Leserinsel im Nordmeer

Gespräch7. Oktober 2011, 17:01
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Island, das Gastland der Frankfurter Buchmesse, blickt auf eine lange Literaturtradition und unruhige Jahre zurück - Ein Gespräch mit dem isländischen Autor Gyrðir Elíasson

Vergangenes Jahr, zwei Jahre nachdem der Konkurs des US-Bankhauses Lehman Brothers das aufgeblähte isländische Bankensystem mit in den Abgrund gerissen hatte, führte ein Buch einsam die isländische Bestsellerliste an. Bei dem aus acht Bänden bestehenden und 2000 Seiten umfassenden Werk, das sich besser als der neue Harry Potter verkaufte, handelte es sich um den Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses des isländischen Parlaments über Vorgeschichte und Ursachen der Bankenkrise.

Der Bericht, so Kristján B. Jónasson, Vorsitzender des isländischen Verlegerverbandes, sei trotz viel Statistik nicht schlecht, eigentlich fast wie ein Krimi geschrieben. Das findet auch der Schriftsteller Jón Kalman Stefánsson. Mit einer Einschränkung: "Die Beschreibung einiger Protagonisten würde dir in einem Roman niemand abnehmen." Schließlich schlugen einige Spaßvögel vor, diese "neueste Saga-Handschrift der Isländer", die zwar wissenschaftlich gehalten, aber doch für eine größeres Publikum geschrieben sei, für den bedeutendsten Literaturpreis des Landes nominieren. Sie sollten auf taube Ohren stoßen. Der Preis ging an die 1970 geborene Autorin Gerður Kristný und ihr Jugendbuch Die letzte Nacht des Jahres (Bloomsburry-Verlag).

Die isländische Krone büßte nachdem der zehnjährige Traum von der Wallstreet des Nordens zerschellt war, fast 70 Prozent ihres Wertes ein. Die Arbeitslosenrate versiebenfachte sich, und viele konnten die aufgenommenen (Fremdwährungs-)Kredite nicht mehr bedienen. Inzwischen war mit dem Pharma- und Biotechunternehmen DeCode auch eine Bank der etwas anderen Art pleitegegangen. DeCode hatte die weltweit erste kommerzielle Gendatenbank aufgebaut, wobei der Firma Familienstammbäume und sämtliche Gesundheitsdaten der isländischen Bevölkerung zur Verfügung standen. Die Nutzungsrechte erwarb, noch bevor das isländische Parlament das Projekt 2003 stoppte, der Schweizer Pharmakonzern Hoffmann- La Roche für 200 Millionen Dollar. Reste der 2009 insolventen DeCode kaufte schließlich eine Investorengruppe mit dem klingenden Namen Saga Invest.

Während in den Krisenjahren die Umsätze bei Elektronik, Bekleidung und Möbeln um bis zu 90 Prozent einbrachen, erwies sich die isländische Buchbranche mit Einbrüchen von 3,5 Prozent als erstaunlich krisenresistent. Island war und ist ein Land der Leser geblieben. Zweieinhalb Millionen Bücher werden jährlich in den 150 Buchläden der Insel zum Durchschnittspreis von 25 Euro an die 320.000 Isländer verkauft. Mit acht pro Jahr und Kopf gelesenen Büchern belegt das Land in der weltweiten Lesestatistik einen der Spitzenplätze.

Obwohl vor allem in Europa der Mythos von der Buchnation Island grassiere, solle man sich nicht täuschen lassen, sagt der isländische Schriftsteller Gyrðir Elíasson im Gespräch mit dem Standard. Er könne, so Elíasson, in Island kein von Europa oder Skandinavien abweichendes Leseverhalten feststellen. Von den 320.000 Isländern seien 1000 bis 2000 der Kategorie "ernsthafte Leser" zuzuordnen. Der Rest konsumiere - wie überall - die gängige Krimiware, wobei der Boom skandinavischer Krimis auch vor Island nicht haltgemacht hat.

Für isländische Autoren bestehe laut Elíasson das Problem eher darin, dass "wir so wenige sind". Für einen Schriftsteller, der nicht viele Bücher verkaufe, sei es aufgrund des kleinen Marktes nicht leicht zu leben. Auch für den 1960 geborenen Elíasson nicht, der mit seiner Frau, die als Krankenschwester arbeitet, und den gemeinsamen drei Töchtern in Reykjavík lebt. Trotzdem sieht es Elíasson als eine Art Privileg, in einer Sprache zu schreiben, die eine so lange Buchtradition habe.

Er spielt damit auf zwei Schlüsselwerke der nordischen Literatur, nämlich auf die Lieder-Edda, die 1270 im christianisierten Island von unbekannten Verfassern aus mündlichen Überlieferungen zusammengestellt und niedergeschrieben wurde, sowie auf Snorri Sturlusons Prosa-Edda (um 1220) an. Während die Lieder-Edda Götter- und Heldensagen der nordischen Mythologie aufnimmt und unter anderem den Nibelungenstoff bearbeitet, was die Prosa-Edda auch tut, ist Sturlusons Version gleichzeitig als eine Art Poetik, als Lehrbuch für Skalden (Dichter) angelegt.

