Der Chefanalytiker der Nation ließ zuletzt mit deutlicher Skepsis gegenüber Teamchef Marcel Koller aufhorchen
Wien - Der heimische Chef-Analytiker und Krone-Kolumnist Herbert Prohaska hieß den neuen ÖFB-Teamchef Marcel Koller dieser Tage nicht gerade herzlich willkommen. "Solche Trainer haben wir bei uns genügend", ließ er unter anderem wissen. Philip Bauer erwischte ihn für derStandard.at am Telefon.
derStandard.at: Haben Sie die erste Pressekonferenz von Marcel Koller verfolgt? Wie hat sie Ihnen gefallen?
Prohaska: Ja, natürlich habe ich sie gesehen. Gefallen hat sie mir weder gut, noch schlecht. Es war eine ganz normale Pressekonferenz im Rahmen einer Präsentation. Dazu kann man eigentlich nicht viel sagen.
derStandard.at: Marcel Koller wurde in der ZIB2 mit Ihren Aussagen in der Krone konfrontiert. Er meint, Sie würden seine Arbeit nicht kennen und sollten erst später urteilen.
Prohaska: Da hat er auch recht. Mir liegt es fern, einen Teamchef noch vor dem ersten Spiel anzugreifen. Ich wünsche ihm alles Gute und gehe auch nicht davon aus, dass es mit ihm nicht klappen kann. Wenn ich sage, dass diese Arbeit auch einige Österreicher erfüllen könnten, heißt das noch lange nicht, dass ich Marcel Koller schlecht finde.
derStandard.at: Aber ganz glücklich scheinen Sie mit der Wahl des Teamchefs doch nicht zu sein, oder?
Prohaska: Die Wahl ist eine Überraschung. Es wird immer viel über die Strukturen im ÖFB gesprochen und dabei gerne betont, wir wären in Sachen Trainerausbildung am letzten Stand. Aber keiner, der diese Ausbildung genossen hat, bekommt eine wirkliche Chance. Nichts würde mich aber mehr freuen, als mit Koller zur WM nach Brasilien zu fahren.
derStandard.at: Warum glauben Sie, fiel die Wahl letztlich auf Koller?
Prohaska: Es entsteht der Eindruck, dass jener Trainer ausgewählt wurde, der am meisten bereit war, mit Willi Ruttensteiner zusammenzuarbeiten. Ein Großteil der Trainer will die volle Verantwortung übernehmen. Man arbeitet eng mit dem Trainerteam und den Physiotherapeuten zusammen, aber nicht mit dem technischen Direktor.
derStandard.at: Sie haben sich vor allem für Andi Herzog stark gemacht. Warum?
Prohaska: Auch Franco Foda oder Kurt Jara wären gute Alternativen gewesen. Es hätte in Österreich genug Möglichkeiten gegeben. Koller ist hierzulande eher unbekannt, der Druck auf ihn wird groß sein. Ein in Österreich bekannter Name darf vielleicht ein, zwei Spiele mehr verlieren.
derStandard.at: Sie hätten auch Foda als ÖFB-Trainer gutgeheißen. Es geht Ihnen also nicht um In- oder Ausländer, sondern um die Kenntnisse der heimischen Fußballszene?
Prohaska: Ja, genau. Koller hat am Dienstag selber gesagt, er kennt die Spieler in Österreich kaum. Die Zeit bis zur WM-Qualifikation wird schnell vergehen. Als Klubtrainer würde die Zeit locker ausreichen, ein Nationalteam ist aber was anderes. Aber gut, er wird das schon schaffen.
derStandard.at: Wäre der Job für Herzog nicht zu früh gekommen? Sollte er nicht zuerst seine Erfahrungen bei einem Verein sammeln?
Prohaska: Er ist jetzt 43 Jahre alt, wie lange soll er warten? Vor einem Jahr hat Ruttensteiner angeblich gemeint, Herzog müsse zuerst einen Klub trainieren. Vor seiner Zeit als Technischer Direktor beim ÖFB war er allerdings selbst ein unbeschriebenes Blatt. Und trotzdem waren seine Konzepte für die Nachwuchsarbeit gut.
derStandard.at: Aber ein Trainer muss doch nicht nur das Alter, sondern auch Erfahrung mitbringen.
Prohaska: Wenn Titelgewinne ein Kriterium sind, dann kommt Herzog tatsächlich nicht in Frage. Aber die Arbeit bei einem Verein ist eine ganz andere. Da kann man nicht viel ins Team mitnehmen. Das bringt ihn nicht weiter. Herzog hat als Spieler viele Trainer gesehen, ist seit drei Jahren Coach bei der U21, was fehlt ihm also? Ich sage nichts.
derStandard.at: Vielleicht die Gewissheit, dass er ein guter Trainer ist?
Prohaska: Aber diese Gewissheit haben wir doch bei Marcel Koller auch nicht. Wenn wir uns für die WM qualifizieren oder knapp scheitern ist er ein super Trainer. Aber nur dann. Das ist ja das unfaire an dem Geschäft. Das Kriterium sind die Ergebnisse und sonst nichts. Ich war lieber Spieler.
derStandard.at: Viele Beobachter des Nationalteams denken, dass gerade eine nicht-österreichische Lösung jenseits der klassischen Verhaberung ihre Vorteile hat.
Prohaska: Das hat man vor der Ära Brückner auch gehört. Ich war Spieler bei der Austria und ein paar Monate später deren Trainer. Glauben Sie mir, ich war mit allen Spielern befreundet. Wir haben trotzdem zwei Mal die Meisterschaft und zwei Mal den Cup gewonnen. Daran scheitert es nicht.
derStandard.at: Kritiker meinen, Sie würden Trainer aus dem Ausland härter angehen?
Prohaska: Nein, das kann man mir nicht vorwerfen. Ich nehme mir nur das Recht, meine Meinung zu sagen. Ohne davon auszugehen, dass ich immer Recht habe. Ich bin der erste, der auch sagt: Super, ich habe mich geirrt, wir haben einen tollen Trainer verpflichtet!
derStandard.at: Sie schreiben in ihrer Kolumne, Marcel Koller müsse sich "an den Erfolgen der heimischen Trainer messen lassen müssen". Welche Erfolge?
Prohaska: Damit ist natürlich nicht die jüngste Vergangenheit des ÖFB-Teams gemeint. Aber Österreich hat sich unter Helmut Senekowitsch, Karl Stotz, Josef Hickersberger und meiner Wenigkeit jeweils für die WM-Endrunde qualifiziert. Wenn sich der Erfolg nicht rasch einstellt, wird man immer sagen: da hätten wir auch einen von uns nehmen können.
derStandard.at: Sie haben auch gemeint, Rückendeckung sei für den Trainer sehr wichtig. Sollten Sie ihm nicht auch solche gewähren?
Prohaska: Ich bin nicht dafür verantwortlich, ihm den Rücken freizuhalten. Ich habe ja keine offizielle Funktion.
derStandard.at: Aber Ihre Stimme hat Einfluss, die Medien haben eine gewisse Macht.
Prohaska: Soweit kann ich nicht gehen. Wenn ich der Meinung bin, ein anderer Trainer wäre besser gewesen, dann sage ich das auch. Ich kann nicht alles loben. (derStandard.at; 5. Oktober 2011)
Herbert Prohaska (56) ist "Österreichs Fußballer des Jahrhunderts". Er spielte erfolgreich für Austria Wien, AS Roma und Inter Mailand. Als Trainer führte er die Wiener Austria zu zwei Meistertiteln und das ÖFB-Team zur WM-Endrunde 1998.