"Die Einsamkeit der Primzahlen": Zu zweit alleine

6. Oktober 2011, 17:10
posten

Paolo Giordanos Bestseller "Die Einsamkeit der Primzahlen" erzählt von der Wahlverwandtschaft zweier Außenseiter. Nun wurde das elegische Liebes- und Leidensdrama verfilmt

Wien - Primzahlen eignen sich prima als Metaphern für menschliches Eigenbrötlertum. Wer höchstens mit sich selber kann, tut sich schwer mit anderen. Was aber, wenn sich zwei Primzahlen treffen und ihre Gemeinsamkeiten entdecken? Mit dieser Konstellation beschäftigt sich Paolo Giordanos Roman Die Einsamkeit der Primzahlen, der sich in Italien mehr als eineinhalb Millionen Mal verkaufte und von manchem Kritiker gar als Porträt einer Generation bezeichnet wurde, die sich obsessiv mit den eigenen Seelenwunden befasst.

Saverio Costanzo hat die Geschichte dieser Wahlverwandtschaft mit romantischem Nachdruck nun für das Kino adaptiert und dabei in drei Lebensabschnitte - Kindheit, Jugend, unterschiedliche Phasen des Erwachsenenseins - unterteilt. Diese wechseln einander ab, während sich die beiden zentralen Figuren, Alice und Mattia, annähern und verpassen, ohne dass die Ursachen ihres sozialen Außenseitertums gleich preisgegeben würden.

Dieses erscheint eher wie eine Bürde, mit der man sich arrangiert, zu leben gelernt hat: Alice, die unter einem patriarchalen Vater und einer abwesend-depressiven Mutter aufwächst, wird schon als Schulmädchen von ihren Kolleginnen gedemütigt; Mattia, früh als Hochbegabter stigmatisiert, fällt durch seine Zugeknöpftheit und Neigung zu unberechenbaren Aktionen auf: Einmal schneidet er sich ungerührt in die Hand.

Costanzo ist kein Freund der leisen Töne, er bevorzugt expressive szenische Blöcke, in denen zu suggestiv wummernden Soundteppichen von Mike Patton selbst Alltagsmomente zu einschneidenden Erfahrungen hochstilisiert werden. Die Traumata seiner Helden löst er entsprechend spektakulär als Parallelmontage auf: Ein Unfall im Nebel, in dem sich alle Umrisse verlieren, trifft auf den realen kindlichen Albtraum eines tragischen Verlusts.

Die Einsamkeit der Primzahlen verliert sich jedoch im Ungefähren, weil er über das Schicksalhafte dieser Verbindung und das eher behauptete Gefühl des Dahindarbens hinaus relativ wenig zu erzählen hat. Immerhin bietet der Film mit Isabella Rossellini und vor allem Alba Rohrwacher als Alice zwei nuancenreiche Schauspielerinnen auf.   (Dominik Kamalzadeh/ DER STANDARD, Printausgabe, 7.10.2011)

  • Ein Paar, das die Distanz zum Rest der Menschen eint: Alba 
Rohrwacher (li.) als Alice und Luca Marinelli in Saverio Costanzos "Die 
Einsamkeit der Primzahlen".
    foto: polyfilm

    Ein Paar, das die Distanz zum Rest der Menschen eint: Alba Rohrwacher (li.) als Alice und Luca Marinelli in Saverio Costanzos "Die Einsamkeit der Primzahlen".

Share if you care.