"Wie ein Chirurg, der gesunde Organe entnimmt"

7. Oktober 2011, 19:09
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Warum er professionelle Schatzsucher für eine Gefahr hält, was für Vorteile sie gegenüber Wissenschaftern haben und warum das Problem größer wird, erklärt Archäologe James Delgado

Standard: Sie haben immer wieder Schatzsucher dafür kritisiert, dass sie historische Stätten aus Profitgier zerstören. Firmen wie Odyssey arbeiten mittlerweile sehr professionell. Sind sie besser als andere?

Delgado: Archäologen sehen Schatzsucher so, wie Chirurgen einen Kollegen sehen würden, der gesunden Patienten Organe entnimmt, nur um sie an reiche Empfänger zu verkaufen. So lange Odyssey nur aus Profitgier sucht und verkauft, was sie finden, sind sie nicht besser als andere Schatzsucher. Nur weil man eine Arbeit sehr professionell erledigt, beschönigt das nicht das Ergebnis,

Standard: Wie viel Schaden richten Schatzsucher wirklich an?

Delgado: Die Unesco ist darüber ernsthaft besorgt, genauso wie Länder, die zusehen müssen, wie ihr kulturelles Erbe an den Bestbietenden verkauft wird. Für die Wissenschaft geht es nicht nur um die Artefakte, wir verlieren durch Schatzsucher auch wichtige Kontextinformationen. Sie wollen oft nur ein schimmerndes, sauberes Artefakt und machen sich nicht die Mühe, alles auszugraben und zu analysieren. So verlieren wir die Sedimente, und die könnten wichtige Aufschlüsse geben über frühere klimatische Verhältnisse, Ernährungsgewohnheiten oder Krankheiten. Und selbst wenn die Stücke wieder auftauchen, können wir oft nicht sagen, wo sie gefunden wurden.

Standard: Schatzsucher sprechen von einem Boom Ihrer Branche. Wird das Problem schlimmer?

Delgado: Meiner Meinung nach ja. Die wirtschaftlichen Zeiten sind schlecht, das motiviert Plünderer und Amateur-Schatzsucher.

Standard: Wie viele Wracks werden pro Jahr geplündert?

Delgado: Wir wissen es nicht. Nur sehr wenige Firmen sprechen offen über ihre Entdeckungen. Völlig unklar ist, was Einzelpersonen plündern, vor allem in Ländern, in denen die Regierung nicht allzu viel Kontrolle hat.

Standard: Schatzsucher argumentieren gern, dass ohne ihre Hilfe viele Wracks erst gar nicht gefunden worden wären. Was sagen Sie dazu?

Delgado: Fischer, Sporttaucher und Archäologen haben viel mehr Wracks gefunden als Schatzsucher. Einige der historisch wichtigsten Funde wurden von privaten Stiftungen oder Universitäten gemacht, die Wissensgewinn suchen und ihre Funde konservieren und studieren wollen, nicht heben und verscherbeln.

Standard: Haben Schatzsucher Vorteile gegenüber Wissenschaftern? Sind sie besser ausgestattet?

Delgado: Ihr Vorteil ist eine sympathisierende Berichterstattung in manchen Medien. Schiffswracks bekommen aus irgendeinem Grund weniger Respekt als Tempel oder Begräbnisstätten. Wenn solche Orte kommerziell ausgebeutet werden, gibt es einen Aufschrei - bei Schiffen nicht. Manche Schatzsucher mögen eine bessere Ausstattung haben als manche Forscher. Aber Wissenschafter zahlen mit ihren Geldern auch die Ausbildung von Studenten, nicht die Gehälter von Managern oder die Dividenden von Shareholdern. (Tobias Müller/DER STANDARD, Printausgabe, 8./9. 10. 2011)

  • James Delgado (53) ist Archäologe und Direktor des 
Maritime-Heritage-Programms der US National Oceanic and Atmospheric 
Administration. Er hat das Titanic-Wrack erforscht, 33 Bücher 
geschrieben und war 15 Jahre Direktor des Maritime Museum in Vancouver.
    foto: privat

    James Delgado (53) ist Archäologe und Direktor des Maritime-Heritage-Programms der US National Oceanic and Atmospheric Administration. Er hat das Titanic-Wrack erforscht, 33 Bücher geschrieben und war 15 Jahre Direktor des Maritime Museum in Vancouver.

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