Liegt es am Umgangston?

    7. Oktober 2011, 17:33
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    Im Parlament sollte das Schicksal eines Staats diskutiert werden, kluge Entscheidungen zum Wohl der Meisten sollten dort getroffen werden - Von Marlene Streeruwitz

    Hier aber bevölkert eine Kindergruppe die gesamte österreichische Sprechlandschaft.

    Von London zurück und die Parlamentsübertragungen da in Erinnerung, ist die Übertragung der Parlamentssitzung zum Europäischen "Finanzrettungsschirm" in Wien ein Schock. Dabei geht es nicht um die Argumente. Die sind europaweit gleich. Die einen regieren und die anderen nicht. Das ist nicht sehr spannend. Es geht auch nicht um die Aggression. Die ist überall gleich hoch. Ich denke, es sollte noch viel aggressiver diskutiert werden. Schließlich geht es um eine jener Krisen, wie sie in Österreich jahrhundertelang das Joch der Steuern und Aushebungen nach sich zogen.

    Es waren ja immer schon die Geldgeschäfte auf Kosten der Untertanen, die so ein österreichisches Normalschicksal von Enge und Leid und Unterdrückung herstellten. Darum geht es heute wieder. Die Volksvertretung hätte allen Grund, sich diesen Aussichten zu stellen. Aber das tun sie nicht. Die Volksvertreter beschäftigen sich miteinander und führen Schaukämpfe und das alles in diesem Ton der Geschwister-frechheit, der in der gesamten öffentlichen Redeweise geführt wird. Da wird kein Abstand gehalten. Da wird vorausentworfen, was der andere eigentlich meint. Da wird keine Meinung zugelassen als die, die für den anderen vorausgedacht worden war. Da wird dem oder der anderen gar keine eigenständige Existenz zugestanden. Dazu wird per Du herumgeschrien. Dazu wird per Du und per "Ihr da" geschmäht. Und. Es werden nur die festgeschriebensten Meinungen zueinander geäußert. Die jeweils Beschriebenen werden in einer Beschreibung eingefangen, die die Beschriebenen mit einer Beschreibung nun wieder der anderen zurückzahlen. Es herrscht der Ton des Kinderzimmers des strengen Vaters, der gerade die eigentlichen Regierungsgeschäfte führt. Diesen strengen Vater gibt es nun längst nicht mehr. Die Kinderln im Parlament aber werfen einander die Existenz vor. Geschwisterrivalität. Es herrscht ein Ton, wie er in so Kleingemeinden wie dem "Gutruf" oder in der Sauna oder am Stammtisch geführt wird.

    Dieser tief kindische Ton

    Ein herausfordernder Ton ist das, der ein hohes Wissen der Schwächen voraussetzt und der vernichten will, wenn es ohne Schaden für die eigene Person geht. Deshalb sind alle diese Personen ja auch in Parteien. So eine Partei. Da wird in den Sitzungen und dem geselligen Beisammensein danach und davor dieser Ton gegen die anderen eingeübt. Da lernt man, in der Gruppe zu stehen und von da aus die Schimpfereien in einen Saal auszusenden, und die einzige Leistung dabei könnte sein, dass einer einmal witzig und überdreht diese Beschimpfungen formulieren kann. Das wird dann "treffend" und "brillant" genannt. Beurteilt wird das aber immer von der eigenen Gruppe. Außensicht von einem selber. Das kennt man da nicht. Es sind ja immer die verachteten Geschwister, die angegangen werden, und da gilt gar nichts. Erst der Eintritt des strengen Vaters würde zu Ordnung führen und jenem Sprechen, das immerhin die Achtung der Existenz der anderen Person beinhalten müsste.

    Diese Kindergruppe bevölkert die gesamte österreichische Sprechlandschaft. Vor allem in den Medien. Es ist zuerst komisch und dann gleich überhaupt nicht, dass in der Comedy-Sendung Was gibt es Neues auf ORF 1 derselbe Umgangston wie im Parlament herrscht und hier nun die Komik ausmachen muss. Immer leicht übergriffig wird es als großartig lustig angesehen, wenn Rassismen aller Art aufblitzen. Die Amerikaner. Die Russen. Die Schwulen. Die Frauen. Die Ausländer. Das, was im Parlament den politischen Gegner herabwürdigt, wird hier offen gegen Gruppen eingesetzt. Es wird dann gelacht und geklatscht. Wie im Parlament auch. Und. Es ist dieselbe Hilflosigkeit wie im Parlament. Denn. Dieser überfamiliäre Ton der Verachtung entspringt einer tiefen Selbstverachtung. Das aber wiederum bindet an diesen tief kindischen Ton und lässt kein Denken zu. Es kann also die Krise nur in der Schmähung der anderen besprochen werden, statt eine Analyse und Auswege zu diskutieren. Wenn die andere Person niemand ist, der als Vertragspartner angesehen werden kann, weil man sich selber nicht dafür hält, dann gibt es keine Politik. Dann kann es keine Politik geben.

