Nach verblüffenden Messergebnissen beim OPERA-Projekt waren Forscher mit zahlreichen Vorwürfen konfrontiert
Genf - Vor etwa zwei Wochen wurden weltweit Fachleute und Laien gleichermaßen durch das spektakuläre Messergebnis eines CERN-Experiments in helle Aufregung versetzt: Im Rahmen des OPERA-Projekts hatten die Wissenschafter Neutrinos beobachtet, die sich um 0,025 Promille schneller bewegt hatten als das Licht - ein glatter Widerspruch zu Einsteins Relativitätstheorie. Seither müssen sich die beteiligen Forscher mit Kritiken von mehreren Seiten auseinandersetzen. Unter anderem wurde den Wissenschaftern vorgeworfen, das verblüffende Experiment sei nicht seriös
durchgeführt worden. Am Donnerstag trat der CERN-Generaldirektor Rolf Heuer an die Öffentlichkeit, um den Vorwürfen zu widersprechen.
"Wir sind korrekt vorgegangen", verteidigte Heuer die Forscher, die das
Experiment OPERA durchgeführt haben. Sie hatten in einem unterirdischen Labor in
den italienischen Abruzzen nach Neutrinos gespäht, die im rund 730 Kilometer
entfernten CERN erzeugt und auf die Reise geschickt worden waren.
Das Messergebnis hatte die Physiker am CERN selber verblüfft. Denn die
geisterhaften Elementarteilchen schienen im Mittel rund 60 Nanosekunden früher
aufzutauchen als erwartet. Die ultraleichten Elementarteilchen waren damit in dem
Experiment rund 0,025 Promille schneller als das Licht. Die Lichtgeschwindigkeit
gilt nach Albert Einstein als die oberste Geschwindigkeitsgrenze im Universum
und war bisher in keinem Experiment durchbrochen worden.
Die Forscher glaubten zunächst auch an einen Fehler, fündig wurden sie aber nicht.
Falls sich die Messungen bestätigen sollten, könnten sie das physikalische
Weltbild komplett verändern. In der Hoffnung auf eine Erklärung wollten die
CERN-Forscher deshalb die Beobachtungen in der Fachwelt diskutieren und haben
sie dazu im Internet veröffentlicht. Heuer glaubt nicht, dass mit dem Vorgehen
der Ruf seines Labors beschädigt werden könnte.
Kritik an Veröffentlichung
Das CERN sei wissenschaftlich korrekt vorgegangen. Zuerst sei die
wissenschaftliche Publikation erfolgt, danach die Medieninformation und
schließlich sei das Seminar gekommen, sagte Heuer am Donnerstag in Genf vor dem
Club der Auslandjournalisten. Andere Wissenschafter hatten das CERN kritisiert,
weil es die Öffentlichkeit über die Messergebnisse informiert habe, noch bevor
sie in einem weiteren Experiment bestätigt worden seien.
Nur zwei Labors sind in der Lage, die Tests aus dem größten Physiklabor der
Welt - dem CERN - zu wiederholen und damit die Ergebnisse allenfalls zu
bestätigen. Eines ist das Fermilab außerhalb von Chicago, das zweite in Japan
ist wegen des Tsunamis und des Erdbebens im März im Moment nicht in Betrieb. (red/APA)