Adieu, du altes Leben

6. Oktober 2011, 18:59
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Wer will schon für den Rest seines Lebens in eine "Oase der Ruhe"!? Eben. - "Jackpot" zeigt, wie frei man sein könnte.

Pürbach/NÖ - Als "Friedhofsdeserteure" bezeichnen sie sich selbst sarkastisch: die drei Altenheimbewohner aus René Freunds Stück Jackpot oder die verkaufte Großmutter (nach einer Idee von Theaterleiter Harald Gugenberger). Und in ihrer zunächst tristen Lage haben sie Grund genug zum Ätzen: Ohne Krücken tragen die Beine nicht mehr, der einzige Mann hier ist wortkarg bis stumm, und Hermine, eine vitale ältere Dame mit Grips (Gertrud Roll), fällt der Gier ihrer Kinder zum Opfer: Aus ihrer eigenen Villa haben sie sie hinauskomplimentiert und ihre Koffer hastig neben dem Wasserspender im Foyer der Seniorenresidenz abgestellt (Bühne: Helfried Laukner). Doch Hermine hat einen Plan.

In Jackpot entwirft René Freund eine Frauenfigur, die, ohne zum Typus einer wilden Alten zu verkommen, das ihr fremdverordnete Leben mit Raffinesse und Eleganz abstreift. Das enthält subversives Potenzial, ohne kitschig zu werden, auch wenn die Storyline es zunächst so vermuten lässt: Die (scheinbare) Gewinnsumme bei einem Lottospiel münzt Hermine mit ihrer Peergroup (u. a. Johanna Lindinger) in eine Reise zum Nordlicht um. Ein alter Bus wird in Eigenregie flottgemacht, das trainiert die maroden Beine und macht sogar den stummen Prinzen (Klaus Pervulesko) redend.

Zusätzlich wird der korrupte Heimleiter (Daniel Pascal) überführt, wird eine serbische Pflegerin (Nevena Lukic) unter Einsatz unzähliger politisch unkorrekter Zuspitzungen mit dem Enkel (Sebastian Mock) verbandelt und wird Frieden mit der Familie (Gisela Salcher, Walter Ludwig) geschlossen.

Regisseur Hanspeter Horner setzt ein lebhaftes, aber nie übersteuertes Spiel in Gang, das mit (auch) atemberaubenden Manövern die Perspektive aus einer ganz klassischen Lebenssituation hinaus weitet. - Und das inklusive des Theaterautomobils des Jahres.  (Margarete Affenzeller  / DER STANDARD, Printausgabe, 7.10.2011)

Bis 10. 12.

  • Sieht aus wie Fadesse im Altenheim - und sie ist es auch. Doch Oma 
Hermine (re.) hat einen Plan.
    foto: hartl-gobl

    Sieht aus wie Fadesse im Altenheim - und sie ist es auch. Doch Oma Hermine (re.) hat einen Plan.

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