Österreich-Hilfe für Propagandisten der Intoleranz?

Kommentar der anderen
5. Oktober 2011, 18:34

Wien plant mit Saudi-Arabien ein Zentrum für "interreligiösen Dialog" - Darf das wahr sein?

Bereits im April hatte der Großscheich der Al-Azhar-Universität, der bedeutendsten sunnitischen theologischen Hochschule, den österreichischen Außenminister bei seinem Ägypten-Besuch vor dem Projekt gewarnt. Nun stößt Spindeleggers Absicht, am 13. Oktober 2011 gemeinsam mit dem Königreich Saudi-Arabien ein Abkommen zur Gründung des "King Abdullah Bin Abdulaziz International Centre for Interreligious and Intercultural Dialogue" in Wien zu unterzeichnen, auch bei den Grünen und der Initiative Liberaler Muslime Österreichs (ILMÖ) auf massive Ablehnung.

All diese Warnungen scheinen die Bundesregierung jedoch nicht zu berühren. Laut Medienberichten soll es mit dem Palais Sturany sogar schon einen Sitz der neuen Organisation geben, wobei sich Österreich, die Kaufkonditionen betreffend, sehr "entgegenkommend" verhalten habe. Zugestimmt hat dem nicht nur das Außenministerium, sondern auch der Ministerrat. Politisch verantwortlich ist damit sowohl die ÖVP als auch die SPÖ. Weshalb sich die österreichische Regierung in toto fragen lassen muss, ob sie weiß, was sie da tut: Ist ihr nicht bekannt, dass sich der von Saudi-Arabien als Staatsreligion anerkannte Wahabismus massiv gegen andere Religionen wendet und "interkulturellen Dialog" nur als Vorwand für eine aggressive Missionierung verwendet?

Zur Verdeutlichung: Der Wahabismus ist in Saudi-Arabien die einzig staatlich anerkannte und erlaubte Religion. Andere Formen des Islam und andere Religionen sind verboten und werden teilweise auch staatlich verfolgt. Saudi-Arabien ist der einzige islamische Staat, in dem es keine Kirche, keine Synagoge und keine andere Gebetsstätte irgendeiner anderen Religion geben darf. Schiitische Muslime werden seit Jahrzehnten systematisch diskriminiert. Jüdinnen und Juden ist sogar die Einreise in das Königreich verboten. Die in Saudi-Arabien praktizierte Form der Scharia gehört zu den brutalsten Rechtssystemen der Welt. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 wurde von Saudi-Arabien stets abgelehnt. Frauen dürfen nicht mit dem Auto fahren und können durch Auspeitschung bestraft werden. Körperstrafen inklusive Amputationen und Hinrichtungen gehören in diesem Königreich zum Alltag. Erst vor zwei Wochen wurde in Saudi-Arabien ein sudanesischer Migrant wegen "Hexerei" öffentlich enthauptet. Selbst für "Verbrechen" wie Prostitution oder Homosexualität können Todesurteile verhängt werden. Und: Saudi-Arabien ist einer der wenigen Staaten der Erde, in denen die Todesstrafe auch an Jugendlichen vollstreckt wird. - Dies ist nicht der Islam, es ist aber das, was Saudi-Arabien unter Islam versteht.

Zudem sollte der österreichischen Regierung bekannt sein, dass Saudi-Arabien seit Jahrzehnten seine Öleinnahmen auch dazu verwendet, unter Muslimen zu missionieren und diese Form eines extrem puritanischen und gegen jede religiöse Toleranz gerichteten Islam weltweit zu propagieren. Saudi-Arabien ist einer der Hauptverantwortlichen für die Verbreitung extremistischer Positionen innerhalb der islamischen Welt. - Will das Außenministerium wirklich just so einem Staat die Möglichkeit geben, in Österreich ein internationales Propagandazentrum zu errichten? Will die Bundesregierung damit die hier lebenden Muslime offen den wahabitischen Rekrutierungsmethoden aussetzen? Will sie damit eine integrationsfeindliche Ideologie fördern, die ebenso zu Zwietracht unter Muslimen wie zu weiteren wechselseitigen Vorurteilen zwischen Muslimen und Nichtmuslimen beitragen wird?

