Rationale Unvernunft

9. Oktober 2011, 14:58
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Fahrräder aus Handarbeit sind ein Trend rund um das Kultobjekt der Pedalritter. Ein Buch porträtiert Unternehmen, die Unikate bauen

Man sieht erwachsene Männer, die aussehen wie kleine Schulbuben. Sie stehen vor Fahrrädern. Und kriegen sich nicht mehr ein. Ein echtes Vanilla. Handgemacht. Mit Jahren an Bestellzeit. Preise von 15.000 US-Dollar sind durchaus möglich. Zu bestaunen sind sie in einem fabelhaften Buch für Fahrradenthusiasten: Bespoke: The Handbuild Bicycle, ein Jubelbuch. Realisiert wurde es von den Unternehmern Michael Maharam und Sacha White, die beide als Hersteller und Fahrradnarren in der Szene einen Namen haben.

Das Buch geht einen Weg, der für den europäischen Raum eher unorthodox ist. Schließlich wird hierzulande immer noch geglaubt, ein Museum sei ein hoheitlicher Raum kulturellen Schaffens und Strebens, wohingegen Unternehmen niedere Orte sind, wo kapitalgetriebene Bösewichter stets nur die Maximierung eigener Profite im Blick haben. Dass es der Unternehmen bedarf, und Menschen dahinter, die den Fortschritt voranschreiten lassen, ist eine Perspektive, die in den USA viel leichter eingenommen wird. Daher kann sich das Buch erlauben, den Blick auf sechs Unternehmen zu richten, die eines eint: Alle fertigen mit Hand Fahrräder von größter Schlichtheit und höchster Funktionalität. Maschinen, die vor allem die Emotionen ansprechen. Entstanden sind Unternehmensprofile, Charakterbeschreibungen, Haltungen.

Das Buch führt sechs Denkmodelle in Form von Fahrradauffassungen zur Schau. Überschaubare Texte geben Einblick in Entstehung und Besonderheit der Haltung. Ambitionierten Fahrradfans sind Namen wie Sacha White, Gründer von Vanilla, ein Begriff. Sein Minimalismus, die zum Aberwitz getriebene Detailversessenheit, machen seine Stadträder zu Unikaten von magischer Anziehungskraft. Es scheint, als stünde die Einzigartigkeit über allen anderen Kriterien. Jeff Jones' Mountainbikes treiben den Einsatz von Titan auf die Spitze.

Dario Pogoretti, der einzige Vertreter aus Europa, gibt sich ganz dem Rennsport hin. 2008 als Rahmenbauer des Jahres ausgezeichnet, gibt er den Ton bei handgefertigten Rennrahmen weltweit mit an. Kaum größer könnte die Distanz zu Peter Weigle sein, der sich auf Langstreckenräder spezialisiert hat. Auch wenn ab und an Rennradlenker auftauchen, seine Tretfahrzeuge haben den Anspruch auch nach tagelanger Nutzung ein Kompliment für jeden Hintern zu sein.

Mike Flanigan konstruiert eine Fahrraddenke, die ihren Schwerpunkt in geometrischen Besonderheiten sucht. Transportfahrzeuge entstehen so, oder minimalistische Klassiker, denen man nicht ansieht, dass sie nagelneu sind. Richard Sachs schließlich gibt Einblicke in den Bau von Rennmaschinen, die ihren geometrischen Ursprung unverkennbar in den 1970er-Jahren haben. Komplett werden sie aber erst mit den modernen Komponenten. Und als unverrückbar gelten die drei Regeln für Räder von Richard Sachs. Sie sind immer für Rennen, aus Stahl und: rot.

Das Buch könnte tausende solcher Geschichten erzählen. Für Liebhaber von schönen Rädern ist das Buch ein Leckerbissen. Für alle anderen Designliebhaber ebenso. (Knuth Hornbogen/Der Standard/RONDO/07.10.2011)

  • Julie Lasky, "Bespoke: The Handbuilt Bicycle"; Lars Müller Publishers GmbH, 150 Abbildungen, Softcover, ISBN 978-3-03778-204-0, Englisch, 25,- Euro
    foto: lars müller publishers

    Julie Lasky, "Bespoke: The Handbuilt Bicycle";
    Lars Müller Publishers GmbH, 150 Abbildungen,
    Softcover, ISBN 978-3-03778-204-0, Englisch, 25,- Euro

  • www.lars-mueller-publishers.com/de/
    foto: lars müller publishers
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