Üppige Kunstkost

7. Oktober 2011, 17:26
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Festessen oder doch eine Henkersmahlzeit? In London ist kommende Woche guter Appetit auf Zeitgenössisches gefragt

Blickt man Richtung Hongkong, dann scheint die Stimmung auf dem internationalen Kunstmarkt vielversprechend. Sofern sich der dort von Sotheby's soeben in zehn Auktionen lukrierte Umsatz von 411 Millionen US-Dollar als Gradmesser eignet. Wer weiß, ob die wirtschaftliche Verunsicherung in Europa nicht womöglich den Appetit auf Kunst zügelt. Eine opulent bestückte Festtafel der Kategorie Zeitgenössische Kunst harrt kommende Woche in London jedenfalls hungriger Gäste. Und nur deren Gout wird darüber entscheiden, ob die Chronisten den Oktober 2011 als Festessen oder Henkersmahlzeit einstufen.

Denn das Angebot ist an der Menge bemessen exorbitant: Die Frieze (13. -16. 10.) vereint allein 170 Teilnehmer aus 33 Ländern und deren Programm, dazu locken unzählige Galerienausstellungen und das wohl stattlichste Auktionsangebot jemals. Neben Christie's, Sotheby's und Phillips de Pury ist erstmals auch Bonhams mit von der Partie: "Contemporary One" nennt sich der mit 20 Kunstwerken bestückte Testlauf (13. 10.), der wenigstens 3,26 Millionen Pfund einspielen soll. Als Zugpferd fungiert der Arte-povera-Star Alighiero Boetti mit der aus 192 kleinen Bleistiftzeichnungen kreierten Patchwork-Arbeit Anno 1984, (1, 2-1,8 Mio. Pfund). Phillips de Pury (12./13. 10.) startet Tags davor und peilt eine 15-Millionen-Bilanz an, wozu etwa Jeff Koons Seal Walrus Trashcams zumindest zwei Milliönchen Pfund beitragen soll - L&M Arts (New York / Los Angeles) hatte bei der Art Basel noch 3,2 Millionen veranschlagt. Die imposanteste Aufstellung der Woche liefert jedoch Sotheby's (13./14. 10.), wo in vier Sitzungen Kunst zum Gegenwert von 49 bis 68 Millionen zur Verteilung gelangt.

Richter in sechs Gängen

Dazu soll die stärkste Italien-Sektion bisher mindestens 16 Millionen beitragen, außerdem lauern im regulären Evening-Sale einige Rekordkandidaten aus der lokalen Kaderschmiede: Angeführt von Lucian Freud, für dessen Kleinformat Boy's Head aus dem Jahr 1952 zumindest drei Millionen Pfund bereitgehalten werden sollten. Einen Gewinn erwartet hingegen der Einbringer von Peter Doigs Schlüsselwerk Bellevarde (1995): 2001 hatte er es bei Christie's in New York für netto umgerechnet 83.400 Pfund erworben, den aktuellen Trennungsschmerz lässt er sich zur Taxe von ein bis 1,5 Millionen versüßen.

Sollten Sammler und Kuratoren angesichts der diese Woche in der Londoner Tate Modern eröffneten Richter-Retrospektive (bis 8. 1. 2012) leichtes Magenknurren verspüren, wartet bei Christie's (14./15. 10.) eine sechsgängige Menüfolge. Zur Hauptspeise reicht man Die Kerze (sechs bis neun Mio. Pfund), eines der erfolgreichsten Motive des bald 80-Jährigen. Insgesamt suchen in der King Street mehr als 300 Werke zum Gegenwert von etwa 50 Millionen Pfund einen neuen Besitzer. (kron, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 8./9. Oktober 2011)

 

  • Peter Doigs "Bellevarde" aus dem Jahr 1995 gilt als Schlüsselwerk seiner
 Winterlandschaften.
    foto: sotheby's

    Peter Doigs "Bellevarde" aus dem Jahr 1995 gilt als Schlüsselwerk seiner Winterlandschaften.

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