Reichere Länder saugen Personal aus ärmeren Staaten ab - Landflucht weltweites Problem
Bad Hofgastein - 2020 werden im Gesundheitswesen in Europa ein bis zwei Millionen Fachkräfte fehlen, falls nicht rasch gegengesteuert wird. Schätzungen der EU-Kommission gehen von rund 600.000 fehlenden Fachkräften in der Pflege und von 230.000 fehlenden Ärzten aus. Besonders dramatisch wird die Lage für die ärmeren Länder, weil die wohlhabenderen das Personal von dort absaugen, warnte am Donnerstag Armin Fidler, Strategischer Berater für Gesundheitspolitik bei der Weltbank, beim European Health Forum Gastein (EHFG).
Viele Staaten versuchen zwar, mit gezielten Programmen die Arbeitsbedingungen attraktiver zu machen und Gesundheitspersonal länger im Job zu halten, verstärkt würde jedoch auch Personal aus dem Ausland geholt - von Fachärzten für den Spitalsbetrieb bis zu angelernten Pflegekräften, die in Haushalten pflegebedürftige Menschen betreuen. In Großbritannien kämen bereits 47 Prozent der Ärzte aus dem Ausland, in Polen hingegen nur drei Prozent, zitierte Fidler das European Observatory on Health Systems and Policies.
In Rumänien wandern inzwischen mehr als zehn Prozent der Mediziner ins westeuropäische Ausland ab. "Eine rumänische Allgemeinmedizinerin bekommt in Frankreich das Zehnfache dessen, was sie in Rumänien einnehmen kann. Da sind die Wanderbewegungen schon nachvollziehbar", so Fidler. Geld sei jedoch nur ein Faktor für die Mobilität. Eine wichtige Rolle würden auch die Arbeitsbedingungen, das Arbeitsumfeld und die Entfaltungsmöglichkeiten spielen.
Eklatanter Mangel in Afrika
Noch schwieriger sei die Situation aber global betrachtet. Nur drei Prozent des gesamten medizinischen Personals weltweit arbeitet in Afrika südlich der Sahara. Der eklatante Mangel an Ärzten und Pflegepersonen in dieser Region werde durch die erhöhte Nachfrage in den Industrieländern noch verschärft. Das sei aber über die medizinische Frage hinaus auch eine der Ethik.
"Man kann aber nicht verhindern, dass sich Menschen bessere Lebensgrundlagen suchen", zeigte Fidler auch Verständnis. Das betreffe keinesfalls nur die Frage des Einkommens. Sein Vater beispielsweise sei Arzt am Land in Österreich gewesen. Als er, Fidler, zehn Jahre alt wurde, stellte sich die Frage, ob die ganze Familie in eine Stadt ziehen solle oder der Sohn ins Internat komme, um eine gute Ausbildung zu erhalten. Dieses Problem gebe es weltweit. In der Türkei begegnete man ihm ab der Mitte des vergangenen Jahrhunderts damit, dass junge Ärzte einige Jahre am Land arbeiten mussten, wenn sie später Aufstiegsmöglichkeiten haben wollten. Da aber inzwischen auch sehr viele Frauen den Beruf ergreifen, diese aber außerhalb der Städte aufgrund ihres Geschlechtes kaum anerkannt werden, funktioniere das nicht mehr.
Andererseits könne die Migration von medizinischem Personal auch Vorteile bringen. Hunderttausende Philippiner seien auf der ganzen Welt als Pflegerinnen und Pfleger im Einsatz. "Die schicken ihr Geld in ihre Heimat. Das ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor, ein beträchtlicher Teil des Bruttoinlandsproduktes wird im Ausland erwirtschaftet", so der Weltbank-Experte. (APA)