Prüller: "Geld gewinnt keine Rennen"

Interview |
  • Heinz Prüller.
    foto: apa

    Heinz Prüller.

Für Heinz Prüller ist Vettel "eine echte Typ'n". Er fragt sich, was er sich bei Niki Lauda fragte, und lobt, vom Fußball abgesehen, die "tolle Hand" von Dietrich Mateschitz

Standard: Inwieweit ist's ein österreichischer Erfolg, wenn Vettel am Sonntag Weltmeister wird?

Prüller: Ich erinnere mich, wie Dietrich Mateschitz vor zwanzig Jahren in Malaysia am Pool von einem Formel-1-Team geredet hat, mit dem er WM-Titel holen will. Für ihn ist es ein toller persönlicher Erfolg. Das Team hat eine österreichische Lizenz, deshalb wird ja auch die österreichische Hymne gespielt. Nur Neider behaupten, dass Red Bull kein Rennteam, sondern eine Marketingfirma ist.

Standard: Fehlt also nur noch ein österreichischer Fahrer.

Prüller: Am Anfang war ja einer dabei. Aber Christian Klien hat diese große Chance nicht genützt, warum auch immer. Einige Youngsters gibt es, die vielleicht Chancen haben. Ein Riesentalent ist Mirko Bortolotti, dessen Eltern in der Baumgasse in Wien-Landstraße einen Eissalon betreiben. Er hat heuer die Formel 2 gewonnen.

Standard: Erklärt nur das höchste Investment den Red-Bull-Erfolg?

Prüller: Geld schießt keine Tore, und Geld gewinnt keine Rennen. Du musst vor allem die richtigen Leute auswählen. Da hatte Mateschitz eine tolle Hand.

Standard: Das Team ist unbestreitbar das beste. Ist Vettel auch der beste Fahrer?

Prüller: Da gehen die Meinungen auseinander. Gäb's einen Autowechsel, so wie es beim Springreiten im Finale einen Pferdewechsel gibt, würde man mehr wissen. Das ist halt illusorisch. Für mich persönlich sind Vettel und Alonso mit Abstand am stärksten, Button kommt ihnen am nächsten. Aus einer Abstimmung unter den Fahrern selbst ging Alonso als bester Formel-1-Pilot hervor. Aber er ist mit 30 vielleicht schon am Zenit, Vettel mit 24 wohl noch nicht.

Standard: Würde Vettel auch in einem anderen Auto den Titel holen?

Prüller: Schwer zu sagen. Es geht ja nicht nur darum, wie die Autos jetzt dastehen. Sondern um ihre Entwicklung. Und ich schließe nicht aus, dass Vettel vielleicht auch ein anderes Auto zu einem so guten Auto gemacht hätte.

Standard: "Danke ans Team", "ein tolles Rennen" und so weiter. Vettels Statements nach Siegen sind von enden wollender Frische. Ist er stromlinienförmig, angepasst?

Prüller: Absolute Fehleinschätzung. Er ist ein starker Typ, eine echte Typ'n. Er umgibt sich nicht mit Managern, Trittbrettfahrern, Kofferträgern und Mitschneidern. Er ist eigenständig geblieben, offen, ehrlich, nett. Bei Vettel steckt viel Hirn dahinter. Ich frag mich, was ich mich auch bei Lauda gefragt habe - bedingt das schnelle Autofahren, der Erfolg, dass einer reif und gescheit wird? Oder fährt einer so schnell, weil er schon so viel Hirn mitgebracht hat?

Standard: Wieso erreicht Red Bull in der Formel 1 so viel - und im Fußball vergleichsweise wenig?

Prüller: Ich war seinerzeit der größte Fan von Austria Salzburg, war oft im Europacup mit dabei. Da hab ich unheimlich viel Zusammenhalt in der Mannschaft gesehen. Den seh ich heute nicht. Da sind viele gute Einzelspieler, aber es herrscht keine Harmonie. (DER STANDARD Printausgabe; 8./9. Oktober 2011)

HEINZ PRÜLLER (70) war von 1965 bis 2008 Formel-1-Kommentator des ORF, 1989 bis 1995 Sportchef im ORF-Hörfunk. Er ist seit 2009 als Kommentator für Sky Deutschland und seit 1971 für die "Kronen Zeitung" tätig.

Share if you care