Auch Chirurgen brauchen Pausen

  • Die Arbeit eines Chirurgen verlangt viel Ausdauer und Präzision.
    foto: apa/matthias rietschel

    Die Arbeit eines Chirurgen verlangt viel Ausdauer und Präzision.

Kurze Unterbrechungen während Operationen mindern Stress und erhalten Leistungsfähigkeit der Ärzte - Fehlerquote sinkt

Pausen sind ein probates Mittel gegen Erschöpfung bei andauernden anstrengenden Tätigkeiten. In zahlreichen Berufen, vom Fluglotsen bis zum Call Center Agenten, werden regelmäßige Kurzpausen bereits praktiziert. In der Chirurgie waren Pausen während einer Operation bislang kein Thema. Dabei zahlen sich kurze Auszeiten gerade bei langen und schwierigen Eingriffen aus: Chirurgen haben weniger Stress, sind leistungsfähiger und machen weniger Fehler. Das ist das Ergebnis einer Studie der Klinik für Kinderchirurgie an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Durch die Pausen verlängert sich die Operationszeit insgesamt nicht. Das OP-Team bleibt während der Kurzpausen im Operationssaal bei dem Patienten, lässt für einen Augenblick die Arbeit ruhen, um dann wieder konzentriert fortzufahren.

Hohe Anforderungen

Die Möglichkeiten der modernen Video-Chirurgie haben die Anforderungen an Operateure stark verändert. „Für unsere Arbeit sind nicht nur Ausdauer und Präzision erforderlich, wir müssen enorme kognitive Leistungen erbringen", erklärt Benno Ure, Direktor der MHH-Klinik für Kinderchirurgie. Die Chirurgen sehen auf dem Monitor zweidimensionale vergrößerte Bilder und müssen sie in eine dreidimensionale Handlung umsetzen. Das erfordert höchste Konzentration und ist äußerst anstrengend. Sind solche operativen Eingriffe schwierig, tritt schnell eine Ermüdung ein. „Wenn für eine Naht 20 Knoten erforderlich sind, macht sich schon nach dem zehnten Knoten eine gewisse Erschöpfung bemerkbar", gibt der Kinderchirurg Carsten Engelmann ein Beispiel. „Nach einer Vier-Stunden-OP sind Chirurgen normalerweise fertig." Auf die Idee mit der Studie kam das Chirurgen-Team durch ein Pausenschema in der professionellen Bergsteigerei. Hier sind regelmäßige Pausen in schwierigen Phasen ein Mittel, um die Leistungsfähigkeit auf Dauer zu halten.

25 zu fünf

Die MHH-Studie bezieht sich auf rund 60 komplexe laparoskopische Operationen bei Kindern. Dabei handelt es sich um minimalinvasive Eingriffe in der Bauchhöhle, bei denen der Chirurg nur zwei bis drei kleine Schnitte macht, ein Spezialendoskop einführt und via Monitor (Schlüsselloch-Technik) operiert. Engelmann und seine Kollegen wollten herausfinden, welche Auswirkungen Pausen während solcher Operationen auf Chirurgen haben. Für die Studie wählten die Mediziner ein Pausenschema von 25 zu fünf, das heißt, alle 25 Minuten legte das OP-Team eine fünfminütige Auszeit ein. Die Kontrollgruppe bildeten herkömmliche Operationen ohne Pausen. Untersucht wurden verschiedene Parameter. Dazu gehörte unter anderem der Ausstoß der Stresshormone Cortison, Adrenalin und Testosteron. Außerdem mussten sich die Chirurgen jeweils vor und nach der OP Konzentrations- und Leistungstests unterziehen und Aussagen darüber machen, wie sie selbst ihre Leistungsfähigkeit und Müdigkeit einschätzen. Während der OP wurde zudem ihre Herzfrequenz aufgezeichnet.

Weniger Stresshormone

„Von der Studie waren einige Kollegen anfangs gar nicht begeistert", erinnert sich Engelmann. „Wahrscheinlich passen Pausen nicht zu ihrem Selbstverständnis", vermutet er. Es herrsche immer noch das Bild des Chirurgen vor, der nie müde wird, immer weiter macht und durchhält bis die OP beendet ist. Die Studie zeigt jedoch, dass kurze Unterbrechungen durchweg positive Auswirkungen haben: Chirurgen, die Pausen machen, schütten deutlich weniger Stresshormone aus, die Menge an Kortison beispielsweise ist um 22 Prozent geringer als bei denen, die auf Pausen verzichten. Auch die Leistungsfähigkeit bleibt erhalten.

