Schwerpunkt Lehre

Mit 70 zur Lehrabschlussprüfung

Guido Gluschitsch, 19. Oktober 2011, 16:52
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    foto: kolmitz

    Gerhard Kolmitz fährt Motorrad, begibt sich gerne in die Lüfte, und ist mit seinen 70 Jahren wohl der älteste Österreicher der soeben seine Lehre abschloss. Den Lehrabschluss braucht der HTL-Absolvent nun nach einer EU-Regelung um seine Unternehmen weiter führen zu können.

Nach einer internationalen Karriere hat Gerhard Kolmitz heuer seine Lehre als Kältetechniker abgeschlossen

Gerhard Kolmitz ist mit 70 Jahren wohl Österreichs ältester Lehrling gewesen. Obwohl, genau so kann man das nicht sagen, denn "eigentlich arbeitete ich schon seit 48 Jahren als Kältetechniker, bevor ich jetzt zur Lehrabschlussprüfung angetreten bin", erzählt der Kärntner Unternehmer. "Als ich die Bundesgewerbeschule für Maschinenbau und Elektrotechnik – das was heute die HTL ist – abgeschlossen habe, war Kältetechniker noch kein eigener Beruf. Jetzt braucht man aber laut EU einen Lehrabschluss, um als Mechatroniker mit Kältemitteln und Gasen arbeiten zu dürfen. Als Selbstständiger in Pension habe ich mir gesagt: Na gut, wenn das notwendig ist, dann mache ich diesen Lehrabschluss."

So kam es auch, dass Gerhard Kolmitz nie in die Berufsschule gegangen ist, sondern gleich zur Prüfung antrat. "Die Theorie wurde mir wegen meines HTL-Abschlusses angerechnet. Was ich brauchte, war die praktische Prüfung vor einer Kommission."

Der Profi bei der Lehrabschlussprüfung

Die Prüfung war für den Kärntner kein Problem. "Natürlich hat mir die langjährige Berufspraxis da geholfen. Wir haben eine Kiste mit Teilen bekommen, aus denen wir innerhalb von drei Stunden eine Kälteanlage mit allen Sicherheitselementen bauen mussten." Mit ihm sind 39 weitere Personen angetreten, 9 davon durchgefallen. ‟Die anderen waren Mitte, Ende 30, einige deutlich jünger", erinnert er sich an die Prüfung.

"Das Durchschnittsalter aller Lehranfänger liegt bei 16,3 Jahren", erklärt dazu Alfred Freundlinger von der Wirtschaftskammer Österreich. ‟Insgesamt waren 2009 knapp 1.000 von 40.000 Lehranfängern 21 Jahre alt oder älter. Viele Erwachsene nutzen die Möglichkeit, zu einer Lehrabschlussprüfung außerordentlich anzutreten. Etwa Lehrlinge im Lehrberuf Brau- und Getränketechnik sind oft schon weit im Erwachsenenalter."

Nach der HTL in die weite Welt

So war es eben auch bei Gerhard Kolmitz. Nachdem er auf der HTL im Schuljahr 1958/59 Maschinenbau abgeschlossen hat, ging er ins Ausland und fuhr zur See. ‟Ich habe als Bordmechaniker angeheuert und bin über diesen Beruf in die Kältetechnik eingestiegen. Ich war dann sechs Jahre in Australien, dann im mittleren Osten." Aber nach fast 25 Jahren im Ausland zog es ihn dann doch wieder nach Hause - in die Heimat.

1991, im Alter von 50 Jahren, machte sich Gerhard Kolmitz mit seiner Firma Criotec in Klagenfurt selbstständig und bildete selbst einen Lehrling aus. "Der Kollege arbeitet nun schon zehn Jahre bei mir." Und es gibt einen Unterschied zwischen dem Jungen und dem Alten. "Früher war alles analog, jetzt ist alles digital. Wir von der alten Garde sind das Bindeglied zwischen beiden Welten. Wir können die analogen Anlagen mit den neuen verbinden, einen Übergang schaffen, oder die alten Maschinen noch reparieren. Die Neuen können das nicht", ist Gerhard Kolmitz stolz auf seine langjährige Erfahrung.

Fünf Jahre bis zum Fischen

Gerhard Kolmitz arbeitet gerne, trotzdem ist sein Wunsch, "dass ich bald einmal die Firma verkaufen könnte. Das würde bedeuten, dass ich noch ein, zwei Jahre dabei bleibe, um auch den Kundenstock weitergeben zu können. Ich rechne damit, noch bis 75 weiterzuarbeiten – aber dann gemma fischen." Ob das mit dem Fischen wirklich stimmt und der umtriebige 70-Jährige dann auch sein Motorrad aufgibt, haben wir nicht mehr gefragt. (Guido Gluschitsch, derStandard.at, 20.10.2011)

Kommentar posten
15 Postings
gas karl
03
20.10.2011, 20:40
Super Leistung

traurig die Abhängigkeit von irgendwelcchen beamten

bittdigorschee
01
20.10.2011, 13:58

kann (nach eigener erfahrung) nur jedem von einer lehre abraten, so verlockend es auch ist, mit 15 geld zu verdienen etc.

es ist nicht richtig, man mit 14-15 über sein leben entscheiden muss und nicht mal alle möglichkeiten aufgezeigt bekommt. wer weiß schon mit 14/15 was er für Möglichkeiten hat geschweige denn was er mal werden will.

das system der lehre sollte überdacht werden, evtl von schulen mit schwerpunkt arbeit (gleichwertig einer matura!) ersetzt werden.
oder zumindest sollte 1/2 jahr für orientierung genutzt werden, wo alle möglichkeiten präsentiert werden.

für handwerklich begabte mag es noch sinn machen, alles kaufmännische aber nicht. da steht man nach 3 jahren erfahrung trotzdem hinter schulabgängern bei der jobsuche!

