Die Altlasten einer harten Kindheit

6. Oktober 2011, 17:09
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Das US-Duo Girls gilt als eine Band der Stunde. Geschuldet ist diese Einschätzung der Offenheit ihrer Texte. Ansonsten darf man sich eher wundern

... wie Karl Fluch meint.

Christopher Owens ist schwer beschädigt. Zurzeit geht es ihm auch deshalb nicht so gut, weil er einen Drogenentzug macht. Muss ja, muss ja, denn heroinsüchtig auf Tournee zu gehen ist nicht so lässig, weil das Zeug ja fast überall verboten ist. Darüber spricht der bleiche junge Mann mit den gelbblonden Haaren mit derselben Offenherzigkeit, mit der er über seine Jugend parliert. Die verbrachte er in der Sekte Children Of God in Südkalifornien. Eine Art der Mitgliederwerbung ist das Versprechen von Sex, weshalb diese ehrenvolle Aufgabe den Frauen zufällt. Owens Mutter war eine davon, und Klein Christopher musste mehr als einmal dabei zusehen, wie Mutti alles tat, um der Sekte ein weiteres Mitglied zuzuführen. Eine schöne Kindheit.

Christopher Owens ist ein Girl. Kein Mädchen, aber Girls, so heißt seine Band, die er mit Chet White betreibt, der ist das andere Girl. Mittlerweile ist Owens der Sekte entkommen und lebt in San Francisco. White ist so etwas wie ein großer Bruder für ihn, gemeinsam haben sie nun das Album Father, Son, Holy Ghost veröffentlicht, den zweiten Longplayer des Duos, das nach dem Debüt Album in den einschlägigen Durchlauferhitzern wieder für Verzückung sorgt. Dabei war Album ein durchschnittliches Gitarrenschrammelwerk von dünnpfiffiger Produktion.

Für Father, Son, Holy Ghost wurde in die Produktion investiert, was sich in einer recht heimeligen Grundstimmung niederschlägt. Gerade in den langsameren Stücken gegen Ende des Werks. Der große Bonus, der scheinbar riesige Vertrauensvorschuss, den Girls bei einschlägigen Plattformen wie Pitchforkmedia genießen, ist Owens' Offenheit geschuldet: "Du sollst nicht lügen" als Altlast seiner Jugend. Ansonsten kann man sich über die haltlose Begeisterung weiter wundern. Gut, die schnelleren, poppigeren Songs, die das Album eröffnen, besitzen den Charme früher Gitarren-Pop-Pioniere der 1980er-Jahre. Das Debüt von Primal Scream ist nicht weit, The Wedding Present in gefasster Gemütslage auch nicht. Das ist also herziger, mit zumindest gut nachgestellter Euphorie gespielte Popmusik, aufpoliert, abgestaubt und mit Owens' Krankheitsbild versehen.

Reicht das? Scheinbar ja. Kritik an Girls wird mit dem Argument weggewischt, diese Musik sei so wahnsinnig ehrlich, dass nur Menschen mit steinernen Herzen davon nicht bewegt sein könnten. Gut, Bon Jovi gilt auch als Schöpfer ehrlicher Musik, aber da wollen wir ja nicht hin. Dabei strapazieren die Songs der Girls stellenweise ähnliche Plattitüden wie der blonde Schablonenrocker aus New Jersey. Und während schlichtes Nachstellen sonst als Ideenlosigkeit oder platter Gag wahrgenommen wird, frohlocken hier geschichtslose Konsumenten über die abenteuerliche Achterbahnfahrt der Girls-Musik, nur weil jemand im Stück Die ein Riff von Deep Purple zu erkennen glaubt. Deep Purple! Das sagt eigentlich schon alles.

Doch trotz dieser Vorbehalte erwischen einen Girls dann doch hin und wieder. Mit Liedern wie Vomit, die etwas unberechenbarer wirken, weil da kurz die Gitarre ärger gewürgt wird. Ansonsten sind Girls eher über ihre Phänomenologie interessant: Kann einem Pitchfork eigentlich schon jeden Schmarren andrehen? Darüber kann man beim Song Jamie Marie nachdenken, der mit einer von Willie Nelson entlehnten Melodie beginnt. Natürlich erwischen sie einen damit.

Am 21. November gastieren Girls im Wiener Wuk. Vielleicht kennt man sich danach aus.  (DER STANDARD, Printausgabe, 7.10.2011)

Girls: "Father Son, Holy Ghost" (True Panther Records)

  • Christopher Owens (li.) und Chet White sind Girls. Ihr zweites Album stellt mehr Fragen, als es beantwortet.
    foto: true panther

    Christopher Owens (li.) und Chet White sind Girls. Ihr zweites Album stellt mehr Fragen, als es beantwortet.

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