Da sich die isländische Sprache seit dem frühen Mittelalter nur wenig verändert hat und die Texte immer noch im Original gelesen werden können, ist auch die Identifikation des Publikums - im Gegensatz etwa des deutschen Lesers zur mittelhochdeutschen Dichtung - groß. Das gilt auch für die sogenannten Isländersagas, die ungefähr zur selben Zeit wie die Edda entstanden und sich grob gesagt mit den Familiengeschichten der ersten Siedler befassen.

Trotzdem mag es auf den ersten Blick erstaunen, dass Island seinen Gastlandauftritt bei der Frankfurter Buchmesse ausgerechnet unter den Slogan "Sagenhaftes Island" stellt. Denn dass die Insel im Nordatlantik mit zu wenigen Klischees behaftet wäre, lässt sich nicht behaupten. Neben krachenden Finanzhäusern, rauchenden Vulkanen, heißen Quellen und langen Nächten, die einen entsprechenden Alkoholkonsum bedingen, gehören gerade auch die Trolle, Feen, Götter, Geister und Elfen, die sich vermeintlich in der isländischen Literatur tummeln, zu den Bildern, die im Ausland gern angenommen werden.

Das nerve zuweilen, sagt Gyrðir Elíasson, denn in vielen Belangen sei Island ein sehr modernes Land, doch: "Die isländischen Märchen, die im 19. Jahrhundert nach dem Vorbild der Brüder Grimm gesammelt wurden, sind so wie die Sagas sehr wichtig für das Land. Ich begann sie zu lesen, als ich mit meinen Großeltern auf einem abgelegenen Hof an der Ostküste der Insel lebte. Was mich von Anfang an angesprochen hat, war die seltsame Kombination von genauen Realitätsbeschreibungen und Fantasie. Ich glaube, diese Bücher haben die isländische Literatur mehr beeinflusst, als manche Leute annehmen. Natürlich leben wir in einem hochtechnologisierten Land, doch viele dieser übersinnlichen Dinge spielen immer noch eine Rolle. Das heißt nicht, dass hier jeder Elfen oder Geister sieht, wenn Sie aber in die äußerst raue Landschaft fahren, kann sich bald das Gefühl einstellen, dass es Dinge gibt, die sich auch im elektrischen Licht der Städte nicht wegdiskutieren lassen."

Es ist daher nicht unlogisch, dass sich unter den mehr als 100 isländischen Büchern, die anlässlich der Frankfurter Messe ins Deutsche übertragen oder wiederaufgelegt wurden, auch eine Neuübersetzung der Lieder-Edda (Reclam-Verlag) und eine aufwändig gemachte 3000 Seiten und vier Bände umfassende Ausgabe der Isländersagas (S.-Fischer-Verlag) finden. Sturlusons Prosa-Edda liegt im Manesse-Verlag vor, und bei Galiani erschien ein Band mit fünf von Tilman Spreckelsen nacherzählten Islandsagas (einige der Illustrationen, die Kat Menschik für den Band beisteuerte, drucken wir in diesem ALBUM ab). Doch auch neben diesen Grundwerken der isländischen Literatur, vermitteln die nun auf Deutsch vorliegenden Bücher und Anthologien - 130 isländische Verlage bringen jährlich 1400 Titel auf den Markt - das Bild einer sehr regen Literaturlandschaft.

Hallgrímur Helgason etwa, der mit seinem Roman 101 Reykjavík (dtv-Verlag) bekanntwurde, in dem er die isländischen Hauptstadt, in der ein Drittel aller Isländer lebt, als Partystadt schildert, legt mit Eine Frau bei 1000 Grad (Tropen im Klett-Cotta-Verlag) ein äußerst interessantes Buch vor. Es handelt von Faschismus und Neoliberalismus, einem Vaterproblem und dem "eiskalten, versalzenen" Leben einer Frau. Helgason rekapituliert aus isländischer Perspektive europäische Geschichte von den 1930er-Jahren bis zur Finanzkrise. Schön in diesem Zusammenhang der Rat, den seine Hauptfigur ihren Geschlechtsgenossinnen mitgibt: "... lauft und kauft Decken und Dosenfleisch, wenn ihr einen Mann sagen hört, wir leben in historischen Zeiten".

