Nichtraucherkampagne

"Ex Smokers are unstoppable"

Interview | 9. Oktober 2011, 16:58

John Dalli, EU-Kommissar für Gesundheit und Verbraucherschutz will Europas Nachzügler beim Nichtraucherschutz an Bord holen

Standard: Die EU-Kommission hat gerade die Nichtraucherkampagne "Ex Smokers are unstoppable" gestartet. Österreich wird oft dafür kritisiert, zu wenig für den Raucherschutz zu unternehmen. Behindern manche Staaten die Pläne der EU?

Dalli: Die Kommission würde gerne die gleichen Bemühungen bei allen Mitgliedsstaaten sehen. Es gibt Staaten, die mit voller Geschwindigkeit voranschreiten, und es gibt Nachzügler, die sich nur bewegen, wenn sie gezwungen werden. Ich fürchte, Österreich gehört zu Letzteren. Wir hoffen, Österreich überzeugen zu können, dass die Kampagne sehr wichtig ist. Es ist bewiesen, dass Rauchen gesundheitsschädlich ist, 650.000 Europäer sterben jedes Jahr an den Folgen. Wir sind nicht gegen Raucher - wir wollen ihnen helfen aufzuhören.

Standard: Viele Raucher fürchten wohl, die EU könnte sie mit neuen Maßnahmen weiter einschränken. Wie gehen Sie mit dieser Einstellung um?

Dalli: Wir haben eine freiwillige Vereinbarung mit den Mitgliedsstaaten - auch mit Österreich - für eine rauchfreie Umgebung bis 2012. Die meisten Staaten haben das ernst genommen und Gesetze eingeführt, die das Rauchen in geschlossenen Räumen verbieten. Auch Österreich hat Schritte unternommen, die aber nicht konsequent genug umgesetzt wurden. Die Folge: 86 Prozent der Österreicher sagen, dass sie sich in Bars dem Rauch ausgeliefert fühlen. Der europäische Durchschnitt liegt bei 45 Prozent. Österreich hat da noch einen weiten Weg vor sich!

Standard: Oftmals werden Steuern als Instrument herangezogen, um Menschen vom Rauchen abzuhalten. Sollen auch ungesunde Lebensmittel höher besteuert werden?

Dalli: Das geschieht bereits. Norwegen hat vor zwei Wochen damit begonnen, für sehr fetthaltige Lebensmittel höhere Steuern einzuheben. Frankreich besteuert nun stark gezuckerte Getränke höher. Es bewegt sich etwas, obwohl es in diesem Fall nicht von der EU losgetreten wurde.

Standard: Es könnten auch Anreize für mehr Gesundheit geschaffen werden, indem jene Menschen weniger Krankenversicherung zahlen müssten, die einen gesünderen Lebensstil pflegen. Was halten Sie von diesem Ansatz?

Dalli: Das kann ich mir durchaus vorstellen, und es wäre umsetzbar. Wenn Sie Menschen davon überzeugen wollen, gesünder zu leben, ist nicht nur die Peitsche ein Möglichkeit - auch der Zucker sollte eingesetzt werden.

Standard: Wenn wir schon über die Peitsche sprechen: Macht sich die EU unbeliebt bei den Unionsbürgern, wenn Sie deren Freiheiten weiter einschränkt?

Dalli: Freiheit ist ein sehr komplexes Konzept. Beschränkt es meine Freiheit, wenn ich im Auto einen Gurt anlegen muss? Oder schützt es mich, um die Freiheit auch leben zu können? Freiheit ist immer mit Verantwortung verknüpft - und sie hat Grenzen. Wenn ich rauche, schränke ich die Freiheit anderer Menschen ein. Wir müssen die Menschen auf die Konsequenzen ihres Handelns aufmerksam machen. Und sie zu den richtigen Entscheidungen führen - die sie dann selbst treffen.

Standard: Gesetze im Gesundheitsbereich werden von den Mitgliedsstaaten gemacht - nicht von der Kommission. Wie zufrieden sind Sie mit der Situation?

Dalli: Wir sollten uns nicht prügeln lassen: Europa geht es gut. Wir haben gute Institutionen, und es findet Innovation statt. Und doch gibt es durchaus Ungleichheiten, etwa bei der Lebenserwartung. In manchen Ländern liegt sie bei ungefähr 85 Jahren, in anderen bei 65 - das ist enorm. Wir müssen auch den Zugang zu professioneller Medizin verbessern und die Gesundheitssysteme reformieren. Da kommt noch viel Arbeit auf uns zu.

Standard: Soll Gesundheitspolitik auf lange Sicht von der EU geregelt werden?

