Wer will schon für den Rest seines Lebens in eine "Oase der Ruhe"!? Eben. - "Jackpot" zeigt, wie frei man sein könnte.
Pürbach/NÖ - Als "Friedhofsdeserteure" bezeichnen sie sich selbst
sarkastisch: die drei Altenheimbewohner aus René Freunds Stück Jackpot
oder die verkaufte Großmutter (nach einer Idee von Theaterleiter
Harald
Gugenberger). Und in ihrer zunächst tristen Lage haben sie Grund genug
zum Ätzen: Ohne Krücken tragen die Beine nicht mehr, der einzige Mann
hier ist wortkarg bis stumm, und Hermine, eine vitale ältere Dame mit
Grips (Gertrud Roll), fällt der Gier ihrer Kinder zum Opfer: Aus ihrer
eigenen Villa haben sie sie hinauskomplimentiert und ihre Koffer hastig
neben dem Wasserspender im Foyer der Seniorenresidenz abgestellt (Bühne:
Helfried Laukner). Doch Hermine hat einen Plan.
In Jackpot entwirft René Freund eine Frauenfigur, die, ohne
zum Typus
einer wilden Alten zu verkommen, das ihr fremdverordnete Leben mit
Raffinesse und Eleganz abstreift. Das enthält subversives Potenzial,
ohne kitschig zu werden, auch wenn die Storyline es zunächst so vermuten
lässt: Die (scheinbare) Gewinnsumme bei einem Lottospiel münzt Hermine
mit ihrer Peergroup (u. a. Johanna Lindinger) in eine Reise zum
Nordlicht um. Ein alter Bus wird in Eigenregie flottgemacht, das
trainiert die maroden Beine und macht sogar den stummen Prinzen (Klaus
Pervulesko) redend.
Zusätzlich wird der korrupte Heimleiter (Daniel Pascal) überführt,
wird
eine serbische Pflegerin (Nevena Lukic) unter Einsatz unzähliger
politisch unkorrekter Zuspitzungen mit dem Enkel (Sebastian Mock)
verbandelt und wird Frieden mit der Familie (Gisela Salcher, Walter
Ludwig) geschlossen.
Regisseur Hanspeter Horner setzt ein lebhaftes, aber nie
übersteuertes
Spiel in Gang, das mit (auch) atemberaubenden Manövern die Perspektive
aus einer ganz klassischen Lebenssituation hinaus weitet. - Und das
inklusive des Theaterautomobils des Jahres. (Margarete Affenzeller / DER STANDARD, Printausgabe, 7.10.2011)