Uni-Vorzimmer mit 75 Nationen und einer Sprache

6. Oktober 2011, 17:42
2 Postings

Am Vorstudienlehrgang in Wien lernen Studierende aus 75 Nationen für die Aufnahme an einer Uni - Ausländische Studierende werden hier aufs Studium vorbereitet, ein Konzept für die Zeit nach Studienbeginn fehlt jedoch

Wien - Hinter einem Tisch vor den Türen zum Sekretariat sitzt sie, bereit, um orientierungslosen Neuankömmlingen den Weg zu weisen. Informationen gibt sie selbstsicher auf Deutsch. Was viele als Selbstverständlichkeit sehen, ist keine, wenn man bedenkt, dass die junge Ansprechperson erst seit Jahresbeginn Deutsch lernt.

Die Studentin Kimia Hashemi hat im Iran Chemieingenieurswesen studiert und will nun an der Boku mit Lebensmittel- und Biotechnologie fortsetzen. Wie 800 andere ausländische Studierende besucht sie den Vorstudienlehrgang der Wiener Universitäten (VWU), der auf Ergänzungsprüfungen durch Kurse, unter anderem in Deutsch, Mathematik oder Physik, vorbereitet. Diese Prüfungen werden von den jeweiligen Unis bei der Zulassung vorgeschrieben, um die Gleichwertigkeit der Reifeprüfung zu erreichen. Haschemi ist im Rahmen eines Tutorenprojektes "muttersprachliche Ansprechpartnerin" und hilft Landsleuten und anderen Studierenden beim Einstieg und bei der Problembewältigung.

"Zusammen ist es leichter"

Das gemeinsame Lernen im Gebäude im 15. Wiener Gemeindebezirk sei praktisch, meint Hashemi: "Alle wollen die Sprache lernen, alle sind weit weg von der Familie, alle haben dieselben Probleme. Zusammen ist es leichter." Der Alltag am VWU gleicht dem einer Schule: Man wird in täglich stattfindende Kurse eingeteilt, es gilt Anwesenheitspflicht. Ein fixer Rahmen, der den Studierenden zusagt, so Direktorin Margarete Kernegger. Ohne vorherige Deutschkenntnisse sind in der Regel zwei bis drei Semesterkurse (Gebühr: 420 Euro) notwendig, um die Ergänzungsprüfung zu bestehen und an einer Uni studieren zu dürfen. Werden mehr als zwei Semester benötigt, muss man auf zwei andere Institute ausweichen.

Wenn man Ebru Keleº fragt, wie viele österreichische Bekannte sie hat, muss sie nachdenken. Wenig später strahlt sie: "Eine kenne ich! Ich habe sie im Flugzeug kennengelernt." Denn mit dem Kontakteknüpfen ist es für ausländische Studierende nicht so leicht: Am VWU setzt man sich für Sprachförderung ein, Kontakte zu Deutsch-Muttersprachlern findet man dort aber nicht. Und außerhalb des VWU haben die Studenten nur wenig Raum, österreichische Freunde zu finden; zumal auch die Hemmschwelle aufgrund sprachlicher Defizite steigt.

Als Kooperation der Österreichischen Austauschdienstgesellschaft mit dem Unterrichtsministerium und der Wiener Unis hat der VWU die Vorbereitung auf das Studium zur Aufgabe. Während des Studiums ist im österreichischen System jedoch nichts vorgesehen. An Unis beklagt man begrenzte Deutschkenntnisse.

Eine Sache der Priorisierung

Natürlich wäre ein Mehr an Sprachkursen nötig, so Kernegger, doch nicht als Teil des VWU. Dies würde die Wartezeit auf das Studium verlängern. "Hier ist das Gegenargument stärker: die Lebenszeit der Studierenden." Als Abhilfe fordert sie studienbegleitende Sprachangebote. Hochschulforscher Hans Pechar sieht dringend Regelungsbedarf bei der Aufnahme an Unis: "Nicht jeder, der aufzeigt, soll auch aufgenommen werden." So löse man das Quantitätsproblem, und dann könnte und sollte man die wenigen Aufgenommenen massiv fördern. "Sonst hat das keinen Sinn."

Warum ein solches Angebot fehlt? Ein Ressourcenproblem, so Pechar. Kernegger vermutet aber auch eine Frage der Prioritäten: Man denke bei Internationalisierung an Erasmus-Programme oder Forschungskooperationen. "Dass die Leute, die schon vor Ort sind, eine große Ressource für die Internationalisierung darstellen - dieses Verständnis ist nicht ganz da." (Sara Mansour Fallah, UniStandard 6.10.2011)

  • Kimia Hashemi und Ebru Keleº, beide Studentinnen des Vorstudienlehrgangs, helfen als muttersprachliche Ansprechpartnerinnen. Wie notwendig solche sind, wissen sie aus eigener Erfahrung
    foto: standard/urban

    Kimia Hashemi und Ebru Keleº, beide Studentinnen des Vorstudienlehrgangs, helfen als muttersprachliche Ansprechpartnerinnen. Wie notwendig solche sind, wissen sie aus eigener Erfahrung

Share if you care.