Dialog hört sich schön an und selbstverständlich kann man mit jedem einen Dialog führen. Wer sich allerdings die Bedingungen eines solchen Dialogs von einem Staat diktieren lässt, der keinerlei Religionsfreiheit und Menschenrechte kennt, wird damit zum Kollaborateur bei der Propagierung von Intoleranz und Hass gegen Andersdenkende. (Thomas Schmidinger/DER STANDARD-Printausgabe, 6.10.2011)

THOMAS SCHMIDINGER ist Politikwissenschafter, Vorstandsmitglied der im Nahen Osten tätigen Hilfsorganisation LeEZA und Lektor an der Uni Wien sowie der Fachhochschule Vorarlberg.

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hm

furchtbar, was da abgeht. kaum zu fassen

Protestmails an Spindelegger statt sudern!

geld, öl, ...

unsere politiker sind nun mal käuflich, das hat sich wohl bis saudi-arabien durchgesprochen...

Dialog ?

was soll da wohl beredet werden ? Dass wir Moscheen zulassen - was ich fuer richtig halte - oder dass zur Abwechslung mal ein Sikh- oder buddhistischer Tempel in Saudi Arabien errichtet wird ? Bei den tausenden Gastarbeitern aus Indien und Asien nicht ganz unbillig. Ich will gar nicht von Kirchen fuer zehntausende christliche Filipinos sprechen, die sich in Saudi-Arabien verdingen muessen. Uebrigens mal gefragt: wo ist eigentlich die UN Charta, die Religionsfreiheit verspricht, in Riyadh versteckt ? Und warum dringt niemand auf Einhaltung? Ich weiss schon: der letzte "Freund" des Westens in Mittelost und Oel. Ja, wir haben ein tolles Rueckgrat im politisch korrekten Europa.

noch dazu haben sie eine große religiöse minderheit im lande: schiiten

Super Idee

Find ich klasse, das österreich zusammen mit saudi-arabien ein zentrum für interreligiösen dialog baut - solange das zentrum in saudi-arabien gebaut wird. Die hätten sowas bitter nötig.

hier geht es nur um den dialog mit erdölpumpen!

ethisch-moralische positionen werden billig abverkauft.

im politsprech nennt man das dann "pragmatische dialogpolitik".

grün für den kommentar.

"Dies ist nicht der Islam"

Das ist wahrscheinich die am haeufigsten verwendete Aussage bei Diskussionen um den Islam.

Ist auch schwer zu definieren, was denn "der Islam" sei, bei so vielen Splittergruppen und Auslegungen.
Bleibt also nur, das als Islam zu definieren, was ueberbleibt, wenn wir alles nicht mit ihm assoziieren.
Michael

Erdogan sieht's nicht anders:

"Ein Muslim kann keinen Völkermord begehen"
(über den Völkermörder al-Baschir)

Es gibt gar keine Splittergruppen

es gibt eine radikale Auslegung Sunna und Wahabismus sind dem durchausnahe. Die "Splittergruppen" sind oft ethnisch historisch bedingt

türkische Alawiten
osmani
Drusen
iraner

das sind Traditionen aber keine Auslegung an sich.

Anscheinend kennen Sie sich besser aus als ich

Es interessiert mich ernsthaft, wer im Islam fuer die Auslegung zustaendig ist.

