Frauen-Lohnrunden als Schuss nach hinten

6. Oktober 2011, 18:02
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Gehälter von Männern und Frauen klaffen weit auseinander - Warum Bäckerin Doris Felber keine Extralöhne mag oder Trachtenprofi Gexi Tostmann bei Quoten rot sieht

Der Ruf der Gewerkschafter nach Extralohnrunden für Frauen findet in den Reihen österreichischer Unternehmerinnen wenig Widerhall. Auch Frauenquoten in Aufsichtsräten und Vorständen sind unter den Managerinnen heftig umstritten. Viele sehen darin Munition, die primär gegen sie verwendet werden könnte.

Die Einkommensschere zwischen Männern und Frauen gebe es bei Dienstleistungen - in der Industrie existiere sie seit Jahren nicht mehr, ist sich Angelika Kresch, Chefin des Sportauspuffherstellers Remus & Sebring, sicher. Sie versuche, Frauen für das mittlere Management zu gewinnen, "aber das ist enorm schwierig". Fähige junge Frauen trauten sich die Jobs in der Industrie nicht zu oder verabschiedeten sich ins Familienleben. Solange der Staat nicht für genug qualifizierte Kinderbetreuung sorge, sei es müßig, über gleiche Gehaltschancen und Quoten zu diskutieren. Kresch sieht nicht die Ausbildung als das Problem. "An den Unis gibt es genug Absolventinnen - zehn Jahre später finden sie sich aber nicht in entsprechender Position wieder."

Auch in der Beraterbranche sei der Kollektivvertrag geschlechtsneutral, sagt die Gründerin des Consulters Brainbows, Monika Langthaler. Wer gute Leute suche, müsse sie überzahlen. Dennoch gehe die Kluft bei den Gehältern schon beim Berufseinstieg auf. "Männer fordern von sich aus - Hausnummer - 3000 Euro. Die zumindest gleich kompetente Frau 700 weniger. Kein Chef wird sie bitten, ebenso viel zu verlangen."

An Frauenquoten in Aufsichtsräten sieht die frühere Grün-Politikerin keinen Weg vorbei. Es brauche sie als Brücke zur Gleichberechtigung. Dass es dafür "zu wenig qualifizierte Frauen gibt, ist Blödsinn".

Die Gefahr bestehe, dass Quoten nach hinten losgingen. Trotzdem seien sie derzeit vielleicht das einzige Instrument, um alte Strukturen aufzubrechen, meint Astrid Leyrer, früherer Vorstand bei Palmers, nun Unternehmerin. Bisher sei man nicht viel weitergekommen.

"Eine Alibifrau zu sein - furchtbar." Trachtenspezialistin Gexi Tostmann kann Quoten nichts abgewinnen. Die einzige Möglichkeit, um die Gehaltsschere zu schließen, sei das bedingungslose Grundeinkommen. "Das ist radikal, aber praktisch." Zudem könne viel mit der Aufwertung unterer Einkommen bewegt werden - zulasten jener der Topmanager. Bei ihr verdienten daher die Führungskräfte weniger als anderswo, ihre Arbeiterinnen hingegen gut.

Ihre Tochter und Firmenchefin Anna sieht Sonder-Kollektivvertragsrunden für Frauen ebenso kritisch. "Ich halte nichts von krampfhafter Bevorzugung." Schon oft habe man erlebt, dass sich Betriebe von derartigen Regelungen freikauften, sei es, dass sie dann überhaupt lieber Männer einstellten.

An der ungleichen Lohnverteilung hat sich in den vergangenen 20 Jahren wenig verändert. EU-weit ist Österreich hierbei nahezu Schlusslicht: Eurostat sieht eine Kluft von 25 Prozent. Die Arbeiterkammer beziffert die Differenz mit 24 Prozent. Klammert man Berufssparten und Arbeitszeiten aus, erweitert sie sich auf 38 Prozent. Studien des Wirtschaftsforschungsinstituts sprechen von zwölf Prozent Einkommensunterschied, der sich nicht durch Faktoren wie Beruf, Ausbildung und Karenz erklären lässt.

Verpflichtende Einkommensberichte für Konzerne mit mehr als tausend Mitarbeitern versprechen seit heuer höhere Transparenz; 70 Prozent der betroffenen Betriebe sollen dem nachgekommen sein. Bei Jobinseraten gehören nun Angaben zum Gehalt gemacht. Doch wer beides ignoriert, dem drohen keine Sanktionen.

"Nicht leistbar"

Diskriminierung möge es in großen Konzernen geben, in Klein- und Mittelbetrieben sei das kein Thema - sonst fänden diese auch keine Mitarbeiter mehr, glaubt Doris Felber, Geschäftsführerin des gleichnamigen Bäckereifilialisten. Neue Sonderlohnrunden für Frauen könnten sich kleine Wirtschaftstreibende wie sie im Übrigen nicht leisten. "Die Umsätze sinken, will man, dass wir alle zusperren?"

Viel diskutiert worden sei das Thema in ihrem Unternehmen, erzählt Annemarie Müller, Betriebsrätin bei Schirnhofer: Vielen Frauen gehe es weniger um Extralöhne als ums sozialpolitische Umfeld. Die Arbeit im Handel etwa beginne oft um halb sieben Uhr früh, doch kein Kindergarten öffne vor sieben. Und so sehr man es drehe und wende: "Kindererziehung und Haushaltsführung ist nach wie vor in erster Linie Sache der Frau." (Verena Kainrath, DER STANDARD/Printausgabe 7.10.2011)

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