Gewerkschaft 2.0

Interessenvertretung im Internet

Gastkommentar | 7. Oktober 2011, 10:32

Immer mehr Menschen verdienen ihren Lebensunterhalt im Internet, „klassische" Arbeitnehmer sind kaum darunter. Gerade im Netz gibt es jedoch auch Chancen für eine neue Repräsentationsform dieser Menschen - Von Frank Kleemann

Das Internet hat ein hohes innovatives Potenzial, neue soziale Praxen hervorzubringen. Eine Basisinnovation der letzten Dekade wird mit dem Schlagwort "Web 2.0" bezeichnet - Internetanwendungen, bei denen Nutzer selbst aktiv Content produzieren können. Das hat zunächst sehr viel mit Freizeitaktivitäten der Nutzer zu tun - und anscheinend sehr wenig mit Arbeit und Fragen gewerkschaftlicher Interessenvertretung. Doch die Internetaktivitäten der User schaffen auch Gebrauchswerte, und internetbezogene Dienste aller Art können kommerzialisiert werden, also zur Erwerbsarbeit mutieren.

Neue Arbeitsformen, neue Freiberufler

Erwerbsmöglichkeiten im Internet entstehen auf unterschiedlichen Wegen: So entstehen neue, speziell auf Internetanwendungen bezogene Services, die kommerziell angeboten werden. Die Anbieter machen also ihr Hobby zum Beruf. Oder es werden Offline-Dienste via Internet in neuer Form erbracht, sei es als E-Commerce oder in Design- oder Problemlösungswettbewerben. In jedem Fall handelt es sich überwiegend um freiberufliche und häufig um prekäre Arbeitsformen. Klassische "Arbeitnehmer" finden sich hier kaum. Gewerkschaften dürften es schwer haben, eine solche auf Selbstvertretung orientierte Klientel im üblichen Sinne zu "vertreten".

Eigene Forschungen zu bezahlten und unbezahlten Arbeitsleistungen im Internet zeigen allerdings deutlich: Erwerbstätige haben ebenso wie User, die unbezahlt an gemeinsamen Projekten im Internet mitarbeiten, einen quasi natürlichen Drang, gemeinsam eigene Interessen zu vertreten, wenn sie diese verletzt sehen. Dies wird durch die offenen Assoziations- und Vernetzungsmöglichkeiten des Internets auf neue Weise ermöglicht: Akteure mit gemeinsamen Interessen schließen sich zusammen und nutzen die Kommunikationsstrukturen des Internets kreativ für die Mobilisierung von öffentlichem Protest. Allerdings erfolgt dieser Protest selbstorganisiert und ohne institutionelle Verankerung. Er ist unmittelbar abhängig vom konkreten Engagement der Betroffenen und von ihrer jeweiligen Mobilisierungs- und Durchsetzungsfähigkeit.

Hier können Gewerkschaften auf zweierlei Weise anknüpfen: Sie sind Experten für die Gestaltung guter Arbeitsbedingungen. Sie können daher Maßstäbe für gute Arbeit auch jenseits betrieblicher Normalarbeit benennen und Unterstützungsangebote auch für "Internet-Arbeiter" machen. Und sie haben die nötige Expertise zu klären, welchen institutionellen Regulierungsbedarf neue internetbasierte Erwerbsformen hervorbringen und wie dieser realisiert werden kann.

Neue kollektive Öffentlichkeit

Insgesamt wird es für die Gewerkschaften zunehmend wichtig, nicht nur Interessenvertretung für regulär abhängig Beschäftigte zu betreiben, sondern sich kritisch mit Entwicklungen der Arbeitswelt auch jenseits dessen auseinander zu setzen. Es gilt Einfluss zu nehmen auf die Gestaltung von Erwerbstätigkeiten aller Art nach den Kriterien "guter Arbeit". Der gleichnamige DGB-Index von 2008 dokumentiert, dass die Gewerkschaften diesen Weg bereits eingeschlagen haben.

Und was die Gewerkschaften möglicherweise von den neuen Selbstvertretungsformen lernen können: systematisches und kreatives Campaigning via Internet. Denn das Web 2.0 ermöglicht die Schaffung neuer kollektiver Öffentlichkeiten, die einzelnen Betrieben und ganzen Branchen unmittelbar gegenüber treten können. Das kann ein machtvoller Hebel sein, konkrete Arbeitnehmerinteressen zu artikulieren und durchzusetzen. (Frank Kleemann, derStandard.at, 7.10.2011)

Autor

Frank Kleemann, The European, ist promovierter Arbeits- und Industriesoziologe. Er arbeitet am Institut für Soziologie der TU Chemnitz und am Institut Arbeit und Gesellschaft, Chemnitz und München. Schwerpunkte seiner Forschungen sind gesellschaftliche Prozesse des Wandels der Arbeit.

somussesnichtsein
00
9.10.2011, 09:19
solange die gewerkschaften

keinerlei demokratische strukturen haben wird sich da nichts verbessern.

die gegenseitige förderung auf diverse posten unter freunden ist zum kotzen!

Herzerzog Johann
12
8.10.2011, 14:04
So lange die Gewerkschaften ...

... jeden Selbstständigen als bösen Klassenfeind ausmachen, wird das nicht klappen.

Gobi Todic
00
9.10.2011, 11:27

solange epus und kleinunternehmer denken sie gehören zum wirtschaftskammer-övp-industriellenvereinigungs mittelstand und die sozis wollen nur neue steuern wird sich für die nichts ändern.

"individuell und als eigener chef" in den konkurs.

krokokater
 
01
7.10.2011, 20:08
Die GPA-DJP versucht das schon seit längerem....

http://www.gpa-djp.at/servlet/C... ex&n=GPA_4

Schwedenbombe
 
10
7.10.2011, 17:04
Kein wunder

Das die Gewerkschaften neue einnahmequellen suchen, wenn ihnen die Beiträge seit Jahren nur so dahin schmelzen

leser 4712
00
7.10.2011, 15:40
bitte nicht

wenn die anfangen und einfluss nehmen möchten, ist das ergebnis wie im ams-trainingsbereich. wirklich selbstständig bleibende werden ausgeschlossen (erlaubte diskriminierung) und die, die angst haben zu gehen werden "fürstlich" entlohnt. (kv und nicht mehr, einstufung wie berufsanfänger und wartefrist, jedoch max. einstufung - 4 jahre praxis. fürstliche gehälter bei erzwungener teilzeitbeschäftigung und 1200 netto im sackerl, damit der anreiz für eine zweitbeschäftigung gegeben ist...)
danke: nein!

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