Dem entspricht auch der Eindruck, den die Operateure von sich selbst haben. Sie gaben an, dass sie sich nach einer OP weniger müde fühlen, wenn sie während des Eingriffs kurze Pausen gemacht haben. Auf eine gleichbleibende Leistungsfähigkeit weist darüber hinaus die ausgeglichene Herzfrequenz hin, die bei den pausierenden Chirurgen gemessen wurde. Operateure, die ihre Arbeit regelmäßig unterbrechen, machen außerdem weniger Fehler. Die Fehleranfälligkeit ist dreimal geringer als bei Kollegen, die „durchoperieren".

Trotz der anfänglichen Skepsis unter den Kollegen hat sich das Kurzpausenschema in der Kinderchirurgie der MHH weitgehend durchgesetzt. „Bei allen operativen Eingriffen, die voraussichtlich länger als eine Stunde dauern, werden Pausen eingelegt", sagt Professor Ure. Leistungsfähigere Chirurgen und eine geringere Fehleranfälligkeit sind natürlich auch gute Nachrichten für die Patienten. Ob die intraoperativen Pausen auch direkte Auswirkungen auf die Patienten haben, will das Team der Kinderchirurgie jetzt in einer weiteren Studie herausfinden. (red)

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11 Postings
ich kenne einen Chirurgen, stark Kurzsichtig

der hat beidäugig einen Visus von 0,5 - mit Vollkorrektion wohlgemerkt. Diese jedoch trägt er nicht, die alte Brille würde genügen, meint er.

Mein Verdacht ist, er möchte nicht, daß seine hochgradige Myopie publik wird. Gibt es eine Stelle, wo man sowas melden kann damit der Sache nachgegangen wird? Mir tun seine Patienten leid und ich befürchte Schlimmes..

am besten einfach bei der Spitalsverwaltung melden -> Ärztliche Direktion

Neue Studie belegt: Ärzte sind auch nur Menschen!

Aber ernsthaft: Ich hoffe diese Studie ist ein Schritt in die richtige Richtung.
Immerhin sind 36 oder gar 48 (Wochenende)- Stunden Dienste bei Ärzten keine Seltenheit.
Die menschliche Leistungsfähigkeit wird dabei nicht berücksichtigt - auf Kosten der Patientengesundheit aber auch auf jene der Ärzte.

alle im krankenhaus beschäftigten sind menschen.

http://www.gesundheitskampagne.at/wiener-appell.html
bitte diesen appel der gewerkschaft der öffentlich im gesundheitsbereich beschäftigten studieren, und, wer mag, bitte solidarisieren.
auch das pflegepersonal pfeift ausm letzten loch, langzeitkrankenstände werden auf stationen einfach nicht nachbesetzt, die fluktuation ist in dem sektor so hoch wie sonst nirgends, immer mehr pendler aus östlichen eustaaten sind notwendig um derartige arbeitsbedingungen erst zu ermöglichen und machen auf lange sicht keinen sinn weils ebenfalls "nur" menschen sind, die daran ausbrennen. aber gut. baun wir lieber neue krankenhäuser und machen die alten zu. sehr clever, vielen dank auch. pflege geschieht am bett. danke für die mediale berichterstattung ;)

na ned

na-na

Tolle Erkenntnis!

Für Ärzte gelten also die gleichen Erkenntnisse, wie für alle anderen Menschen. Offensichtlich leben sie doch nicht in einem Paralleluniversum.

Da sowohl viele Ärzte und auch viele Patienten immer noch an dieses Paralleluniversum glauben,

sind solche Studien sehr wichtig.
Wenn man drüber nachdenkt, sind sie natürlich "na ned na" - Erkenntnisse, aber die Leute müssen erst mal dazu gebracht werden, nachzudenken.

Ich glaube, es sind weder Ärzte noch Patienten,

die an diese Märchen glauben. Es sind v. a. die Krankenhausbetreiber, die die Ärzte wie Zitronen auspressen wollen. Nach dem Motto: "Wer rastet, der kostet!" In der Regel entsteht der Großteil an erlebtem Stress nicht aus eigenem Unvermögen, sondern organisatorischen Idiotien. Wie in jedem anderen Unternehmen auch.

5 min rauchpause

Kaffeeklatsch

und ein Espresso, besser zwei kleine aufgeteilt auf zwei Pausen

ein Kaffee, eine tschick und ein schnapserl gegens Zittern, loool

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