    Es wäre notwendig gewesen, einen Prozess der Emanzipation von dieser kulturell bedingten Kindischheit durchzumachen. Achtung und Respekt des Verhandlungspartners ermöglicht überhaupt erst ein Denken. Denken. Klares und strenges Denken und damit eine realistische Beurteilung der Lage. Dieses Herumgeplänkel in einer alles beschränkenden internen Sprache lässt ja nicht einmal eine klare Sicht der Dinge zu. Und. Es ist nicht lustig. In der Comedy-Sendung schleppt es sich von Kleinüberschreitung zu Kleinüberschreitung. Wie im Parlament.

    Die Dümmsten gewinnen

    Und die Dümmsten gewinnen, weil sie am unbekümmertsten ihre Schmähung verkünden können. In der Comedy wie im Parlament. Der Ton des greinendgrantig angriffslustigen Kinderzimmers zieht sich dann in die Polizei-Fernsehserien hinein. Die, die in Österreich produziert wurden. Da werden die Verhöre in eben diesem Ton geführt. In der persönlichen Auseinandersetzung zeigt sich die versteckte Gewalt offen. Da gibt es keine Grundrechte. Da gibt es keine Menschenrechte. Da werden Vorverurteilungen ausgesprochen. Wieder wird die andere Person, in diesem Fall der oder die Verdächtigte, von der Polizei der Fernsehserie entworfen. Der Verdacht wird auf dieselbe Vermutung gegründet, die im Parlament zur Schmähung führt und in der Comedy zur Abwertung des Gegenstands der Frage.

    Immer geht es darum, von sich abzulenken und alle Aggression gegen die andere Person zu richten. Wieder werden alle Denksperren aktiviert. Es wissen ja alle, dass es SO eigentlich nicht geht. Dass alle andere Aufgaben hätten. Im Parlament sollte das Schicksal eines Staats diskutiert werden und kluge Entscheidungen zum Wohl der Meisten getroffen werden. In der Comedy sollten witzige Repliken fallen, und Witz entsteht aus Denken und nicht aus Verachtung. Und in der Fernsehserie. Da verlässt sich der Text, die Schauspieler und die Regie auf die Wiedererkennbarkeit dieses Tons. Da ist das also dann schon zu Folklore versteinerte "Natur". So wird ein Nationalcharakter konstruiert.

    So wurde das immer gemacht. Im Fall der Finanzkrise, die ja nun auch schon einige Jahre andauert. Da wäre es halt großartig gewesen, von einem Parlament regiert zu werden, das sich aus Personen zusammensetzt, die in aller Achtung und Respekt ihre Denksperren der Verachtung aussetzen können und sich deshalb dem Regieren widmen könnten. Und. Dieser Ton ist insgesamt ein Fabrikat. Da liegt keine "Natur" eines Österreichischen zugrunde. Das beste Beispiel dafür ist die Polizei. Während in den Serien eine menschenverachtende und die Grundrechte missachtende widerlich unhöfliche Polizei auftreten muss, habe ich in den letzten Jahren nur höfliche und kompetente Polizisten getroffen.

    Laut Amnesty ist gegen die österreichische Polizei alle Klage zu führen. Ich würde dann aber gerne auch Klage gegen die Medienkonstruktion Polizei in der Fernsehserie führen. Wie ja überhaupt die Mediendarstellung der Kinderzimmeraggressionsprache einen Nationalcharakter zuweist, gegen den jeder Wähler und jede Wählerin sein muss. Mit einem sachlich aggressiven Parlament und einer sachlich aggressiven Sprache bekämen wir dann vielleicht auch bessere Comedy.

    Am Ende müssen die österreichischen Komiker sich damit begnügen, Parlamentsprotokolle vorzulesen. Ganz am Ende. Es ist selbstverständlich Feigheit. Das Ganze. Es ist die Feigheit, die eigenen Wünsche vorzutragen. Es ist die Feigheit, die eigenen Wünsche nur über die Verunglimpfung der Wünsche der anderen darstellen zu können. Es ist Feigheit, sich in Gefühlen gegen andere zu suhlen. Es ist Realitätsverweigerung. Zerstörerische Wichtigtuerei. Aus Krisen kommt man damit nicht heraus.

    Im Gegenteil. (Marlene Streeruwitz, DER STANDARD/ALBUM – Printausgabe, 8./9. Oktober 2011)

    Marlene Streeruwitz, geboren in Baden bei Wien. Studium der Slawistik und Kunstgeschichte. Journalistin der Öko-Zeitschrift "Natur ums Dorf". Freie Texterin und Journalistin. Literarische Veröffentlichungen ab 1986. Freiberufliche Autorin und Regisseurin. Sie lebt in Wien, Berlin, London und New York. Mit ihrem eben erschienenen Roman "Die Schmerzmacherin" (S. Fischer Verlag) ist Streeruwitz auf der diesjährigen Shortlist zum Deutschen Buchpreis ge- landet. Er wird am 10. Oktober verliehen.

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      Volksvertreter im Parlament (am 30. 9. 2011): "Ein herausfordernder Ton ist das, der ein hohes Wissen der Schwächen voraussetzt und der vernichten will, wenn es ohne Schaden für die eigene Person geht."

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