Die EZB kann den kapitalkranken Banken nur kurzfristig Linderung verschaffen
Jean-Claude Trichet hat bei seiner letzten zinspolitischen Sitzung als Chef der Europäischen Zentralbank wieder einmal Süßigkeiten verteilt. Der nette Onkel der
Eurozone, an den man sich wendet, wenn mal wieder Not am Geld ist, hat die Schleusen der EZB für die Geschäftsbanken wieder geöffnet.
Die Banken erhalten für ein Jahr lang unbegrenzt Liquidität, gleichzeitig kauft die Zentralbank Pfandbriefe auf - das wohl wichtigste Finanzierungswerkzeug der Banken im aktuellen Umfeld, in dem sie einander nur noch besicherte Anleihen abkaufen.
Das Problem ist nur, dass die Krise der Banken tiefer reicht als der kurzfristige Vertrauensverlust. Denn die Geldinstitute haben Finanzierungsengpässe wegen einer Solvenzkrise der europäischen Staaten. Die Anleihen von hochverschuldeten Ländern drohen sich in die Kapitalbasis der Geldinstitute hineinzufressen.
Die EZB kann den kapitalkranken Banken aber nur kurzfristig Linderung verschaffen. Doch genauso wie ein Diabetiker wenig davon hat, wenn er seinen Blutzucker kurzfristig mit Schokolade stabilisiert, brauchen die Banken nicht nur Liquidität. Sie brauchen Kapital, um mit der aktuellen Krise fertigzuwerden. Die Regierungen müssen daher alles tun, um die Kapitalsituation der Institute zu verbessern - indem sie ihre Staatsfinanzen stärken oder sich in den Banken einkaufen. (DER STANDARD; Print-Ausgabe, 7.10.2011)