Fachleute lehnen Preissenkungen bei Wiener Öffis ab

6. Oktober 2011, 19:20
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Wissenschafter warnen vor Qualitätsverlust und sehen kaum Neukundenpotenzial durch Verbilligungen

Wien - Die rot-grüne Stadtregierung will in den nächsten Tagen eine Tarifreform der Wiener Öffis präsentieren. Angestrebt wird eine Verbilligung der Jahreskarte - ein Ziel, das vor allem von den Grünen verfolgt wird. Wissenschafter und Verkehrsexperten sehen allerdings keinen Bedarf für günstigere Tickets. Im Gegenteil: Durch Preissenkungen würden sich kaum Neukunden gewinnen lassen, dem öffentlichen Verkehr könnten durch den Mittelentzug und damit einhergehenden, drohenden Qualitätseinbußen gar Passagiere verloren gehen, so der Tenor in einer Veranstaltung am späten Donnerstagnachmittag.

Stefan Weigele vom Beratungsunternehmen "civity Management Consultants" sah "keinen Bedarf für eine große Tarifreform" in der Bundeshauptstadt. Ein Vergleich zwischen Städten aus Österreich, Deutschland und der Schweiz zeige, dass die Wiener Ticketpreise sowohl im Kurzzeit- als auch im Dauerkartensegment deutlich unter dem Durchschnitt lägen - bei Monatskarten etwa um 21 Prozent.

"Spielraum für Erhöhungen"

Zudem hielten die Wiener selbst die Tarife überwiegend für günstig bzw. angemessen, vor allem im Vergleich zum Auto. Laut Umfrage aus dem Jahr 2009 würden die Einwohner größtenteils sogar einen Öffi-Jahreskartenpreis von 500 Euro (derzeit 449 Euro, Anm.) akzeptieren: "Hier gibt es also Spielraum für Erhöhungen." Angedachte Verbilligungen in diesem Bereich hätten rund 35 Mio. Euro an jährlichen Mehrkosten zur Folge. Gleichzeitig führen Weigele zufolge Preissenkungen "nicht zu den gewünschten Fahrgastzuwächsen". Hier könne man nur über andere Maßnahmen wie Parkraumbewirtschaftung und Citymaut etwas bewirken.

In eine ähnliche Kerbe schlug auch Sebastian Kummer von der Österreichischen Verkehrswissenschaftlichen Gesellschaft (ÖVG), die zur Veranstaltung lud. "Eine Preissenkung würde nicht viel mehr Nachfrage generieren", so sein Fazit. Denn der Öffi-Anteil am Gesamtverkehrsaufkommen sei bereits jetzt äußerst hoch.

Seine Empfehlung: Statt über Preise sollte man über eine Differenzierung des Angebots reden, um noch bestimmte Zielgruppen ansprechen zu können. Beispiele wären etwa ein "Winterabo", wo fünf Monate zum halben Preis der Jahreskarte zu haben sein würden, oder Angebote an Unternehmen, um Tickets für ihre Mitarbeiter zu stützen.

Qualitätsverlust

TU-Professor Hermann Knoflacher, der auch Leiter des Fahrgastbeirats der Wiener Linien ist, sprach sich ebenso gegen günstigere Jahreskarten aus. Es sei nämlich ein Qualitätsverlust infolge von Einnahmensverlusten zu befürchten. Allerdings seien Pünktlichkeit und Infosysteme wesentlich einflussreicher als Modifizierungen bei den Tarifhöhen. Ein Bedürfnis nach Vergünstigung gibt es zudem offenbar auch seitens der Kunden nicht, denn der Fahrgastbeirat habe in den acht Jahren seines Bestehens so gut wie keine diesbezügliche Beschwerde bekommen.

Viel entscheidender für den Modal Split seien andere Faktoren, da interne Preisumschichten Benachteiligungen des Öffi- gegenüber dem Autoverkehr nicht beseitigen könnten. Knoflacher plädierte deshalb für eine Anhebung der Parkgebühr auf 2,50 Euro pro Stunde. Damit bringe man Autos von der Straße weg. Denn die Gestaltung der Umgebung habe wesentlichen Einfluss auf das Mobilitätsverhalten. So legen Studien nahe, dass Menschen dann deutlich höhere Bereitschaft zeigen, zu Fuß bzw. zur nächsten Haltestelle zu gehen, wenn das Parken vor der eigenen Haustüre unattraktiver werde.

Unterdurchschnittliche Ticketpreise

Wiener-Linien-Geschäftsführerin Alexandra Reinagl wünschte sich einmal mehr eine Erhöhung der Tarife, um damit das Angebot und die Qualität ausbauen zu können. Außerdem habe man bereits jetzt bei unterdurchschnittlichen Ticketpreisen einen überdurchschnittlichen Eigendeckungsgrad von 66 Prozent. Nachsatz: "Bis dato - aber das kann man natürlich auch ändern", so ihr Seitenhieb auf die von der Politik forcierten Vergünstigungen.

Apropos Politik: Zur knapp dreistündigen Veranstaltung mit dem Titel "Tarife im öffentlichen Stadtverkehr" waren auch SPÖ-Verkehrssprecher Karlheinz Hora und sein grünes Pendant Rüdiger Maresch angekündigt. Beide sagten ihre Teilnahme allerdings kurzfristig ab. (APA)

 

  • Experten halten Erhöhung der Ticketpreise für die Öffis in Wien für sinnvoller.
    foto: derstandard.at/blei

    Experten halten Erhöhung der Ticketpreise für die Öffis in Wien für sinnvoller.

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