Meuterei auf der Wallstreet

Kommentar der anderen7. Oktober 2011, 20:19
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Und die Frage, was die Protestaktionen mit der arabischen Revolution zu tun haben: Ein "N. Y. Times"-Kolumnist erklärt es, ein konservativer Blogger widerspricht

Ich habe schon einmal in einem Internet-Forum festgestellt, dass mich der Protest ein wenig an den Tahir-Platz in Kairo erinnert und damit ziemlich erstaunte Reaktionen ausgelöst. Ja, natürlich: In New York fliegen keine Kugeln durch die Luft und die Protestierer wollen nicht irgendeinen Diktator stürzen. Aber da ist die gleiche Kohorte ausgeschlossener Jugendlicher und die gleiche intelligente Nutzung von Twitter und anderen Social-Media-Instrumenten, um mehr Unterstützer für ihre Anliegen zu rekrutieren. Vor allem aber manifestiert sich hier die gleiche jugendliche Frustration mit dem politischen und ökonomischen System, das die Protestierenden als dekadent, korrupt, abgehoben und verantwortungslos wahrnehmen. "Natürlich sind wir auch vom Arabischen Frühling inspiriert", sagte mir Tyler Combelic, einer der Sprecher der Besetzer, "genug ist genug"...

Und, ja sicher: Manche Losungen der Besetzer sind ziemlich albern - aber das trifft ebenso auf die selbstgerechten öffentlichen Selbstdarstellungen der Wall Street zu. Und wenn ein bunt zusammengewürfelter Haufen junger Protestierer ein wenig mehr Verantwortungsgefühl und Gerechtigkeit in unser Finanzsystem bringen kann, dann kann man ihr nur möglichst viel Unterstützung wünschen. (aus einem Kommentar von Nicholas D. Christof in der "New York Times")

Seit knapp zwei Wochen wird in New York der Aufstand geprobt. Mehrere hundert Leute haben sich in der Nähe der Wall Street niedergelassen und deren Besetzung ausgerufen. Die Wall Street zeigt sich unbekümmert und geht ihren Geschäften nach, linke amerikanische Medien (und natürlich deutsche Meinungsmacher) stürzen sich hingegen auf das Häuflein Demonstranten, um so den Nachweis zu liefern, dass es endlich eine linke Antwort auf die rechte Tea Party und die maßlose Macht von Bankern, Großkonzernen und rechten Politikern gibt. Es wird der ganz große Bogen geschlagen, von Griechenland, Tunesien bis nach New York. Aber nach einem kurzen Besuch im Camp, bin ich beruhigt, New York ist weder Athen noch Tunis, und wird es auch nicht werden.

Doch einige Medien hier in den USA werden nicht müde, eine solche Bewegung herbeischreiben bzw. -reden zu wollen. Das öffentlich-rechtliche Radio NPR bzw. die lokale Station in New York, WNYC, überschlägt sich mit angeblichen Erfolgsmeldungen, ebenso die New York Times, CNN und MSNBC. Nicholas Kristof von der Times verglich die Proteste mit denjenigen in Ägypten auf dem Tahrir-Platz. Dabei muss selbst Kristof zugeben, dass sich inhaltlich überhaupt keine Überschneidungen finden und sein hanebüchener Verweis, dass es sich sowohl in Kairo wie auch in New York um dieselbe "Kohorte ausgeschlossener Jugendlicher" handele, die außerdem in der Verwendung von Twitter und anderer sozialer Medien bewandert seien, zeugt hauptsächlich von Kristofs analytischem Unvermögen als von einem klaren Blick auf die Wirklichkeit. Während es den jungen Menschen in Ägypten vor allem um die Grundbedingung für Selbstständigkeit und Wohlstand, also Freiheit, ging und sie deswegen weniger staatliche Restriktionen forderten, scheinen die Besetzer der Wall Street vor allem daran interessiert, mehr Staat zu fordern und führen das Wort Freiheit überhaupt nicht im Mund.

Einer der größten Unterschiede zwischen Kairo und New York liegt wohl in der Zusammensetzung. Während in Ägypten alle Schichten und Altersgruppen der Gesellschaft an den Protesten beteiligt waren, rekrutiert sich die überwiegende Mehrheit der "Besetzer" in New York aus Hochschulstudenten und -absolventen und verwandten Milieus. Zwar findet man dazwischen immer wieder Menschen, die ganz offensichtlich schon längere Zeit auf der Straße gelebt haben und manche, die weder von Karl Marx noch Howard Zinn jemals etwas gehört haben, aber viele scheinen doch eher von linken Ideen motiviert als von akuten existenziellen Ängsten. Wenn man die Bewegung von knapp 500 jungen Menschen schließlich noch im Kontext der 8,5 Millionen Einwohner New Yorks betrachtet, dann merkt man schnell, welch verschwindende Relevanz die ganze Angelegenheit hat. Auch der Ort der Proteste, so symbolisch er auch sein mag, ist weit ab von den Orten, an denen der durchschnittliche New Yorker viel Zeit verbringt. Hier trifft man eher einen Touristen aus Düsseldorf-Oberkassel als einen Arbeiter aus der South Bronx.

(Kevin Zdiara in seinem New Yorker Blog "genius loci")

  • Die "eigentliche" Besetzung liegt schon einige Jahre zurück: Auftritt 
der Wallstreet-Architekten bei einem Kostümball 1931.
    foto: scott edelman

    Die "eigentliche" Besetzung liegt schon einige Jahre zurück: Auftritt der Wallstreet-Architekten bei einem Kostümball 1931.

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