Insekten können echte Kavaliere sein

6. Oktober 2011, 20:11
31 Postings

Wer hätte gedacht, dass sich in der Wiese tagtäglich heroische Liebesdramen abspielen? Feldgrillen sind nämlich bereit, ihr eigenes Leben zum Wohle ihrer Liebsten zu opfern

Exeter/Wien - Was Leo DiCaprio in Titanic heroisch vorexerzierte, das gehört auch zum Verhaltensrepertoire normaler Feldgrillen: Die Insekten beschützen nach vollzogenem Sex selbstlos ihre Weibchen und sind dabei auch bereit, ihr eigenes Leben dafür zu geben, wie Biologen der britischen Universität Exeter herausgefunden haben.

Dass Feldgrillenmännchen ihre Weibchen nach der Paarung nicht sofort verlassen, war der Wissenschaft seit langem bekannt. Bisher wurde dieses Verhalten aber als Akt der Aggressivität und als Selbstzweck interpretiert: Man vermutete, dass dadurch die Partnerinnen abgehalten werden sollten, sich gleich wieder ein anderes Männchen zu suchen.

Das Forscherteam um Rolando Rodríguez-Munoz wollte es genau wissen und hat im nördlichen Spanien Feldgrillen (Gryllus campestris) über mehrere Brutzeiten hinweg beobachtet. Den Tieren wurden Rückenschildchen mit Nummern angeklebt. Außerdem entnahmen die Forscher jeder Grille ein winziges Gewebestück für eine DNA-Analyse. Mit Kameras und Mikrofonen wurde erfasst, welche Grille sich mit welchem Partner gepaart hatte und wie lange die Pärchen zusammenblieben. Registriert wurde auch, welche Männchen miteinander um Weibchen kämpften und wie lange die Männchen zur Balz zirpten.

Die Analyse von über 200.000 Stunden Videomaterial zeigte, dass es kein aggressives Verhalten der Männchen gegenüber ihren Weibchen gab. Im Gegenteil: Bei Gefahr - etwa wegen eines angreifenden Vogels - ließen sie ihre Liebsten zuerst in den Bau flüchten, auch wenn sie damit ihr eigenes Leben aufs Spiel setzten. Normalerweise werden männliche und weibliche Grillen gleich oft gefressen. In Beziehungen dagegen werden die Männchen entsprechend öfter Opfer von Räubern, wie die Forscher in Current Biology schreiben.

Ritterliche Insekten (Quelle: YouTube)

Das ritterliche Verhalten ist indes nicht rein altruistisch: Die Männchen nähmen die erhöhte Lebensgefahr für eine deutlich erhöhte Fortpflanzungsrate in Kauf. "Selbst wenn das Männchen stirbt, trägt das Weibchen die von ihm befruchteten Eier aus und sichert so das Weiterleben seiner DNA", so Rodríguez-Munoz.

Die Studie gebe einen Einblick in die natürliche Auslese, schreiben die Forscher. Die Verhaltensmuster könnten wahrscheinlich auch auf andere Insektenarten angewandt werden. "Vielleicht werden die Weibchen gar nicht so sehr herumkommandiert wie wir immer gedacht haben", so Tregenza. (tasch/red/DER STANDARD, Printausgabe, 4.10.2011)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Schau mir in die Augen, Kleines: Wenn es sein muss, geben männliche Grillen ihr Leben für das Überleben ihres Weibchens.

  • Tatort Grillenloch: Die Reste eines männlichen Tiers, das sich für das Weibchen opferte.
    foto: university of exeter

    Tatort Grillenloch: Die Reste eines männlichen Tiers, das sich für das Weibchen opferte.

Share if you care.