Um existenzielle Kämpfe geht es auch in Jón Kalman Stefánssons Roman Der Schmerz der Engel (Piper-Verlag). Grundsätzlich fällt aber auf, dass sich neben zeitgeschichtlichen Themen gleich mehrere neu übersetzte Romane mit Künstlerleben auseinandersetzen. Einar Már Guðmundsson schreibt in Vorübergehend nicht erreichbar (Hanser-Verlag) vordergründig über eine reale Liebesgeschichte zwischen zwei Drogensüchtigen, die er anhand von Briefen, die der Mann aus dem Gefängnis an die Frau schrieb, entwickelt. Im Hintergrund hingegen geht es um den Kampf des Autors gegen die eigene Alkoholsucht, die er schließlich überwindet.

Steinar Bragi und Guðrún Eva Mínervudóttir erzählen in ihren neuen Romanen Frauen (Kunstmann-Verlag) und Der Schöpfer (btb-Verlag) von Künstlern, die im ersten Fall ihre dunklen Visionen ausleben und im zweiten an Tabugrenzen entlangschrammen. Von einem Künstler, einem Maler, handelt auch Gyrðir Elíassons nur an seiner Oberfläche ruhiger Roman Am Sandfluss (Walde-und Graf-Verlag). Elíasson, der in diesem Artikel schon einige Male zu Wort kam, hat bisher 14 Lyrikbände, fünf Romane und neun Kurzgeschichtensammlungen geschrieben und gilt als Erneuerer der isländischen Literatur. Heuer wurde er mit dem Literaturpreis des Nordischen Rates ausgezeichnet. Die von Dänemark, Finnland, Norwegen, Schweden und Island gemeinsam vergebene, mit 47.000 Euro dotierte Auszeichnung ist so etwas wie der Büchnerpreis des Nordens.

Ob er nun ein "einsamer Wolf" oder ein "Oppositionsmensch" sei, wie oft geschrieben wird, lässt Elíasson dahingestellt. Er sagt: "Ich habe oft gefühlt, dass ich anders bin. Ich bin eine Art Minimalist in einer Zeit, die große Romane bevorzugt, und ich bin nicht an Mainstream-Fiktion interessiert. Bezüglich Österreichs kann ich zwei Schriftsteller anführen, die mich zumindest indirekt beeinflusst haben: Peter Handke und Thomas Bernhard. Ich bewundere beide für ihren unablässigen Kampf gegen den Konformismus".

Die liebste Form ist Elíasson, der auch zahlreiche Autoren (etwa Richard Brautigan) ins Isländische übersetzt hat, immer noch das Gedicht. Und eine Art Prosagedicht ist sein äußerst reduzierter Roman über besagten Maler, der sich aus der Stadt in eine Wohnwagensiedlung am Rand eines Waldes zurückzieht.

Dort unternimmt er Waldgänge, sinniert, skizziert - und versucht Bäume zu malen. Maler wie der russische Landschaftsmaler Iwan Schischkin oder Chaim Soutine spielen in dem Buch eine Rolle - und immer wieder van Goghs Briefe aus der Nervenheilanstalt Saint-Rémy. Am Motiv des Waldes habe ihn, sagt Elíason, vor allem interessiert, dass es in Island fast keinen mehr gibt. Die einstmals großen Wälder wurden nahezu vollständig abgeholzt, auch aus Profitgier. "Ich habe", so Elíasson, "das Buch geschrieben, als die Materialismuswelle in Island 2006 am höchsten war, und es interessierte mich, einen Roman über einen kleinen Wald zu schreiben, der diesem Flüchtling aus einer dem Geld nachjagenden Gesellschaft Schutz bietet."

Der Wald im Buch ist klein, die Innenwelten aber groß, der Maler läuft Gefahr, sich zu verlieren. Der junge van Gogh schrieb an seinen Bruder Theo: "Man könnte nicht immer sagen, was es ist, das einen einschließt, mit einer Mauer umgibt (...). Weißt du, was das Gefängnis verschwinden lässt? Jede ernste, tiefe Neigung, Bruder sein, Freund sein, lieben, das öffnet das Gefängnis mit souveräner Macht." Der Maler in Am Sandfluss habe nicht nur seine Familie verloren, sondern die Liebe zur Malerei, die ihn vorher stützte, meint Elíasson. Er versuche zwar, diese Liebe zurückzugewinnen, aber es sei eben - wie wir alle wissen - schwierig, eine verlorene Liebe wiederzuerlangen. Im Roman heißt es: "Mir geht es wie den meisten, die sich dem verschrieben haben, was man Kunst nennt, irgendwo unterwegs kommen ihnen die Freunde abhanden, sie verlieren sich in sich selbst und glauben hartnäckig daran, dass die Kunst den Mangel an menschlichen Begegnungen schon noch ausgleichen werde. Aber für jedes Kunstwerk, das sie schaffen, zahlen sie einen hohen Preis, und zwar in der härtesten aller Währungen, der menschlichen Nähe."

Island und seine Literatur sind uns näher, als wir denken. (Stefan Gmünder, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 8./9. Oktober 2011)

  • Gyrðir Elíasson.
    foto: einar falur ingólfsson

    Gyrðir Elíasson.

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