Dalli: Zum jetzigen Zeitpunkt ist Gesundheitspolitik definitiv Angelegenheit der Mitgliedsstaaten - und deren Regionen. Es ist ein stark fragmentiertes Gebiet. Alle sprechen sich für mehr Koordination aus. Es gibt exzellente Konzepte in bestimmten Ländern, die auf die gesamte Union ausgeweitet werden könnten. Hier kommt die Kommission ins Spiel. Warum sollte man das Rad neu erfinden? Wir haben aus unseren Erfahrungen und unseren Fehlern gelernt. Wir können die Mitgliedsstaaten auf deren Verlangen unterstützen.

Standard: Sie sprechen von freiwilligen Maßnahmen. Wie werden Sie mit den bereits angesprochenen Nachzüglern umgehen?

Dalli: Wir sprechen bei Gesundheit über einen der größten Posten in nationalen Budgets. Deshalb beharren die Mitgliedsstaaten auf ihre Kompetenzen in diesem Bereich. Die Bürger erwarten sich aber die beste medizinische Versorgung, die sie bekommen können. Und sie kennen die Situation in anderen Ländern, weil sie sich in Europa bewegen. Wir wollen aber nicht, dass die Patienten zu Nomaden werden. Das sollte auch einzelne Länder motivieren, das Gesundheitssystem innerhalb der eigenen Grenzen zu verbessern.

Standard: Zurück zum Tabak: Sie haben selbst lange geraucht. Wie haben Sie es geschafft aufzuhören?

Dalli: Ich habe fast vierzehn Jahre lang geraucht. Es war dann eine Neujahrslösung. Am 1. 1. 1988 habe ich aufgehört und seit damals keine Zigarette mehr angerührt. (Fabian Graber, DER STANDARD Printausgabe, 10.10.2011)

John Dalli (63) stammt aus Malta, ist Mitglied der konservativen Nationalist Party, war Finanzminister, Wirtschaftsminister, Außenminister, zuletzt Sozialminister. Seit Februar 2010 ist er EU-Kommissar für Gesundheit und Verbraucherschutz.

Kommentar posten
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Edler Lord
11
10.10.2011, 18:14
Die Aussichtslosigkeit der Prohibition

Seit der Tabak 1492 von Columbus nach Europa gebracht wurde und von dort weiter in die Welt hat es unzählige Versuche gegeben das Rauchen zu verbieten.
Alles sind grandios gescheitert. Herr Dalli wird sich also in die Reihe der zahlreichen Prohibitionisten einreihen, die ihr Lebenswerk scheitern sahen.

KL
00
10.10.2011, 20:14

Die "Prohibitionisten" haben aber nie aufgehoert ihre Verbote fuer alles moegliche durchsetzen zu wollen, selbst wenn es aussichtslos erschien und heftige Kollateralschaeden gefordert hat wie die Alkoholprohibition in den USA.

Der Wille besteht also noch immer.

Das gesagt kann man sich jetzt anschauen welche Moeglichkeiten der Ueberwachung der technische Fortschritt mitsich gebracht hat.

Was einst unmoeglich erschien, den Buerger bis ins Detail ueberwachen zu koennen, wird gerade dieser Tage zur Realitaet.

Nur als Beispiel: mit billigen DNA-Tests und einer med. Datenbank koennen sie, Wille vorausgesetzt, Tickets fuer jeden einzelnen Tschickstummel einheben.

Super wenn das nur simple Paranoia waere...

Hudri Wudri
00
12.10.2011, 10:27
Der Wille besteht noch immer

in der Tat - jedoch letzten Endes rein wirtschaftlich motiviert. Einem Grossstaedter von einer rauchfreien Zone vorzuflunkern, ist purer Hohn.

super cat
00
10.10.2011, 15:09
86 Prozent der Österreicher sagen, dass sie sich in Bars dem Rauch ausgeliefert fühlen.

86 % der Österreicher gehen regelmäßig in Bars? Kann ich mir nicht vorstellen. Ebenso wenig glaube ich, dass 86 % der Barbesucher sich Rauch ausgeliefert fühlen. Wenn man in einem solchen Lokal die Anzahl der Personen im Raucher/Nichtraucherbereich vergleicht, ergibt sich nach meiner Beobachtung eine deutliche Mehrheit in solchen Spelunken. Wo kommen diese angeblichen 86 % her?

El Coyote
02
10.10.2011, 13:48
Ein Bild von Stefanie Werger auf jedes Tschickpackl !

alexanderletten
 
00
10.10.2011, 15:30

Die Amigos hätten auch therapeutische Effekte.
http://www.youtube.com/watch?v=9pf66TL1ORE

man muss nur den Refrain etwa modifizieren:
"ich gebe Die gerne Feuer.."

