"Quasiforscher" wird doch noch Nobelpreisträger

    5. Oktober 2011, 18:04
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    Der Chemiker Daniel Shechtman ist Israels zehnter Laureat

    "Danny Shechtman redet Blödsinn. Es gibt keine Quasikristalle, es gibt nur Quasiforscher." Wenn kein Geringerer als Linus Pauling, US-amerikanischer Nobelpreisträger für Chemie (1954) sowie Frieden (1962) am Höhepunkt seines Ruhms solche Dinge bei Chemiker-Kongressen vor tausenden Fachkollegen sagt, dann kommt das einer wissenschaftlichen Hinrichtung gleich.

    Noch schlimmer wird die Sache nur noch, wenn die eigene Tochter in der Schule von Linus Pauling hört und dabei erfährt, dass der gegen den Vater ist - und die Tochter dann sagt, dass Pauling wohl recht haben muss.

    Daniel Shechtman hat sich trotz allem nicht beirren lassen, bliebt seiner Überzeugung trotz jahrelanger heftiger Widerstände treu - und wurde fast dreißig Jahre nach seiner Entdeckung der Quasikristalle mit dem Nobelpreis für Chemie 2011 belohnt. Shechtman ist damit der bereits zehnte Israeli, der zum Nobelpreisträger wurde.

    Dass der 1941 in Tel Aviv geborene Shechtman seinen Weg in der Wissenschaft machte und nicht in der Druckerei, die seine Großeltern gegründet hatten, lag an einem Buch: Der junge Danny verschlang als Kind Jules Vernes Roman "Die geheimnisvolle Insel" gleich 25-mal und wollte so wie der Held Maschinenbauer werden. Also studierte er am Technion in Haifa Ingenieur- und Materialwissenschaften. 1972 promovierte er am Technion, wo er auch heute noch als Professor und Direktor des Wolfson Centre forscht.

    Unmittelbar nach der Dissertation ging er indes mit seiner Frau und den drei Töchtern in die USA und forschte dort für die US-Luftwaffe an den physikalischen Eigenschaften von Titan-Aluminiden. Obwohl alles dafür sprach, in den Vereinigten Staaten zu bleiben, kehrte er als Zionist wieder zurück nach Israel. Seine bahnbrechende Beobachtung machte er im April 1982 dann wieder während eines Sabbaticals in den USA.

    Die nächsten zehn Jahre wurden die Quasikristalle zum Gegenstand einer der heftigsten Kontroversen in der jüngeren Geschichte der Wissenschaft. Aus Shechtmans Sicht war der Streit mit Pauling schon fast "theologischer" Natur - und endete erst mit dessen Tod im Jahr 1994. Damit war auch der Widerstand gegen Shechtman gebrochen, der von da an einen wichtigen Preis nach dem anderen erhielt. Nun folgt als Krönung der Nobelpreis - 47 Jahre, nachdem sein schärfster Feind damit ausgezeichnet worden war, der ihn als "Quasiforscher" denunziert hatte. (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Printausgabe, 6. 10. 2011)

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