Verführerisches Fußkleid

7. Oktober 2011, 17:24
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In England und Amerika sind Arbeiten von Eugen (von) Blaas besonders beliebt - In Österreich trifft man sie selten an

Hach, was waren das für Zeiten, paradiesisch für Schuh-Maniacs, so viel ist sicher. Damals, als die Jimmy Choos, Manolo Blahniks und Christian Louboutins des 19. Jahrhunderts ihren Opfern noch Hausbesuche abstatteten und man daheim mit seinen Füßchen in die exquisitesten Modelle schlüpfen konnte. Vielleicht die mit altrosa Seide bezogenen Pumps, oder doch die mit der Brokatstickerei? "Hinreißend Madame, einfach perfekt", flüsterte der Nobelschuster dann ein.

Eugen von Blaas malte das motivisch am Rokoko orientierte Bild 1877, zu einer Zeit, als die Röcke kürzer wurden und dieses Accessoire rasant ins Blickfeld rückte. Die ersten Schuhmagazine informierten über die in London, Paris und Wien gefertigten Modewaffen, und industriell gefertigte Konfektionsware war noch eine Utopie. Damit handelt es sich bei diesem Der perfekte Schuh! betitelten Bild nicht nur um das Werk eines international anerkannten Künstlers, sondern auch um ein zeitgeschichtliches Dokument.

Dynastischer Hang zum Genre

Eugen war Spross der Malerdynastie Blaas, der das Dorotheum am 24. September eine eigene Auktion am Sitz der Nachfahren auf Schloss Tannenmühle (NÖ) widmete, wo man Arbeiten der gesamten Familie versteigerte, etwa auch von Vater Carl, einem österreichischen Historien- und Genremaler. Eugen wurde in der Nähe von Rom geboren und gelangte als italienischer Genrespezialist zu größerer internationaler Anerkennung als der Rest seiner Familie. Bis heute. Zu den bei Engländern und Amerikanern beliebtesten Motiven gehören Szenen aus dem Volksleben in Venedig und Porträts schöner Mädchen, die er auch für vornehme und gutbürgerliche Auftraggeber ausführte.

Eine Prise Humor und vor allem doppeldeutige Titel - etwa Verwehte Blüte, ein in der Sammlung des Belvedere befindliches Werk, das zwei Nonnen in einem Klostergarten zeigt, oder Der Fang des Tages, was sich sowohl auf das Fischermädchen als auch auf ihre Ware beziehen kann - sind für sein OEuvre nicht minder typisch.

In Österreich kommen seine Werke allerdings nur sporadisch auf den Markt, der Anteil an weltweit in Auktionen verzeichneten Umsätzen liegt bei nur acht Prozent, gegenüber den USA mit 63 Prozent und England mit 22 Prozent. Insofern ist das Ranking der zehn höchsten bislang erzielten Zuschläge ein Spiegelbild: An der Spitze steht erwähnter Fang des Tages, der bei Sotheby's in New York für netto rund 793.000 Euro den Besitzer wechselte. Der freundschaftliche Tratsch (Platz 3) steht wiederum exemplarisch für das zuletzt gestiegene Interesse und das zeitgleiche Wertwachstum solcher Salonkunst: 2000 wechselte das 1901 gemalte Werk bei Christie's für netto 345.388 Euro den Besitzer, 2006 lautete der Endpreis bei Sotheby's dagegen 582.048 Euro (+68,5 %).

Auf den Plätzen vier und sieben sind zwei 2007 im Dorotheum erzielte Resultate gelistet: Die Plauderei aus dem Jahr 1905 (netto 570.000 Euro) sowie Zwei Venezianerinnen (410.000 Euro). Damit ist Der perfekte Schuh! , der kommende Woche in der Sparte Gemälde des 19. Jahrhunderts mit einer Taxe von 100.000-150.000 Euro versteigert wird, eindeutig eine verführerische Mezzie. (Olga Kronsteiner, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 8./9. Oktober 2011)

  • Eugen Blaas, "Der perfekte Schuh!": ein Kunstwerk - und für Victims von 
heute auch das Dokument einer nunmehr als historisch abgesicherten 
Leidenschaft.
    foto: dorotheum

    Eugen Blaas, "Der perfekte Schuh!": ein Kunstwerk - und für Victims von heute auch das Dokument einer nunmehr als historisch abgesicherten Leidenschaft.

  • Historische Schuhmode: mit bunter Seide und Satin bezogene oder mit 
Brokatstickerei verzierte Maßschuhe.
    foto: dorotheum

    Historische Schuhmode: mit bunter Seide und Satin bezogene oder mit Brokatstickerei verzierte Maßschuhe.

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