Colette
02
10.10.2011, 12:06
"Österreich wird oft dafür kritisiert, zu wenig für den Raucherschutz zu unternehmen."

Schön wär's

burniman
13
10.10.2011, 12:00

Was ist mit dem denkansatz leben und leben lassen passiert sind wir schon alle so intollerant das wir den anderen immer unseren willen aufzwängen wolln?! Und welcher wille ist der richtige wer entscheidet das. Ich mein wo steuern wir hin wenn jeder immer den ansprüchen aller anderer genügen muss. Muss ich in zukunft dafür büsen wenn ich mein leben geniesen möchte ? Ohne genuss ist das leben kein lebenswertes. Und genuss ist höchst subjektiv !! Mich stören auch viele dinge, autofahrer die mein leben riskieren, radfahrer die ihr leben riskieren (weil nicht geschaut beim spurwechsln ) usw aber es ihnen zu verbieten wäre faschistoid, beim rauchen ebenso !!!! lieber kurz und gut gelebt als lang und gar nicht !!

Zuben Elgenubi
11
10.10.2011, 17:06

Sind wir immer noch so intolerant, daß wir anderen unseren Rauch aufzwingen?

svr1900
 
11
10.10.2011, 13:28

Sie haben schon recht, nur ist es nun mal so, dass der Nichtraucher genussvoller lebt. (beispielsweiße kann ein Nichtraucher besser riechen und schmecken). Das kann Ihnen auch jeder Exraucher persönlich bestätigen. Genau das ist ja auch der Inhalt dieser Kampagne.

AlBundyFan
 
14
10.10.2011, 13:16
super ja

eben "leben uns leben lassen" .... das würde aber auch bedeuten, daß NR ein recht darauf haben, dieselben lebensgenüsse zu verfolgen wie R ohne von ihnen daran gehindert zu werden.

es ist immer wieder erstaunlich wie R von ihrer genommenen freiheit quatschen währenddessen sie, ohne nachzudenken, gerne die freiheit von NR einschränken und dies mit einem lakonischen "brauchst ja nicht hingehen" abtun.

Bombayflüchtling
00
10.10.2011, 16:36

Naja, was spräche gegen ausgewiesene Raucherklubs? Wo der Raucher hingehen kann, ohne Nichtraucher zu stören?

IncontinentIceweasel
00
10.10.2011, 12:55
den autofahren und radfahren ist es verboten...

bzw. geboten, sich nicht so zu verhalten.

burniman
12
10.10.2011, 11:39
Wir sind nicht gegen Raucher - wir wollen ihnen helfen

gesetzte die das Rauchen in geschlossenen Räumen verbieten.
Die raucher zu"schützen" in dem man sie nur noch an der frischen luft rauchen lässt ist auch nicht wirklich sinnvoll, glaub der lunge wirds egal sein wo ich mir eine zigarette genehmige. ;-)
Aber mal ehrlich es geht nicht um den schutz der raucher nicht mal um den der armen kellner es geht einzig und allein darum wählerstimmen zu gewinnen und das auf kosten der persöhnlichen freiheit.
Warum sonst wird gerade das rauchen thematisiert obwohl es viel gravierendere gesundheitsprobleme gibt, zb den bewiesernen zusammenhang zwischen phalate (weichmacher) und der zunehmenden unfruchtbarkeit der männlichen bevölkerung (ca25% steigend,nicht ohne ärtzliche hilfe fruchtbar) bedenklich !!!!

i mog ned
00
10.10.2011, 09:06

"Österreich wird oft dafür kritisiert, zu wenig für den Raucherschutz zu unternehmen. Behindern manche Staaten die Pläne der EU?"

BRUHAHA!

der schwitzbär der schwitzt sehr
04
9.10.2011, 23:52
"Wir hoffen, Österreich überzeugen zu können"

Es wäre sehr hübsch, wenn ihr Menschenregulierungsbürokraten AUSNAHMEWEISE mal DIE BÜRGER zu überzeugen versucht

und nicht nur eine kleine Gruppe sogenannter Volks"vertreter"

P.S: mit dummen Stehsätzen wie "Ex Smokers are unstoppable" werdet ihr dabei nicht weit kommen

h 90
02
10.10.2011, 10:59

Doch werden sie.
Es wird einfach scheibchenweise verboten und teurer gemacht. Die Buerger werden nicht gefragt, bzw. wie man regelmaessig am Wahlergebnis sieht sind sie eh zu bloed dafuer etwas zu machen.

purecynicism
05
9.10.2011, 20:57

Wir sind nicht gegen Raucher - wir wollen ihnen helfen aufzuhören.

