Die arabischen Frauen brauchen ihre eigene Revolution

7. Oktober 2011, 18:34
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Auf den diversen Tahrir-Plätzen sind sie gleichberechtigt, aber um ihre Dividende müssen sie kämpfen

Wien - Den "arabischen" Friedensnobelpreis hat mit der jemenitischen Aktivistin Tawakul Karman eine Frau bekommen, die den süßen Moment des "Siegs der Revolution" noch vor sich hat - während die Frauen in Ägypten und Tunesien, aber auch in Libyen nun die Mühen der postrevolutionären Ebene kennenlernen.

Die Klugen unter ihnen haben gewusst, dass auf den solidarischen Rausch auf den diversen Tahrir-Plätzen - wo die Männer einmal an etwas anderes dachten als an Sex, wie es eine ägyptische Aktivistin formulierte - die Ernüchterung folgt. Oder sogar ein Backlash, um die Frauen wieder in ihre Grenzen zu verweisen: Die Demütigungen von Frauen, die vom ach so noblen ägyptischen Militär Jungferntests unterzogen wurden, um "gute" Demonstrantinnen von "Huren" zu trennen - und das war nach dem Sturz Mubaraks -, sind nur ein besonders krasses Beispiel. Auf politischer Ebene fürchten sich viele Frauen vor den ersten freien Wahlen, oder genauer gesagt, vor den Parlamenten, die sie hervorbringen, und dem, was diese dann an "Frauen-Gesetzgebung" alles anstellen könnten.

Die Frauen in der arabischen Welt nehmen an Revolutionen teil, die sie von den postkolonialen Diktaturen befreien sollen, die alle Bürger und Bürgerinnen unterdrückt haben. Die Frauen waren beziehungsweise sind politisch so unfrei wie die Männer. Gesellschaftlich sind sie aber in Tunesien, Ägypten, Libyen, aber ganz besonders im umkämpften Syrien bestimmt emanzipierter als in Ländern, in denen sich nichts regt. Der Gedanke liegt nahe, dass es die Revolten begünstigt, wenn die Frauen bereitstehen mitzutun.

Im Jemen liegt die Sache etwas anders, und deshalb ist Tawakul Karman auch wirklich ein besonderer Fall. Präsident Ali Abdullah Saleh gehört - trotz seines berühmten Sagers, dass Demonstrationen unislamisch seien, weil da Frauen und Männer miteinander marschieren - ganz gewiss nicht zu den konservativsten Kräften im Land. Die ganze jemenitische Gesellschaft ist so stockkonservativ, dass Karmans Weg vom innerlichen Aufbäumen bis auf die Straße bestimmt noch viel länger und anstrengender war als er in den revoltierenden Ländern am Mittelmeer ist. Dass sie Politikerin einer islamistischen Partei ist, ist da eher eine Hilfe als ein Hindernis. Dass sie ihr Engagement islamisch argumentieren kann, macht sie für viele erst akzeptabel.

Ob sie eine politische Zukunft hat, sei dahingestellt - im Jemen bekriegen sich Gruppen abseits der Kategorien demokratisch und undemokratisch, um die es im Arabischen Frühling gehen sollte. In den anderen Ländern könnte es sein, dass die Frauen nach der Befreiung etwa um die bestehenden progressiven Familiengesetze kämpfen müssen, gerade weil diese von den undemokratischen Vorgängerregimen stammen.

Die Frauen in der arabischen Welt brauchen neben der politischen auch noch ihre eigene Revolution - aber auch die hat natürlich längst begonnen. Dazu braucht man nur die Studentinnenzahlen ansehen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das eine Gesellschaft verändert. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 8.10.2011)

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    Frauen bei einer Protestkundgebung im Jemen.

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