Auf den Salat gekommen

7. Oktober 2011, 16:57
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Man könnte glauben, dass Entrepreneurs nur in der Technologiebranche daheim sind - Aber einer aus Toronto zeigt, dass auch Gastronomie ein lohnendes Feld ist

Andere Twentysomethings gründen Technologieunternehmen, wie der Student Mark Zuckerberg, der 2004 Facebook gründete und heute Mitglied des Forbes-Milliardärsklubs ist. Oder der Österreicher Roman Scharf, der 2005 mit Daniel Mattes den Internet-Telefoniedienst Jajah entwickelte und ein paar Jahre später um 200 Millionen Dollar an Telefónica verkaufte. Oder die Brüder Fabian und Ferry Heilemann, die das Schnäppchenportal DailyDeal hochzogen, das sie vor ein paar Wochen an Google verklopften.

Aber ein Jungunternehmer, der 23-jährig ein Fastfood-Lokal namens "Lettuce" (Salat) gründet und daraus das nächste Starbucks für "Fresh Fastfood" machen will? Eben mit dem AUA-Flug aus Toronto angekommen, geht Matthew Corrin an einem Vormittag im September mit Andreas Kotal, dem örtlichen Franchise-Partner, Details seiner jüngsten Eröffnung in der Wiener Herrengasse durch. "Die Bilder auf den Menüs über der Theke sind für uns neu, das wollen wir auch in anderen Lokalen versuchen", sagt Corrin im Gespräch mit dem Standard.

Mit Restaurants hatte Corrin nichts am Hut, als er nach einem Studium in Media Relations an der University of Western Ontario als Assistent bei Modedesigner Oscar de la Renta anheuerte. Das tägliche Anstellen beim traditionellen New Yorker Deli brachte die Inspiration, dass es ansprechendere, gesündere Mittagsmahle für Büromenschen geben müsste. Während seiner Arbeitspausen wälzte er in einem Starbucks Pläne für ein eigenes Restaurant: "Ich wollte dem Geschäft mit frischen Nahrungsmitteln etwas Zauber verleihen", beschreibt er seine Ambitionen.

Learning by Doing

Mit 250.000 Dollar von den Eltern und Kleinkrediten eröffnete er schließlich 2005 "Lettuce", sein erstes Lokal in einem belebten Geschäftsviertel in Toronto. Salate, Wraps, Burritos - frisch zubereitetes Fastfood. "Meine Lernkurve war enorm", sagt Corrin, die erste Zeit als Lokalmanager sei sein Schnellsiedekurs als Gastwirt gewesen. "Am ersten Tag ging uns der Salat aus, dann schnitt sich der Küchenchef die Fingerkuppe ab, und sein Souschef fiel in Ohnmacht, als er das Blut sah. Zweimal sind wir ausgeraubt worden. Eine Kundin, die angeblich einen Käfer in ihrem Salat fand, drohte uns zu verklagen."

In den ersten sechs Monaten habe er so den Betrieb von der Pike auf gelernt, "es ist ja nicht gerade Raketenwissenschaft". Gab es damals bereits den Plan, eine internationale Kette hochzuziehen? "Von Anfang an hatte ich im Hinterkopf, mehrere Lokale zu betreiben, aber es gab sicherlich keinen Geschäftsplan, der vorsah dass wir heuer nach Wien und Dubai gehen", beschreibt Corrin. "Die Eröffnung unseres zweiten Ladens war hundertprozentiges Wachstum, ein Riesenschritt. Sobald man sich auf mehrere Geschäfte ausdehnt, muss man als Entrepreneur seine Rolle neu definieren und nicht mehr ein Lokal, sondern ein Team managen."

Die Fähigkeit dazu musste sich Corrin selbst erarbeiten. "An der Uni bin ich in den Betriebswirtschaftskursen durchgefallen. Ich verstand das einfach nicht, und es war mir zu stressig", erzählt er. "Sicher braucht man für dieses Geschäft auch Kreativität, Augenmaß, Streetsmarts. Vor allem habe ich aber in den ersten Jahren alle Geschäftsberichte börsennotierter Restaurantketten studiert, bei Earning-Calls zugehört und eine Tonne öffentlich zugänglicher Geschäftsdokumente durchgeackert. Das war meine Business-School." Seine Jugend habe dabei geholfen: "Es ist schwieriger, Information und Unterstützung zu bekommen, wenn man älter ist."

Als Lettuce 2007 in den USA expandierte, kam es zum Rebranding: "Wer bestellt schon Frühstück in einem Lokal, das ,Salat' heißt?" Auch hier diente die Erfahrung anderer Betreiber als Vorlage: "Subway hieß ursprünglich Pete's Submarine Shop, was schnell ausgesprochen wie Pizza klingt." 2008 wurde mithilfe einer Agentur "freshii" aus der Taufe gehoben. Derzeit wird im Schnitt ein neues Lokal pro Woche eröffnet, Anfang 2012 soll es 100 freshii in vier Ländern geben (Kanada, USA, Dubai, Österreich). Zwei weitere kommen bald dazu - welche, will Corrin nicht verraten, aber Zürich stand nach Wien auf seinem Flugplan.

Auch sechs Jahre nach der ersten Lokaleröffnung bleibt vieles Learning by Doing, wenn auch mit höherem Einsatz. "Wir geben gerade eine Viertelmillion Dollar dafür aus, dass sehr prominente Chefs des San Francisco Culinary Institute unser Menü analysieren und Verbesserungsvorschläge machen", beschreibt er.

Um rasch expandieren zu können, setzte er auf Franchising. Drei Viertel der Lokale werden von Franchisepartnern betrieben, ein Viertel von Corrin. "Das bringt uns die Betriebserfahrung, damit wir bei unseren Partnern glaubwürdig sind, und den nötigen Cashflow für die weitere Expansion." 50 Millionen Dollar setzt der Konzern inzwischen um, jedes neue Lokal würde etwa eine Dreiviertelmillion zum Umsatz beitragen. Seit zwei Jahren sei er profitabel, "aber das hängt auch von unserem Expansionstempo ab." Corrin hält die Mehrheit am Unternehmen, derzeit prüft er Investoren für die weitere Expansion an Bord zu nehmen. Börsengang? "Ein reizvoller Exit, der uns auch viel Good Will bringen würde."

Tut es ihm leid, dass er "nur" in der Gastronomie und nicht im Technologiebusiness Unternehmer ist? Corrin lacht. "Mein jüngerer Bruder macht auf Tech, ich bin einer seiner Investoren. Also werde ich es so oder so schaffen."  (Helmut Spudich, DER STANDARD, Printausgabe, 8./9.10.2011)

  • Von ungesundem Essen beim New Yorker Deli dazu inspiriert, eine Kette 
mit frischem Fastfood zu gründen: CEO Matthew Corrin. Das Geschäft 
lernte der PR-Profi als Manager des eigenen Lokals: "Am ersten Tag ging 
der Salat aus, dann schnitt sich der Küchenchef die Fingerkuppe ab."
    foto: www.corn.at

    Von ungesundem Essen beim New Yorker Deli dazu inspiriert, eine Kette mit frischem Fastfood zu gründen: CEO Matthew Corrin. Das Geschäft lernte der PR-Profi als Manager des eigenen Lokals: "Am ersten Tag ging der Salat aus, dann schnitt sich der Küchenchef die Fingerkuppe ab."

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