:-:¦¦¦¦:+_†_+:¦¦¦¦:-:
01
20.10.2011, 16:01
ich hatte mal so einen "geschulten" Gesellen.

Der hatte im 2. Bildungsweg - vom AMS mitfinanziert - alle 3 Klassen Berufschule hintereinander gemacht gehabt und dann ein paar Monate Praktikum. Danach der Lehrabschluß. Leider mußte ich mich wärend der Probezeit von ihm trennen, denn dieser "Geselle" konnte mit keinen Lehrling im ersten Lehrjahr mithalten. Praxis, Praxis, Praxis. Die Theorie ist ganz nett, hat aber zumindest in meiner Branche wenig mit der Wirklichkeit zu tun.

urban-a
02
20.10.2011, 15:20
kann

ich nicht bestätigen.
Die Erfahrung einer Lehre kann niemand aufholen. Man ist mit 18 weiter als alle anderen.
Meinem Studium stand nach der Lehre auch nichts im WEg und heute ist es noch leichter:
Lehre + Matura der ideale Weg.

Kein akademiker kann mit der Berufserfahrung eines Lehrlings, der studiert hat, mithalten.

All die Kleinigkeiten, die einen zu einem professionellem Mitarbeiter machen, müssen Studenten erst erlernen.

Bei Lehre ohne Matura wird es immer eine gläserne Decke geben, das stimmt aber das ist ja nichts schlimmmes. Nicht jeder muss ganz hinauf, nicht jeder muss studieren.

Ruth Schlabbeeritzka-Pangl
130
20.10.2011, 12:17
Tüchtig!

Wenn er ordentlich Gas gibt, dann schafft er zum 80er auch noch den Hauptschulabschluss! ;)

Ment1
01
20.10.2011, 11:17

William Bell!

mieswicht
00
20.10.2011, 10:48
Homepage

braucht er noch. Zumindest ich hab für seine Firma keine gefunden.

alterio
02
20.10.2011, 12:10
Kundenstock...

.. der ja bereits besteht, zu betreuen wie er sagt - das ist gewiss wichtiger als Geld in eine Homepage zu stecken.

Raupe Rosenblatt
03
19.10.2011, 21:20

Dass eine HTL-Matura nicht zählt, muss ich nicht verstehen, oder?

Insgesamt aber schön, sollte öfter gemacht werden. Ist ja sehr unüblich in Österreich, während ich in Deutschland eine von mehreren war, die mit mehrjähriger Berufserfahrung ohne Azubidasein nur eine Abschlussprüfung gemacht haben. Den Beruf gibt's zwar nicht in Österreich, das Berufsbild ist aber genauso gefragt und die dt. Qualifikation öffnet mir die Türen.

Schnurz Homunculus
00
20.10.2011, 13:48
aber Lehrlinge hat er selbst ausbilden dürfen...

collector1
00
19.10.2011, 22:25

Also ich glaubs auch nicht so richtig, was sein kann ist, dass er eine Konzessionsprüfung machen hat müssen. Dies ist durchaus möglich, aber auch sehr eigenartig, da mit der langen Berufspraxis eine Dispens erteilt werden hätte müssen.

aufgeklärtbisheiter
00
20.10.2011, 00:21

Nachsicht wurde abgeschafft.

Es muß jetzt auf jeden Fall eine Prüfung abgelegt werden. Was mich aber wundert ist, daß es einen praktischen Teil gab. In meinem Falle (auch Mechatronik, aber anderer Bereich) beschränkte sich das alles auf eine mündliche kommissionelle Prüfung bei der Innung.

Peter Hammer 06
015
19.10.2011, 18:28
RESPEKT !

Michael Schmied
05
20.10.2011, 09:52

Erinnert mich an einen Maschinenbauer in D. Hatte ein Unternehmen mit ca. 500 Beschäftigten aufgebaut.

Erhielt ein Schreiben vom Regierungspräsidium: er solle den Nachweis führen, dass er einen Betrieb führen könne, d.h. einen Ausbildungsnachweis vorlegen, ansonsten müsse er den Betrieb einstellen.

Er antwortete, dass er seit 40 Jahren einen international bekannten Betrieb erfolgreich führt, und wenn sie wollen, können sie ja den Betrieb schließen und den 500 Beschäftigten und Politikern ihre Begründung vorlegen. Danach dauerte es eine Weile, bis eine Ausnahmegenehmigung eintraf aus Altersgründen den Betrieb führen zu dürfen.

Die Frage ist, mit welcher Berechtigung inkompetente Leute sowas vorschreiben glauben zu können.

Raupe Rosenblatt
00
20.10.2011, 15:27
Vorschriften...

Geh, sind'S nicht so streng. Grundsätzlich ist es ja gut, dass es Mindestqualifikationen für das Führen eines Betriebes gibt. So ist das halt mit Gesetzen, gelten vorerst für alle, bis Sonderfälle auftauchen.
Immerhin hat sich das danach ein kompetenter Mensch angeschaut und für eine Ausnahmegenehmigung gesorgt.

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