Und was ist wenn die Raucher nicht aufhören wollen?

h 90
13
10.10.2011, 05:03

Sie reden zu wenig mit solchen Fanatikern sonst wuessten sie, dass die annehmen, dass jeder aufhoeren will, nur die Unwilligen wissen nicht dass sie aufhoeren wollen weil sie suechtig sind.

Die radikalen Nichtraucher (vor allem Exraucher) sind wie eine fanatische Sekte.

alexanderletten
 
30
10.10.2011, 10:05

"Die radikalen Nichtraucher (vor allem Exraucher) sind wie eine fanatische Sekte."
Glaube ich nicht.
Das Mitteilungsbedürfnis ist da schon gegeben hinsichtlich der so eingestandenen Blödheit, jemals geraucht zu haben. Da karikiert der Ex-Raucher sein früheres Laster; er macht sich also auch selbst lächerlich, weil er aus seiner Entwöhnung profitierte.
Das kann sicher etwas radikal rüberkommen, nur ist es auch eine Frage wie man es als Raucher aufnimmt:
Hier kann man dann bei der schroffen Deutung von Erlebnisberichten der neuen Nichtraucher unterschwellig erkennen, dass der Raucher verständlicherweise selbst nie offen zugeben würde, dahingehend blöd zu sein. Sowas kann recht schnell nervig sein.
;-)

h 90
01
10.10.2011, 10:15

Ich sehe eher, dass die Raucher die radikalsten Forderungen stellen und es einfach nicht sehen koennen/wollen dass jemand zufrieden raucht.
Wahrscheinlich eine Nachwirkung der Sucht.

alexanderletten
 
10
10.10.2011, 10:43

Ja, das ist schwierig.
Ein Nicht- oder besser ein Exraucher wird kaum verstehen, wieso ein Raucher von Zufriedenheit spricht, wenn er sein Hobby beschreibt.
Der Raucher empfindet es aber nunmal so.
Wenn jetzt dieses Unverständnis, welches ja aus der eigenen Erfahrung gespeist wird, auch so zur Sprache gebracht wird, reduziert sich schließlich diese Meinungsverschiedenheit auf die persönliche Ebene, selbst wenn der Raucher ggf. sich einen Nachteil durch das Rauchen innerlich eingesteht, weil es etwas Persönliches ist.

Sicher gibt es Raucher, die niemals aufhören wollen(selbst bis die finale Diagnose kommt), es gibt aber sehr viele Raucher, die schon mal aufhören wollten und dies ist indirekt ein Zuspruch zum Ex-Raucher.

h 90
01
10.10.2011, 10:57

Ja das verstehe ich schon und Sie haben natuerlich recht.

Aber warum kann der Exraucher nicht einfach akzeptieren, dass er den Raucher nicht versteht und ihn einfach in Ruhe lassen???

Wenn sich der Raucher umbringen will ist es seine Sache, auch wenns dem Exraucher irr vorkommt.

alexanderletten
 
10
10.10.2011, 11:24
Ich glaube, dass man wirklich unterscheiden muss zwischen Nicht- und Exraucher. Nicht- bzw Nieraucher dürften im Durchschnitt toleranter gegenüber Rauchern sein, da ihnen einfach Vergleiche fehlen.

Exraucher hingegen kennen nicht nur klarerweise beide Seiten, die nehmen das neue rauchfreie Leben bewußter und verstärkt war. Das ist eine Folge des Rauchens!
Geschmack, Geruch, Leistungsfähigkeit, Körpergefühl, Selbstbewußtsein(aus dem Erfolg des Entwöhnens) u.m. wird ganz intensiv, besonders in der noch frischen Zeit als EX-Raucher, erlebt. Das will man einfach der Welt sagen, zeigen; besonders den Rauchern, die das natürlich nicht hören wollen.
So wie : Hurra, ich bin ein besserer Mensch geworden!
Ist er aber überhaupt nicht, weil er nur an die Zeit vor seiner Raucherkarriere anknüpft.
Das knifflige ist also daran, ob der Exraucher es nicht sogar gut meint in seiner radikalen Art zu missionieren.

alexanderletten
 
00
10.10.2011, 11:35
Es ist jetzt der Platz ausgegangen.;-)

Die Missionierung findet ja nur im Kontakt mit Rauch statt und da kommen wir zum leidigen Schema F.

In Ruhe lassen ist in der Gesellschaft schwerlich machbar.
Exraucher, paradoxerweise mit dem Wissen um das Rauchen mit seinen Nachteilen, fordern die Toleranz ihnen gegenüber von den Rauchern.
Raucher wollen ihre Ruhe.
Ist einfach ein Teufelskreis. ;-)
mfg

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