Mfg Michael

Wie viele ÖVP Wähler werden sich ob dieser Tatsache verabschieden?

fangen wir einmal mit einem Dialog an

das größte Problem ist die Religion des Geldes (der Gier) und die wütet weltweit...wenn die Saudis kein Öl hätten wären sie arm in der Wüste, aber wahrscheinlich anständiger als mancher Christ...

der aberglaube gehört abgeschafft!

eh klar, dass die müllzensorInnen des standards so etwas nicht erlauben können und sich schützend vor die wahhabiten stellen

interreligiöse toleranz?

sicher, sie ist vollendet, sobald christliche kirchen, buddhistische und hinduistische tempel, synagogen, freimauererlogen etc. in mekka eröffnet werden

alles andere ist schall und rauch

gestern zensuriert, heute erlaubt?

tja, die meinungsfreiheit des einen ist begrenzt vom glaubenszwang des anderen

sehr entgegenkommend

bei Palais-Kauf: steuerfrei halt. Weil das angeblich so etwas wie eine Botschaft sein soll.
Wir haben's ja.

Erschreckend welchen Schwachsinn ich als eingefleischter Säkularist mit meinem Steuergeld finanzieren muss.

Von mir aus soll jeder seine religiösen Ideen verbreiten, solange er dies im Rahmen der Gesetze tut und aus seiner eigenen Tasche finanziert. Ist der Wahabismus eine in Österreich anerkannte Religionsgemeinschaft? Wenn ja, so wird er leider ohnehin wie jede andere anerkannte Religionsgemeinschaft gefördert. Hauptsache die kath.Kirche regiert mit.

Ich verstehe das nicht.

Ich lehne den Islam nicht ab. Ich hielte sogar ein interreligiöses Forum für eine gute Idee.

Warum man aber den Dialog ausgerechnet in Zusammenarbeit mit (neben dem Iran) absolut schlimmsten islamistischen Regime aufbauen will, ist mit völlig unverständlich.

In fast allen islamischen Staaten ist die Situation besser als in Saudi-Arabien. Das Land nimmt mit dem Wahabismus eine Sonderrolle ein und ist keinesfalls repräsentativ für den Islam. Nur ein kleiner Teil der Araber sind Saudis, nur ein kleiner Teil der Muslime sind Araber. Warum unterstützt Österreich die Saudis bei ihrem ungerechtfertigten Anspruch auf eine Führungsrolle im Islam???

"Warum man aber den Dialog ausgerechnet in Zusammenarbeit mit (neben dem Iran) absolut schlimmsten islamistischen Regime aufbauen will, ist mit völlig unverständlich."

Öl...

Die Antwort wissen Sie eh, nehme ich an.

sehr richtig

mir wären da die bosniaken am liebsten, schon allein wegen der geographischen nähe und der kulturellen sowieso. ausserdem leben die einen islam der meiner meinung nach mit einer modernen einigermassen verträgt. niemand käme auf die idee der westboro babtist church(god hates fags) den dialog zu überlassen.

danke für diese nüchterne und unaufgeregte kritik

aber die am ende gestellten fragen können auch ohne fragezeichen stehen bleiben. ja, die regierung will alles das. schliesslich gibt es vor allem von konservativer seite enge ideologische parallelen: für die ÖVP heisst "dialog", dass die untertanen die hände falten und die goschn halten und die ÖVP ist bekanntlich erbin jener klerikalfaschisten, die auch im namen des glaubens mit waffengewalt und anderen saudi-methoden die "roten gfrieser" in die schranken gewiesen haben. und ayatollah khol wollte ja auch gott in der verfassung verankern, also österreich in richtung gottesstaat lenken. die ÖVP steht dem terror der saudis näher als viele denken und die SPÖ macht alles mit, um aus machtkalkül die harmonie mit der ÖVP nicht zu gefährden.

"und ayatollah khol wollte ja auch gott in der verfassung verankern, also österreich in richtung gottesstaat lenken."

Ja sicher.

So wie Sie Österreich gern Richtung Bolschewismus ausrichten würden.

Ja, ich weiß, dass diese Unterstellung Blödsinn ist.
Und ich WETTE, dass Sie das bei Ihrer Unterstellung eigentlich auch wussten/wissen.

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