben der
jeweils anderen im Forum zu diskutieren, da dieser jeweils "sehr
respektiert" werde.
Zur Frage der Vereinbarkeit von nicht vorhandener
Religionsfreiheit in Saudi-Arabien und einer saudi-arabischen
Beteiligung an einem interreligiösen Zentrum, sagt Muammar: "Die
Position von Saudi-Arabien wird missverstanden." Das Königreich sei
zu 100 Prozent muslimisch, denn alle Bürger seien Muslime.
Saudi-Arabien sei zwar "offen für andere Religionen", aber aufgrund
der geltenden Scharia gebe es eine "Grenze". "Saudi-Arabien
unterstützt alle Minderheiten und andere Religionen."
Frieden, Gerechtigkeit, Respekt, Toleranz und
Liebe
"Wir wollen über Frieden, Gerechtigkeit, Respekt, Toleranz und
Liebe reden und darüber, wie man das alles am Besten erreichen kann."
Laut Muammar seien wirtschaftliche Interessen zur Vertiefung der
österreichisch-saudischen Wirtschaftsbeziehungen, wie die Grünen
vermuten, bei dem Aufbau des Zentrums von keinerlei Belang. Als die
Initiative zur Gründung ergriffen wurde, "haben uns viele
verschiedene Länder Europas eingeladen, das Zentrum aufzubauen", hält
Muammar dem Vorwurf entgegen.
Auf die Frage, ob das Forum auf lange Sicht den saudischen
König
bei der Umsetzung von Reformen in Saudi-Arabien unterstützen soll,
meint Muammar: "Wenn der König Saudi-Arabien reformieren will, dann
tut er das im Land selbst. Warum sollten wir das im Ausland machen?"
Er verweist darauf, dass "die meisten Reformen in Saudi-Arabien von
der Regierung initiiert werden".
Allerdings hinterfrage die saudi-arabische Gesellschaft
Reformen
immer wieder, um sicherzustellen, dass diese nicht vom Ausland
"importiert" wurden. Muammar verweist darauf, dass über 54 Prozent
der Maturanten weiblich seien und dass Frauen mittlerweile "in allen
Segmenten von Institutionen" arbeiten würden. "Wir haben in dieser
Hinsicht viel gemacht. Allerdings muss es mit unseren Traditionen
übereinstimmen." Hinzufügend sagt der Vize-Bildungsminister: "Wir
hoffen, dass die Menschen in Europa eines Tages die Situation in den
verschiedenen Kulturen verstehen - das möchten wir erreichen."
Gründungsvertrag soll unterzeichnet werden
Der Gründungsvertrag für das "King Abdullah Bin Abdulaziz
International Center for Interreligious and Intercultural Dialogue"
soll am 13. Oktober feierlich unterzeichnet
werden. Laut Muammar sei der saudische König Abdallah im Vorfeld als
Namensstifter von den am Aufbau beteiligten Religionsvertretern im
Vorfeld aufgrund seiner Initiative ein derartiges Zentrum aufzubauen
auserkoren worden. Das neun-köpfige Direktorium des Forums besteht
derzeit aus drei Christen, drei Muslimen, einem Juden, einem Hindu
und einem Buddhisten. Muammar zufolge könne die Arbeit des Forums in
etwa drei bis vier Monaten nach der Unterzeichnung des
Gründungsvertrages aufgenommen werden.
Das Rhodes Forum "Dialogue of Civilizations" findet heuer zum
9.
Mal auf Rhodos statt. Diesmal handelt es von "globalen
Herausforderungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft vor dem
Hintergrund der anhaltenden Wirtschaftskrise und den aktuellen
soziopolitischen Veränderungen". Zu Gast sind u.a. der russische
Vize-Außenminister Mikhail Bogdanow und Ex-Bundeskanzler Alfred
Gusenbauer, sowie zahlreiche Vertreter von internationalen
Organisationen und Nicht-Regierungsorganisationen. (APA)